Jean-Claude Biver

Oh, du schöne Zeit!

Edith Arnold
Anoush Abrar

Jean-Claude Biver schafft es, die Zeit zu verzaubern. Der Chef der Uhrendivision von LVMH kommt mit vier Stunden Schlaf am Tag aus und holt sich Innovationen für Smartwatches direkt bei Google und Intel. Er liebt seine Uhr über alles – allerdings nicht, weil sie jede Sekunde misst.

Sie stehen jeweils um 3 Uhr auf. Was machen Sie zu dieser Zeit?

Meine Hausaufgaben, wie ein Student.

Ein Student?

Ein Student studiert ja nicht nur an der Universität. Zu Hause vertieft er Dinge. Das bringt oft sehr viel: das bestimmte Extra, den Vorsprung. Es gibt aber auch Studenten, die glauben, sie hätten im Juli und August frei. Doch Ferien sind dazu gedacht, weniger zu arbeiten, nicht einfach nichts.

Sie stehen also auf …

… und ich gehe mit den Hunden in den Park. Dann mache ich mir einen Cappuccino. Um 3 Uhr 20 beginne ich gemütlich zu arbeiten. Ich freue mich auf die ersten Vogelstimmen um 4 Uhr 45. Der Sonnenaufgang ist wunderschön!

Wie kann man sich Ihre Hausaufgaben vorstellen?

Täglich habe ich drei bis fünf Stunden E-Mails zu beantworten – also E-Mails schreiben, Statistiken lesen und aufbereiten, Ideen zu Papier bringen, vielleicht nach China telefonieren. Um 12 Uhr unserer Zeit ist dort bereits 20 Uhr. Je schneller man kommuniziert, desto besser. Geschwindigkeit ist neben Kohärenz und Innovation eine Bedingung für Erfolg.

Man muss mit Geschwindigkeit auch umgehen können.

Geschwindigkeit ist überall, in unterschiedlichen Rhythmen. Eine Entscheidung kann sehr schnell oder sehr langsam erfolgen. Komplexe Dinge gehe ich absichtlich langsam an.

Zum Beispiel?

Ob wir in der Schweiz jetzt mit dem Onlineverkauf beginnen sollen? Wenn ich die Frage auf China oder die USA beziehe, sage ich sofort Ja. Für die Schweiz brauche ich eine Woche, um zu antworten. Weshalb? Hier werden Luxusgüter selten im Internet gekauft. In China dagegen hat niemand Bedenken, im Internet ein Auto für 200 000 Franken oder eine Uhr für 10 000 Franken zu erstehen. Ein Grund: Sie müssten sonst bis zu 600 Kilometer zurücklegen, um einen Shop mit der gewünschten Uhr zu erreichen.

Wie erkennen Sie Trends?

Es ist immer dasselbe. Im Leben muss man neugierig sein. Und wer neugierig ist, stellt sich Fragen. Derjenige, der nicht neugierig ist, wird nie wissen, weshalb eine Rose rot, gelb, eventuell schwarz ist. Die meisten Leute sehen einfach Blumen in vielen Farben.

Sie sollen jeden Monat Blumen für 10 000 Franken ordern.

Richtig. Je mehr Leute gerne zur Arbeit kommen, desto besser geht es dem Unternehmen. Meine Aufgabe als Chef ist, zu motivieren und neue Impulse zu geben.

Eine schöne Haltung.

Das Interessanteste im Leben sind Liebe und Lernen. Der Rest bleibt an der Oberfläche. Nur wer lernt und liebt, lebt. Wenn man sich über die Jugend ärgert und sagt, wie die sich benehmen, welche Musik die wieder hören, dann ist man bereits mit einem Fuß im Grab. Man muss wissen, weshalb Phänomene oder politische Entscheide entstehen. So wird das Leben viel klarer, allerdings nicht immer leichter. Ich möchte erst ins Grab, wenn ich tot bin.

Was ist Ihre jüngste Erkenntnis?

Die Jugend macht keinen Führerschein mehr.

Es interessiert sie nicht mehr.

Sie verfolgt andere Ideen. Sechs Monate nach dem achtzehnten Geburtstag hatte ich den Führerschein. Ich wollte so schnell wie möglich ein Auto. Eine Mehrheit der Jugendlichen geht auch nicht mehr in Departement Stores. Sie finden Macy’s, Saks Fifth Avenue oder Bloomingdales, welche die letzten zwanzig Jahre geblüht haben, langweilig.

Weshalb denken Sie?

Die Jugend will Erlebnisse, Erfahrungen, Entdeckungen machen.

Aber Sie führen Hublot-Boutiquen.

Wir müssen uns da auch etwas einfallen lassen. Ich habe aber gar kein Problem damit, wenn die Jugend nichts für unsere Uhren empfindet. Eines Tages wird sie sie schon entdecken. Für alles gibt es ein Alter. Wer heute Rapmusik mag, hört später vielleicht Oper. Oder beides, das wäre noch besser.

Was ist das Erkennungszeichen Ihrer Boutiquen?

Die Qualität und die Überraschung. Unsere Boutiquen sind ähnlich gestaltet, damit man sie erkennt: Cannes, Capri, überall – aha, Hublot! Doch wenn ein Japaner in Zermatt eins zu eins dasselbe Hublot-Geschäft wie in Tokio vorfindet, weshalb sollte er hineingehen? Lieber entdeckt er Hublot hier in einem alten Chalet. Und in Porto Cervo stellt er begeistert fest, dass der Boden mit Sand ausgelegt ist. Das ist überraschender als Marmorplatten.

Dazu Uhren, die in Vitrinen schwimmen?

Warum nicht. An der Costa Smeralda läuft man jedenfalls barfuß oder in Bootsschuhen herum. Und in Zermatt sollte man die Hublot-Boutique in Skischuhen betreten können.

Wo wurden Sie zuletzt überrascht?

Beim Hotel Gstaad Palace. Dieses bietet zehn Kilometer weiter eine Alphütte aus dem Jahr 1786 an. Dort können Gäste ihr Mittag- und Abendessen einnehmen oder übernachten. Das Hotel verbindet die Fünfsternequalität mit der Authentizität einer Alphütte: ein anregender Kontrast!

Ihre verrückteste Idee?

Die mit Sand ausgelegte Boutique. Kunden gehen ja auch mit Uhren an den Strand. Man trägt sie nicht nur zu Cocktails.

Uhren zeigen auch den Zeitgeist an.

Gewiss. Hublot arbeitet beispielsweise an einem smarten Uhrenband. Es dürfte wie ein Band mit Bildschirm ausschauen.

Haben Sie bereits Prototypen?

Schon, aber die Entwicklung dauert an. Wir brauchen Bildschirme, die flexibel sind. Doch mit der heutigen Technologie müssen sie ja steif sein. Mit der Technologie von morgen kann man einen Computer rollen wie eine Serviette.

Woher kommt die Inspiration?

Im Gespräch mit Kongressteilnehmern in Las Vegas kann man erfahren, dass es in Zukunft flexible Bildschirme gibt. Und diese wären perfekt fürs Handgelenk.

Was sollte eine Smartwatch können?

Alles, was ein Telefon kann! Sie soll das Telefon ersetzen.

Eine Illusion.

Sie wird es können, mit Sicherheit.

Das Handy am Handgelenk?

Im Silicon Valley arbeiten sie daran. Ich bin nicht in der Entwicklung. Aber unsere Partner Intel und Google sagen uns, dass die Uhr eines Tages alles macht, was das Telefon kann. Das brauchen wir dann nicht mehr.

Eine schöne Vorstellung?

Wie oft vergesse ich mein Telefon, weiß nicht mehr, wo ich es habe. Weshalb kann das Telefon keine Uhr sein?

Die Fläche ist etwas klein.

Der Bildschirm kann aus Strahlungen bestehen, leicht nach vorne kommen, wie 3-D. Im Silicon Valley stellt man sich das so vor.

Wer ist für Sie der größte Visionär dort?

Ich habe Respekt vor Google, Intel, Apple. Diese Konzerne werden die Welt beherrschen.

Welche Rolle spielt Tag Heuer mit seiner Smartwatch?

Noch keine so große Rolle, außer eine Swiss Made Luxus Smartwatch zu sein. Tag Heuer fertigt 100 000 Uhren, Apple 20 Millionen.

Was können Ihre Smartwatches besser als die andern?

Nichts. Google und Intel sind technologisch genauso Avantgarde wie Apple. Manchmal hat ein Konzern drei Monate Vorsprung. Doch sie bewegen sich immer zusammen – zum Glück! Unsere Uhr kann nichts besser als jene von Apple – und die von Apple kann nichts besser als unsere. Der Unterschied ist, dass wir zu hundert Prozent wie eine Schweizer Luxusuhr aussehen.

Bleibt Swiss made ein entscheidender Wert in der Uhrenbranche?

Ich denke, es ist ein Wert und bleibt es hoffentlich auch. Die Schweiz ist sehr innovativ, hat fast die besten Schulen der Welt.

Ein wichtiger Absatzmarkt ist China. Wie erobern Sie das Reich?

Wir lancieren mit Tag Heuer unsere erste Smartwatch in China im Oktober und in zwei Dimensionen. Ich erwarte viel davon.

Was erwartet Europa?

Unsere dritte Generation der Smartwatch kommt 2019 auf den Markt. Sie wird einen verbesserten Bildschirm mitbringen: Die Informationen müssen sich so weit vergrößern lassen, dass man sie gut lesen kann.

Bis wann ist das möglich?

Fünf Jahre? Ich freue mich auf die Entwicklung der Zukunft. Ich freue mich auf das Jahr 2035!

Warum 2035?

Das ist der Anfang des 21. Jahrhunderts. Wir leben noch im 20. Jahrhundert. Alle, die das 21. Jahrhundert führen, stammen aus dem 20. Jahrhundert – mit der Mentalität, den Konzepten des vorigen Jahrhunderts. Beim Millennium wechselte nur das Datum. Im Jahr 2035 werden junge Menschen Politik, Finanzen und Wirtschaft anführen. Sie werden Impulse geben. Ich bemühe mich, ans 21. Jahrhundert anzuknüpfen. Aber ich bin zu alt, kann nicht mehr viel bewegen.

Sie können dorthin führen.

Ich möchte 2035 sehen und erleben.

Sind Sie optimistisch?

Ja. Die Jungen streben nach Frieden, Teilen, Liebe und sind keine Imperialisten mehr. Autos, Häuser, Ökologie: Sie wollen teilen.

Wenn sie weniger konsumieren, kaufen sie auch weniger Uhren.

Dann stellen wir einfach weniger her. Die Schweizer Uhrenindustrie hat schon viele Krisen überlebt. Wir bieten Uhren mit Qualität für 50 Franken und Uhren mit Qualität für 50 000 Franken.

Hublot bietet Ferrari-Modelle, Ticker für Sprinter und Golfer, Künstlereditionen: Welche Uhr ist für Sie vollkommen?

Für mich ist es die, die ich seit zwölf Jahren trage. Die Farbe, die Mechanik, alle Erlebnisse, die ich mit der Uhr gehabt habe. Sie hat mich durch Glück, Leid und Erfolg begleitet.

Welches Modell tragen Sie denn?

All Black, Big Bang, inzwischen ausverkauft. Die Uhr ist mein Glücksbringer. Das erste Glück: Ich erwache morgens. Das zweite Glück: Ich bin gesund. Das dritte Glück: Meine Familie liebt mich. Das vierte Glück: Mein Geschäft ist meine Leidenschaft.

Ist die Uhr mehr Symbol als Zeitmesser?

Für die Zeitangabe würde das Handy reichen. Ich schaue nicht auf die Zeit, ich schaue auf die Uhr. Das ist viel interessanter. Deshalb habe ich sie schwarz gemacht.

Was finden Sie am faszinierendsten?

Die Uhr schlägt immer – wie das Herz eines Menschen. Meine Uhr ist bereits zwölf Jahre alt. Uhren wie unsere sind Kunststücke. Und Kunst entsteht durch Leidenschaft. Leidenschaft ist ein Aspekt der Liebe.

Wann ist für Sie etwas exzellent?

Wenn etwas in Harmonie ist. Harmonie bedeutet Perfektion.

Sehen Sie ein Beispiel dafür, beim Blick aus dem Fenster Ihres Büros in Nyon?

Die Berge sind totale Perfektion, darüber die Farben des Himmels – derzeit blaue Töne mit etwas Weiß dazwischen. Die Natur ist so lange in Harmonie, bis der Mensch eingreift.

Kann auch menschliche Architektur exzellent sein?

Es gibt Architekten, die versuchen, in die Natur hineinzuspielen. Sie sind immer von ihr inspiriert. Man kann nicht gegen die Natur arbeiten. Wenn ich in den Bergen ein Haus baue, muss ich es in die Landschaft integrieren. Sonst bin ich protzig und mache einen Stempel in die Natur. Das darf aber nur Gott.

Wann sind Sie am Ende des Tages zufrieden?

Wenn ich müde bin. Das genieße ich vollkommen. Ich sage mir jeden Abend: »Was hast du für ein Glück. Du kannst ins Bett gehen, wenn du müde bist.« Angestellte in Spitälern können das nicht.

Wie viel Schlaf brauchen Sie?

Vier bis sechs Stunden – um menschlich zu bleiben. Am Wochenende schlafe ich manchmal bis fünf Uhr. Während der Woche wird es auch mal 3:45. Je mehr ich zu tun habe, desto früher wache ich auf. Das Gehirn arbeitet, weiß und warnt: Jetzt musst du weitermachen.

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Edith Arnold
ist Journalistin für Design, Ökologie und Lifestyle. Seit dem Gespräch mit Jean-Claude Biver versucht sie ebenfalls, um 3 Uhr aufzustehen.