Fred Jung

Der Deal

Simon Jahn
David Vogt

Er galt als Deutschlands Sonnen- und Windkönig: Fred Jung hatte mit einem Kompagnon das weltweit führende Solar- und Windenergieunternehmen Juwi aufgebaut. Doch dann steckt nicht nur die Firma in einer existenziellen Krise. Jung überfährt auch seinen eigenen Sohn.

Hollywood-Schauspieler Ben Affleck erzählte kürzlich über seinen Erfolg: »Meine wildesten Träume sind wahr geworden. Der Preis ist aber ein faustischer Pakt, bei dem deine Identität dir nicht mehr selbst gehört.« Goethes studienmüder Faust verschrieb dem Mephisto seine Seele im Tausch für puren Lebensgenuss. So mancher ist bereit, einen hohen Preis für Ruhm und Macht zu zahlen. Was aber bewog den Studenten Fred Jung dazu, 1995 einen übernatürlichen Deal einzugehen? Nicht mit dem Teufel, sondern mit Gott. War es jugendlicher Übermut? Auf einem Spaziergang am Hungerberg, einem Hügel hinter dem Bauernhof seiner Eltern, versprach er dem Allmächtigen: Wenn sich hier einmal finanziell stabile Windräder drehen, stelle ich dir meine Kraft und Ressourcen neu zur Verfügung.

Wie alles begann

Es ist Anfang 1995, als den Bauernsohn und Agrarökonomiestudenten Fred Jung die Idee fasziniert, mit Wind kostenlos und ohne Emissionen Strom zu erzeugen.

Ich besorgte mir einen ausrangierten Laternenmast, bog ihn gerade, schweißte Verlängerung und Abspannhaken darauf und befestigte daran ein Windmessgerät und einen Datenlogger. Dann schleppte ich das Teil zur höchsten Erhebung des Ackers meiner Eltern in Kirchheimbolanden, grub per Spaten ein Loch und zog den Masten mit dem Frontlader hoch. Nach sechs Monaten Windmessungen rechnete ich die Werte hoch und sah, dass sich der Standort zur Stromproduktion rentieren würde. Mit Finanzplan und Bauantrag ging ich zur Kreisverwaltung.

An Windräder als Energielieferanten denkt im pfälzischen Donnersbergkreis aber noch niemand, und so erntet Fred Jung bei der Behörde erst einmal ungläubige Blicke. Das hält den Studenten nicht davon ab, mit dem kommunalen Energieversorger zu verhandeln. Schnell muss er dabei feststellen, dass auf dem elterlichen Acker ein Anschluss ans Stromnetz zu teuer wäre.

Ein mutiger Schritt

Kurz darauf lernt Jung Matthias Willenbacher kennen. Beide haben den gleichen Traum in derselben Region: ein Windrad bauen. So machen sie gemeinsame Sache. Ein Name ist schnell gefunden: »Ju«, sagt Jung und hält Willenbacher seine Hand hin. »Wi«, sagt der und schlägt ein. Ihre große Vision: Eine hundertprozentige dezentrale Versorgung mit erneuerbaren Energien. Für die Juwi Windenergie GmbH legen sie ihr Erspartes zusammen, suchen sich zwanzig Kommanditisten in der Nachbarschaft und bekommen Ende 1996 die erste Baugenehmigung. Investitionskosten: 1,2 Millionen Mark.

Das finanzielle Risiko bereitete mir schlaflose Nächte. In einer ging ich auf die Knie und betete: »Gott, wenn das der richtige Weg ist, gib mir bitte ein Zeichen.« Am nächsten Morgen las ich einen Bibelvers: »Denn siehe, der Herr macht die Berge, schafft die Winde und offenbart den Menschen seine Gedanken.« Da wusste ich, dass Gott mir sagt: »Ich trage die Verantwortung und bin bei dir. Ich bestimme sogar den Wind und werde dich versorgen.« Von diesem Moment an hatte ich totale innere Ruhe, das Projekt anzugehen.

Rasanter Aufstieg

1997 geht das erste Windrad in Kirchheimbolanden ans Netz. Zahlreiche folgen. 1999 kommt die erste Anfrage aus dem Ausland. Um ihre Vision von einer Vollversorgung voranzutreiben, steigt Juwi auch in den Solarmarkt ein. 2002 bauen sie die erste große Anlage. Im fünften Unternehmensjahr können die Projektentwickler bereits auf über hundert realisierte Wind- und Solaranlagen zurückblicken. Sie stellen Juwi noch breiter auf, setzen auch auf Biogas als Energiespeicher der Zukunft. Tochterfirmen entstehen. Mit dem Boom der Solarbranche Anfang des neuen Jahrtausends nimmt die Erfolgsgeschichte weiter an Fahrt auf. Die Medien feiern die »Pionierfirma« und ihre zwei Vorstände als »schillernde Stars der Ökobranche«. Diese sammeln Superlative von »größter Windpark Mittelamerikas« bis »zweitgrößte Fotovoltaikanlage der Welt« und Auszeichnungen wie »Entrepreneur des Jahres«. Der Konzern hat weltweit Niederlassungen, 1800 Mitarbeiter und macht 2012 einen Umsatz von über einer Milliarde Euro. Dennoch wird es eines der schwärzesten Jahre der Firmengeschichte.

Klare Grenzen

Zu diesem Zeitpunkt ist Fred Jung bereits Vater von fünf Söhnen und einer Tochter. Kurz nach der Unternehmensgründung hatte er geheiratet. 2000 kam das erste Kind zur Welt.

Ich habe mir von Anfang an klare Grenzen gesteckt: Familie steht in der Priorität vor der Company – nicht immer hinsichtlich der Zeit, aber hinsichtlich der Qualität, bei Urlauben, wichtigen Ereignissen und wenn es brennt. Samstag ist halber Arbeits- und halber Familientag. Sonntag ist arbeitsfrei. Zum Frühstück immer zu Hause sein, ebenso zu fünfzig Prozent der Abendessen. Um meine Prioritäten immer wieder klar zu ordnen, nahm ich mir zudem ein Schweigewochenende pro Jahr im Kloster.

Gelebte Werte

Zwischen 2008 und 2010 bauen Jung und Willenbacher als neue Firmenzentrale das energieeffizienteste Bürogebäude der Welt, das durch erneuerbare Energien mehr Strom selbst erzeugt, als es verbraucht. Es zementiert die Werte der Gründer: Nachhaltigkeit, Regionalität, Mehrwert. Und für die Mitarbeiter schaffen die Gründer viele Benefits wie Fitnessraum, Fußball- und Beachvolleyballplatz, Tischtennisraum, Mensa mit regionalem Bioessen, eigene Kindertagesstätte sowie Ruhe- und Andachtsraum.

Wir müssen das leben, worüber wir reden. In der Wirtschaft ist Glaubwürdigkeit heute das wesentliche Thema. All das ist nicht in Euro messbar, aber mein Bauch sagt mir, dass es mehr bringt, als es kostet.

Der Deal

Im Rekordjahr 2012 landet eines Tages eine unscheinbare Nachricht auf dem Schreibtisch von Fred Jung: Nach siebzehn Jahren erfolgloser Bemühungen genehmigt das Bauamt einen Windpark auf dem Hungerberg, dem Hügel hinter dem elterlichen Bauernhof, auf dem die achtköpfige Familie inzwischen gemeinsam mit Jungs Eltern lebt. Als der kurz darauf wieder sein stilles Wochenende im Kloster begeht, erinnert ihn Gott an den Deal von 1995: Wenn sich hier einmal finanziell stabile Windräder drehen, stelle ich dir meine Kraft und Ressourcen neu zur Verfügung. Ohne an seiner Zusage zu zweifeln, beschließt Jung, sich innerhalb des Jahres aus dem operativen Geschäft von Juwi zurückzuziehen und in den Aufsichtsrat zu wechseln.

Fred Jung vor dem Hungerberg, einem Hügel nahe des elterlichen Bauernhofs. Dort, wo der Unternehmer vor über zwanzig Jahren einen Deal mit Gott machte, drehen sich heute Windräder von Juwi.

Die Krise

Im selben Jahr fährt die Bundesregierung die Subventionierung der Fotovoltaik deutlich zurück. Der Solarmarkt in Deutschland bricht daraufhin stark ein. Juwi sieht sich gezwungen, den inländischen Anlagenbau komplett einzustellen. Damit fallen 370 Millionen Euro Umsatz weg. Hinzu kommen Managementfehler: zu lange Verlustgeschäfte im Biosegment, zu hohe Fixkosten, teils falsche Personalentscheidungen. Zwar haben die beiden Anteilseigner Jung und Willenbacher die Gewinne stets im Unternehmen belassen, dennoch schrumpft die Eigenkapitalquote 2013 auf unter drei Prozent. Ein 2012 aufgenommerer Bankkredit in Höhe von 252 Millionen Euro wird für die Unternehmer nun zu einem enormen Risiko. Zudem macht eine Anklage wegen Korruptionsverdachts gegen Willenbacher, die eine Zusammenarbeit mit einem Kommunalpolitiker betrifft, dem Projektentwickler zu schaffen. Jung merkt, dass es als Kapitän in dieser Zeit falsch wäre, das Schiff zu verlassen.

Der Unfall

Während Juwi tiefer in die Krise rutscht, ist der Bauernhof für Fred Jung ein Ort des Auftankens. Nachdem er eines Samstags mit den drei jüngsten Söhnen Holz aufgestapelt hat, setzt er den Gabelstapler zurück, um die Gitterbox wegzufahren. Da hört er einen der Söhne rufen: »Papa, Papa, der Joshi liegt am Boden und blutet.« Als Fred Jung den nicht einmal zweijährigen Joshua hochhebt, realisiert er erst, was passiert ist. Sein Sohn hängt schlaff wie ein Sack in seinen Armen, keine Atmung. Jung rast mit ihm zum Krankenhaus.

Ich rang mit Gott: »Sei du bei Joshi und tu, was immer du für richtig hältst.« Aber eigentlich ahnte ich schon, dass ich ihn loslassen muss.

Im Krankenhaus versuchen die Ärzte, Joshua zu reanimieren – vergeblich. Darum wird der kleine Junge in die Mannheimer Uniklinik geflogen.

Während wir mit dem Auto hinterherfuhren, bekam meine Frau den starken Impuls, mir zu sagen, dass mich keine Schuld trifft. Dieser Satz hat vermutlich unsere Ehe gerettet. Als wir in der Uniklinik ankamen, war Joshi tot – und dennoch war es eine friedvolle Atmosphäre, in der wir Abschied nahmen. Nachts konnte ich dann nicht schlafen. Zwei-, dreimal kniete ich nieder und flehte Gott um ein Zeichen an. Ich fragte ihn, wie ich mit dieser Schuld umgehen könne. Dann sah ich Joshi auf mich zukommen. Er legte seine Hand auf meine Wange und sagte: »Papa, ich bin jetzt bei Jesus und mir gehts richtig gut!« Das war so klar und real, dass mich ein tiefer Frieden erfüllte.

Während der Trauerfeier sangen wir Lieder zur Ehre Gottes, und am Grab ließen wir hundert bunte Luftballons aufsteigen, um den Blick nicht nach unten auf den Sarg zu richten, sondern hoch in den Himmel zur Ewigkeit. Das war für viele berührend. Es war eine übernatürliche Kraft da, etwas sehr Besonderes. Manche Leute sagten aber auch: Wie könnt ihr das nur machen? Als Joschi starb, war der Schmerz groß – und er ist auch heute noch da. Aber er war nie bodenlos. In dieser Zeit hat Gott mein Herz und meinen Geist geschliffen und vorbereitet auf die Krisenzeit bei Juwi. Ich wurde gelassener, mit schwierigen Umständen umzugehen. Das hat mir geholfen, den Fokus auf das wirklich Wesentliche zu legen.

Am Tiefpunkt

Als Fred Jung nach drei Wochen wieder in die Firma kommt, erlebt er eine überwältigende Anteilnahme der Mitarbeiter. Aber auch wilde Gerüchte haben die Runde gemacht. Jung hat wenig Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, denn Juwi steckt in einer existenziellen Krise. Nach einem Vertragsbruch mit den kreditgebenden Banken werden die Gelder befristet. Wöchentlich wird geprüft, ob Juwi Insolvenz anmelden muss. Jung muss 400 Mitarbeitern auf einen Schlag kündigen. Die Hälfte der Vorstände geht. Fred Jung und Matthias Willenbacher ist klar: Nur mit einem starken Investor kann der Konzern überleben. Den finden sie in der Mannheimer MVV Energie AG, die 50,1 Prozent der Firmenanteile übernimmt. In den Verhandlungen vereinbart Jung bereits seinen Wechsel in den Aufsichtsrat Mitte 2015. Wenige Monate nach der Übernahme entscheidet sich Willenbacher, andere Wege zu gehen. Nachdem Jung einen Nachfolger eingearbeitet hat, zieht er sich Mitte 2016 schließlich aus dem operativen Geschäft zurück. Im selben Jahr wird Willenbacher vom Vorwurf der Korruption freigesprochen.

Happy End?

Sorgenfalten sucht man vergeblich, steht man Fred Jung heute gegenüber. Der 46-Jährige strahlt eine ansteckende Zufriedenheit aus.
Er ist kein gebrochener Mann. Seinen jugendlich-verschmitzten Blick und seine gradlinige Haltung hat er sich bewahrt – allen Tiefschlägen zum Trotz.

Ja, ich war enttäuscht und frustriert, aber ich habe nie an Gott gezweifelt. Ich stand vor der Entscheidung, ihn anzuklagen oder an ihm festzuhalten und meine Tränen von ihm abtrocknen zu lassen. Ich habe mich für den zweiten Weg entschieden und erlebt, wie er Frieden, Erneuerung und Ermutigung schenkt und mich zu hundert Prozent versorgt.

Juwi befindet sich inzwischen wieder auf stabilem Kurs. Das Unternehmen hat sich schlanker aufgestellt und auf seine zwei Kerngeschäfte zurückbesonnen. In beiden ist es eine internationale Größe. Über 1500 Solar- und 500 Windkraftanlagen hat es nun ans Netz gebracht. Damit wird jährlich Strom erzeugt, der für 2,5 Millionen Haushalte ausreicht. Von den einst 1800 Mitarbeitern sind 1000 geblieben.

Ich sehe mich bei Juwi als Verwalter, nicht als Besitzer. Denn: Mit Blick auf die Ewigkeit hat das letzte Hemd keine Taschen. Darum fielen mir die Veränderungen nicht so schwer – zumal der Deal mit Gott ja stand. Ab 2018 möchte ich dann verstärkt hinhören, wo er mich in Zukunft einsetzen möchte. So wie es für mich vor zwanzig Jahren eine klare Berufung gab, bin ich überzeugt, dass er eine zweite für mich bereithält. Wo und wie – das werde ich sicherlich zum rechten Zeitpunkt erfahren.

Simon_Jahn

Simon Jahn
ist Co-Chefredakteur des gomagazins. Er liebt das Zusammenspiel von Himmelsblau, Wolken und Sonnenlicht – besonders bei Sonnenuntergang.