Roland Decorvet

Der Sozial­unternehmer

Christine Luz

Er residierte fast wie der Kaiser von China – als regionaler Chef des weltgrößten Lebensmittelkonzerns. Dann warf Roland Decorvet alles hin und zog mit seiner Familie auf ein Krankenhausschiff. Als dessen Leiter kümmerte er sich um die Versorgung der Ärmsten –, bis er seine wahre Berufung fand.

An einem Morgen vor siebzehn Jahren saß Roland Decorvet über ein Blatt Papier gebeugt und versuchte, den Sinn seines Lebens in Worte zu fassen. Er war damals bereits ein wichtiger Mann beim Lebensmittelgiganten Nestlé; jemand der es gewohnt war, schwierige Aufgaben zu lösen. Nun steckte er in einem Seminar für Führungskräfte in der Schweiz und sollte sein Denken und Wirken auf den Punkt bringen. Nach einigen Stunden hatte er folgenden Satz notiert: »Der Sinn meines Lebens ist es, ein großes Lebensmittelunternehmen nach christlich-ethischen Grundsätzen zu führen und den größten Teil meines Einkommens darauf zu verwenden, anderen zu helfen.« Es ist ein Spagat, an den sich Decorvet (52) da gewagt hat. Ein Spagat zwischen ethischem Handeln auf der einen Seite und kapitalistischen Zwängen auf der anderen. Kann ein Christ ein erfolgreicher Geschäftsmann sein, ohne irgendwann seine Werte zu verraten? Decorvet ist überzeugt: Ja, er kann.

Alltag als Drahtseilakt

Den Großteil seiner Kindheit verbringt er im Kongo. Sein Vater, ein Schweizer Pastor, ist dort als Missionar tätig. Decorvet studiert Wirtschaft an der HEC Lausanne und an der Universität St. Gallen. 1991 heuert er bei Nestlé an. Er verkauft Maggi-Nudeln in Borneo, eröffnet eine Milchfabrik in Pakistan, schult Kaffeebauern in China. Nebenbei klettert er die Karriereleiter immer weiter empor, ist zuletzt Chef über das Chinageschäft des Konzerns und verantwortlich für mehr als 50 000 Mitarbeiter. Er sagt über sich: »Ich habe einen europäischen Körper, ein chinesisches Gehirn und ein afrikanisches Herz.« Der Alltag ist ein Drahtseilakt. Es ist schwer, die Balance zu wahren. Sein Arbeitgeber Nestlé ist immer wieder in Skandale verwickelt. Instantnudeln mit zu hohen Bleiwerten, verunreinigtes Babymilchpulver und nicht zuletzt der Kauf umfangreicher Wasserrechte belasten den Ruf des Unternehmens. Auch Decorvets eigene Rolle wird kritisiert, am heftigsten 2008. Zu dieser Zeit ist er Generaldirektor von Nestlé Schweiz. Als er Mitte des Jahres in den Stiftungsrat des Hilfswerks der evangelischen Kirchen, kurz HEKS, gewählt wird, wirft man ihm Lobbyismus vor. Für die Kritiker passt nicht zusammen, dass sich das Hilfswerk für freien Zugang zu Wasser einsetzt, während Nestlé es als profitable Geldquelle entdeckt hat. Decorvets Beteuerungen, sich nur als Privatperson zu engagieren, vermögen die Wogen nicht zu glätten. Trotz allem sagt er: »Ich war nie in einer Situation, in der ich gegen mein Gewissen handeln musste.«

Zu viel Druck

2014, nach 23 Jahren, verlässt er das Unternehmen. Es ist eine wohlüberlegte Entscheidung. »Ich brauchte eine Pause«, sagt er. Er geht, weil der Druck immer schwerer auf ihm lastet, aber auch seiner Familie zuliebe. Mittlerweile ist er verheiratet und Vater von vier Töchtern. Seine Frau hat er um die Jahrtausendwende kennengelernt. Der Freund eines Vaters vermittelt ihm damals den Kontakt zu einem Waisenhaus in Madagaskar. Decorvet reist über Weihnachten dorthin, um zu helfen und sich die Einrichtung anzusehen. Und weil Heiligabend ist, sitzt er kurz nach seiner Ankunft in einer Kirche und lauscht den Gospelsingern. Als vorne eine Frau »Oh happy day« anstimmt, geht ihm der Gesang unter die Haut – und die Sängerin nicht mehr aus dem Kopf. Sie heißt Carol. Nach drei Wochen hält er um ihre Hand an, sechs Monate später heiraten sie.

Plötzlich Kapitän

Statt zu einem anderen Unternehmen zu wechseln, entscheidet sich Decorvet für einen harten Schnitt: Er übernimmt die Leitung des größten privaten Krankenhausschiffs der Welt, der »African Mercy«, 150 Meter lang und über 16 000 Tonnen schwer. Der Mann, der Chef von Nestlé Pakistan und Afghanistan war, von Nestlé Schweiz und Nestlé China, der 2013 in China zum Geschäftsmann des Jahres gewählt wurde; dieser Mann verzichtet auf sein hohes Managergehalt, auf Macht und Einfluss, um auf ein Schiff zu ziehen. Die »African Mercy« gehört zur christlichen Hilfsorganisation Mercy Ships. Sie geht vor den Küsten Afrikas vor Anker, bietet den Ärmsten kostenlose Operationen und weitere medizinische Hilfe an. Für viele von ihnen ist das Schiff die einzige Rettung. Decorvet kennt die Organisation durch seinen Vater. Während er über seinen Platz im Leben nachdenkt, will er etwas Sinnvolles tun. Seine Frau muss er von der Idee nicht lange überzeugen. Decorvets Familie tauscht ihr luxuriöses Haus in Peking mit Koch und Chauffeur gegen eine fünfzig Quadratmeter große Kabine, die Töchter dürfen nicht mehr als ein Spielzeug und ein Buch einpacken. Die Besatzung besteht aus freiwilligen Helfern. Es sind Ärzte, Pfleger, Lehrer, Köche, und für eineinhalb Jahre wird Decorvet so etwas wie ihr Kapitän. Er macht, was er am besten kann: Er managt. Die Zeit an Bord entwickelt sich für ihn zu einer intensiven Schulung. Wie motiviert man jemanden, dem man keine Boni in Aussicht stellen und mit dem man keine Karriereschritte planen kann? Die Freiwilligen bekommen kein Geld für ihre Hilfe und müssen für Verpflegung und Unterkunft selbst aufkommen. Decorvet selbst zahlt rund 1300 Euro im Monat für die Kabine seiner Familie. »Ich lernte, dass ich mit den Menschen anders umgehen musste und viel mehr erklären, warum sie etwas tun sollten«, sagt er.

»Ich weiß nicht, ob mein Ausscheiden bei Nestlé meine Ehe gerettet hat, aber die Zeit danach hat definitiv unser Verhältnis massiv verbessert«, erzählt er rückblickend. Auch seine Töchter lieben die Zeit auf dem Schiff. Ihre Klassenkameraden wohnen nur eine Kabinentür weiter, und der Vater, der früher meist erst nach Hause kam, wenn sie längst schliefen, hat endlich Zeit für sie. Die Familie wird wieder Mittelpunkt seines Lebens.

Durch und durch Geschäftsmann

Es ist aber auch eine Phase, in der er tief in sich hineinhorcht, sich fragt, wo er als Christ den größeren Nutzen bringt: in einer NGO oder doch in der Geschäftswelt? Decorvet ist überzeugt, dass man überall als Christ wirken kann. »Jeder von uns ist ein Priester«, meint er. Das stehe schon in der Bibel. Demnach kann ein Laie den Glauben ebenso wirkungsvoll vermitteln wie ein geistlicher Würdenträger. »Geschäftsmänner haben Einfluss auf sehr viele Menschen und damit eine große Verantwortung.« Während das Krankenhausschiff vor Madagaskar liegt, reift in ihm die Erkenntnis, dass er zurück an den Schreibtisch eines Unternehmens muss. »Ich bin einfach durch und durch Geschäftsmann«, sagt er. Zwei Monate bevor sein Einsatz auf der »African Mercy« endet, beginnt er mit Headhuntern zu sprechen. Er bekommt viele Angebote, die ihn zurück nach Asien geführt hätten. Doch er sieht seine Zukunft woanders: in Afrika. Im Herbst 2015 übernimmt er den Chefposten beim Mischkonzern Lonrho in Südafrika. Die Zusammenarbeit hält jedoch nur wenige Monate. Decorvet und das Unternehmen trennen sich 2016. Zu unterschiedlich sind die Auffassungen darüber, in welcher Art und Weise das Unternehmen geführt werden soll. Was nun?

Halb Nestlé, halb Hilfswerk

Decorvet beginnt damit, eine Vision zu verwirklichen, die er immer klarer vor Augen hat: Er will ein großes Unternehmen aufbauen, das nicht nur dem Zweck dient, Geld zu machen, sondern auch das Leben von Millionen Afrikanern verbessern soll. Es ist der alte Konflikt, der ihn weiter antreibt. Kann eine Firma nachhaltig und fair produzieren und gleichzeitig höchst profitabel sein? »Ich stelle mir ein Unternehmen vor, das halb Nestlé, halb Mercy Ships ist«, sagt er. Und er findet Partner, die bereit sind, ihn dabei zu unterstützen. Er übernimmt die Nahrungsmittelsparte des südafrikanischen Konzerns Afgri, wird im April 2017 Chef und Miteigentümer des neu gegründeten Unternehmens Philafrica Foods. Sein Plan sieht vor, Kleinbauern zu schulen, einen Absatzmarkt für ihre Produkte zu schaffen und sie dafür gut zu entlohnen. Rohstoffe sollen nicht mehr exportiert, sondern direkt vor Ort verarbeitet und verkauft werden. Beispiel Tomaten: »Die meisten Länder hier bauen Tomaten an, trotzdem werden 90 Prozent des Tomatenmarks aus China importiert«, sagt Decorvet. Er will den Kontinent unabhängiger von Importen machen und in einem weiteren Schritt selbst fertige Produkte exportieren. Ein Konzept, das sich auch wegen der Haltung der Verbraucher auszahlen wird, ist er sicher: »Heute wird es immer wichtiger, wo das Essen herkommt und wie es produziert wird.« Decorvet ist jetzt Anfang fünfzig. Auf seinem neuen Arbeitsplatz im südafrikanischen Centurion, nicht weit von der Hauptstadt Pretoria entfernt, stapeln sich die Unterlagen. Philafrica Foods soll wachsen, in den kommenden Jahren überall in Afrika vertreten sein. Roland Decorvet freut sich auf die Arbeit, die vor ihm liegt. »Die 23 Jahre bei Nestlé waren eine lange Vorbereitung auf meine eigentliche Bestimmung, die ich hier gefunden habe.«

Christine Luz

Christine Luz
mag Geschichten über Wendepunkte im Leben. Sie lebt als freie Journalistin in Stuttgart, sucht aber auch gerne mal in Asien nach Inspiration.