Davide Petrone
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Raffaele Carmine

Wie mächtig ist Geld?

Raffaele Carmine kennt unser Finanzsystem von innen. Zehn Jahre lang handelte er an der Börse. Dann stieg er aus – und nutzt heute sein Wissen und Netzwerk für Projekte mit einem gesellschaftlichen Nutzen. Uns erklärt er, wofür Geld wirklich da ist.

Stephan Lehmann-Maldonado
Stephan Lehmann-Maldonado
11 min

Das hier kannst du in Europa nicht kaufen«, sagt Raffaele Carmine und gießt heißes Wasser in kleine Porzellanschalen. »Die hochwertigen Grüntees bleiben in China. Meist geht nur der günstige Verschnitt in den Export.« Das Wasser dürfe niemals über achtzig Grad warm sein, sonst kippe der Geschmack. »Und die Vitalstoffe im Teeblatt werden getötet.«

Es ist ein ungewöhnlich stiller Auftakt für ein Gespräch über ein lautes System aus Geld, Gier und Macht – und darüber, was geschieht, wenn man aussteigt und einen Kontrapunkt setzt. Raffaele Carmine war Händler bei einer großen Schweizer Bank. Heute ist er Serienunternehmer, Geschäftsführer und Mitgründer des Nahrungsergänzungsmittelherstellers Kingnature und Partner des Eagle Venture Fund – eines Fonds, der in junge Technologieunternehmen investiert, die Menschenhandel bekämpfen und Armut reduzieren.

Es lag in meiner Hand: Sollte ich mit meinem Gewinn mein Ego stärken – oder Mitmenschen aus der Patsche helfen?

Den Grüntee hat Raffaele eigenhändig aus China mitgebracht. Regelmäßig reist er durchs Land, weil die Produkte von Kingnature dort reißenden Absatz finden. »Von einem guten Tee schenkt man immer wieder nach. Sein Geschmack entfaltet sich, ohne bitter zu werden«, erklärt Raffaele. Und irgendwie ist das auch eine passende Metapher für unser Gespräch.

Raffaele, wie hast du dein erstes Geld verdient?

Mit etwa zwölf Jahren habe ich mein erstes Unternehmen gegründet. Mit einem Nachbarsjungen stellte ich fest, dass man die Serverstrukturen für PCs auch selbst zusammenstellen kann. Über einen Bekannten kamen wir an einen Großhändler. Dann musste meine Mama für mich geradestehen, damit wir überhaupt eine Firma gründen und ein Faxgerät anschaffen konnten – darüber erledigte man damals Bestellungen. So bestellten wir Teile, bauten sie zusammen und verkauften sie.

Hat sich das gelohnt?

Ja. Die Marge war damals noch attraktiv. Mit dem Geld begann ich, US-Dollar zu handeln. Für mich war früh klar: Ich will eine Banklehre machen und Börsenhändler werden. Schon im ersten Lehrjahr handelte ich Aktien und Optionen. Das brachte deutlich mehr ein als mein Lehrlingslohn. Später studierte ich berufsbegleitend.

Gab es einen Moment, in dem dir bewusst wurde: »Mit Geld beeinflusse ich andere Menschen«?

Beim Börsenhandel spürt man das sehr schnell. Manchmal schloss ich einen Deal ab, der für die Gegenseite fatal ausfiel. Sie rief mich an und bat mich, das Geschäft rückgängig zu machen. Sehr oft habe ich in solchen Situationen anderen Händlern aus der Patsche geholfen. Es lag in meiner Hand, ob ich mein Ego stärken und meinen Gewinn steigern wollte – oder die Situation meiner Mitmenschen wahrnehmen und ihnen dienen wollte. Daraus sind Beziehungen entstanden, die bis heute halten.

Manchmal verzichtest du bewusst auf Gewinn?

Ja, in der Bibel steht: »Du sollst den ungerechten Mammon, das Geld, nehmen und dir damit Freunde machen.« Ich habe das Geld in Beziehungen investiert. Viele machen das Gegenteil: Sie bauen mit ihrem Geld ihren Besitz und ihre Macht aus und beginnen, andere zu manipulieren.

Du zitierst die Bibel. War dein Handeln religiös motiviert?

Ich war gläubig – aber Gläubige handeln nicht zwingend besser. Eine Banknote ist nur ein Papiergemisch, worauf eine Zahl steht. Ich sage darum: »Geld ist neutral.« Allein hat es keine Macht: Ich kann die Banknote zerreißen. Sie wird erst in Verbindung mit unseren Absichten gefährlich. In der Bibel steht: »Die Liebe zum Geld ist die Wurzel allen Übels.« Die Gier kann dazu führen, dass ich andere unterdrücke. Aber auch wer wenig oder zu wenig besitzt, kann geldgierig sein – manchmal sogar noch mehr als Reiche.

Wie zeigt sich die Geldgier im Börsenalltag?

Wenn du dir die technische Chartanalyse – die Kursbewegungen – anschaust, steckt dahinter reine Psychologie. Alle Marktteilnehmer sind entweder von der Gier getrieben oder von der Angst, Geld zu verlieren. So kannst du erahnen, wie die Leute reagieren. Pro Tag habe ich manchmal zweihundert Trades gemacht. Das hat mich für den gefährlichen Mix aus Macht, Gier und Angst sensibilisiert.

»Geld regiert die Welt«, heißt es. Stimmt das?

Im Kern streben die Menschen danach, selbst Gott zu sein. Dazu brauchen sie Macht. Geld ist ein Mittel dazu, neben Waffen und Gewalt. Mit Geld kann man Macht perfider, diskreter ausüben. Aber: Die Macht liegt immer beim Menschen – nie beim Geld.

Du warst rund zehn Jahre im Handel. Hat dich das charakterlich verändert?

Der Handel war eine Lebensschule für mich. Die Märkte schlafen nie. Wenn du am Morgen kommst, analysierst du das Geschehen und entwickelst Strategien. Dann verfolgst du deine acht Bildschirme, handelst über alle Kanäle, versuchst, deine Strategie durchzubringen, schreist herum. Abends schaust du mit deinem Team: Was müssen wir besser machen? Zwei- bis dreimal pro Woche gehst du mit Kunden aus. Da lernst du viele Menschen kennen. Manche Christen sagten mir: »Du bist in der Hölle gelandet, du musst da raus.« Doch ich wusste: »Ich bin am richtigen Ort.«

Weshalb bist du 2011 trotzdem ausgestiegen?

Ich genoss sehr viel Gunst. Damit meine ich, dass Gott es mir einfach geschenkt hat, dass meine Trades aufgegangen sind. Ich leitete ein Bond-Trading-Team, und wir konnten viel Geld für die Bank erwirtschaften. Mit einer weiteren Beförderung wäre ich aber in eine »politische« Managerrolle gekommen. Da ging mir ein Licht auf: Ich hatte eine Ausbildung am Puls unseres Geldsystems, in »Babylon«, absolviert. Nun wollte ich mein Wissen und mein Netzwerk nutzen, um etwas ganz Neues zu bauen.

Was war dein Plan?

Ich hatte eine Vision für ein »gesundes« Gesundheitswesen – von Kliniken und Forschung über Ausbildungen bis zu einer eigenen Krankenkasse. Bis heute verfolgen wir diese Vision, unter anderem mit Kingnature und den Wise-Medicine-Kliniken. Gleichzeitig schwebte mir ein Fund vor, der einen gesellschaftlichen und sozialen Wert schafft – das war die Stunde Null des Eagle Venture Fund. Auch wollte ich mich für Menschen engagieren, die in der Schweiz durch alle sozialen Maschen fallen. Daraus ist der Verein Arche Noe entstanden. Er bietet Lebens- und Arbeitsgemeinschaften auf einem Bauernhof an. Bei allen diesen Projekten haben mir Experten gesagt: »Das wird nie funktionieren.« Wir haben es dennoch gemacht – einfach anders, als es in der jeweiligen Branche üblich ist. Und wenn ich etwas mache, dann nicht im Alleingang, sondern mit einem Team.

Der Kultinvestor Warren Buffett sagt: »Die Finanzmärkte ver­halten sich zu achtzig Prozent rational und zu zwanzig Prozent irrational.« Bist du auch schon über Emotionen gestolpert?

Tausendmal. Es ist so schwierig, in die Helikopterperspektive zu gehen, wenn alles drunter und drüber geht. Doch genau das muss ein Händler können, sonst ist er verloren. Mit den Jahren sollte er immer besser lernen, mit seinen Gefühlen umzugehen. Darum sagen wir unseren Juniors: »Ein verlorener Trade ist ein gewonnener.« Wieso? Du kannst daraus lernen. Ohne Reflexion fällt man immer wieder in dieselben Verhaltensmuster zurück.

Ein verlorener Trade ist ein gewonnener – wenn du daraus lernst.

Banken setzen auf sogenannte ESG-Anlagen, die auch Aspekte von Umwelt, Gesellschaft und Governance berücksichtigen. Siehst du einen Sinneswandel oder eher einen Marketing-Gag?

Es ist gut, dass man thematisiert, wohin unser Geld fließt. Aber die Versuchung ist groß, Anlagen einen grünen Anstrich respektive den ESG-Stempel zu geben. Ein Beispiel: Der Ölgigant Shell gilt mit einem MSCI ESG-Rating von A – gemäß Oktober 2024 – als sauber. Dabei ist er für einige der größten Umweltverschmutzungen in Afrika verantwortlich. Da frage ich mich: Stimmen unsere Kriterien noch?

Im Trend sind börsenkotierte Indexfonds (ETF) – weil man so günstig an ganzen Märkten partizipieren kann.

Da brauchen wir dringend ein Aufwachen. Wenn ich einfach in einen Index investiere, unterstütze ich unreflektiert alle Aktien eines Marktes. Ich fördere indirekt Unternehmen aus allen Branchen, inklusive Tabak- und Waffenindustrie, bei denen die Geschäftsführung letztlich Leben für den Profit opfert. Jeder Aktionär ist Miteigentümer einer Firma. Wer seine Verantwortung wahrnimmt, sollte nur Aktien von Unternehmen kaufen, hinter deren Produkten und Management er voll und ganz stehen kann.

Was macht euer Eagle Venture Fund anders?

Wir sind vier Unternehmer, die den Fund gestartet haben. Jeder von uns hat schon Unternehmen gegründet, wir wissen also, wie der Hase läuft. Wir unterstützen und finanzieren Social-Impact-Firmen. Mit ihrem Geschäftsmodell erwirtschaften sie nicht nur eine Rendite, sondern verändern die Gesellschaft positiv. Ich finde es auch sinnvoll, unserem Planeten Sorge zu tragen, aber dazu reicht es nicht, einfach CO2-Zertifikate zu kaufen.

Seid ihr auch Business Angels?

Ja, wir sind Business Angels und Wagniskapitalgeber. Aber im Vergleich zu anderen Venture Capitalists sind wir ziemlich nett. Entgegen allen Unkenrufen halten wir an unserem Ziel fest, die ökonomische und die soziale Rendite zusammenzubringen – und bisher ist die Rechnung aufgegangen. Wir beurteilen Firmen ganz anders als andere Investoren. Dafür mussten wir unsere eigenen Due-Diligence-Prozesse kreieren. Zum Beispiel investieren wir in Firmen, die Menschenhandel verhindern, Leute rausholen und Konsumenten darauf aufmerksam machen, wo Human Trafficking in der Wertschöpfungskette steckt.

Die moderne Sklaverei ist ein Milliardenmarkt. Und sie wächst Jahr für Jahr.

Nenne uns ein konkretes Beispiel eurer Investments.

Spannend finde ich VeroSkills. Das US-Unternehmen ermöglicht es Häftlingen und Flüchtlingen über eine Plattform, eine Ausbildung abzuschließen. Zum Beispiel können sie alte Programmiersprachen lernen, die niemand mehr beherrscht – die aber noch gebraucht werden. Wenn jemand aus dem Gefängnis herauskommt und über diese Fähigkeit verfügt, erhält er gleich einen Job bei Microsoft. Das gibt Personen eine Chance, spart dem Staat viel Geld und trägt zur Produktivität der Wirtschaft bei.

Acht von zehn Start-ups gehen pleite – sagt die Statistik. Wie sieht die Bilanz bei euch aus?

Wir sind mit dem ersten Fund seit acht Jahren auf dem Markt und haben in 55 Firmen investiert. Vier davon gibt es nicht mehr. Wir liegen also über dem Durchschnitt. Das liegt auch daran, dass wir genau auf die Persönlichkeiten der Firmengründer achten. Wenn eine Firma in Schieflage kommt, schicken wir Teams, die unterstützen.

Vor hundert Jahren ließen die Quäker die Finger von Aktien in den Bereichen Waffen, Pornografie und Glücksspiel. Welche Anlagen schließt du aus?

Ich frage mich nicht, wo ich nicht investieren will, sondern wo ich investieren will. Ich investiere nur, wenn ich ein Businessmodell verstehe – und dieses einen nachweislich positiven Beitrag zur Lebensqualität leistet. Denn ich sehe mich nicht als Eigentümer meines Geldes, sondern als dessen Verwalter. Aber natürlich kaufe ich keine Pharmatitel, keine Waffen-, Glücksspiel- und Pornografieaktien. Auf dem Markt gibt es jedoch auch Vice Funds, sprich Sündenfonds. Sie investieren in alle diese Branchen, die von der Gier getrieben sind – und rentieren oft ziemlich gut.

Aktuell sollen fünfzig Millionen Menschen in Sklaverei leben. Wie passt das zur makellosen Selbstbeschreibung vieler Konzerne?

Ich bin selbst schockiert. Human Trafficking setzt pro Jahr rund 300 Milliarden US-Dollar um. Und der Markt wächst jedes Jahr um zwanzig Prozent. Die Situation ist außer Kontrolle. In diesem korrupten System, in dem die Mafia stark mitmischt, werden immer wieder Leute korrumpiert. So, wie wir dies im Fall Jeffrey Epstein gesehen haben. Er ist nur eine sichtbare Spitze eines gigantischen Eisbergs. Mit dem Eagle Venture Fund versuchen wir, Gegensteuer zu geben.

Kann ich als Kleinanleger in den Eagle Venture Fund investieren?

Der Fund ist in der Schweiz nur für professionelle Anleger zugelassen. Wer investieren will, muss seine Bank bitten, ihn als professionellen Kunden einzustufen, und über eine ausreichende finanzielle Ausbildung und etwas auf der hohen Kante verfügen. Ab einer gewissen Vermögenshöhe entfällt der Wissensnachweis. In Deutschland sind die Vorschriften ähnlich. Die Haltefrist beim Eagle Venture Fund sollte mindestens sieben Jahre betragen. Wir investieren in einem frühen Stadium in Unternehmen und wollen sie aufbauen. Dafür ist die erwartete Rendite einiges höher als bei einem herkömmlichen Aktienkauf.

Ausgabe 37

Gute Macht Geschichten

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Wie sieht das Risiko-Rendite-Verhältnis aus?

Beim Investieren gibt es das magische Dreieck aus Risiko, Rendite und Liquidität. Ohne Risiko keine Rendite. Bei uns ist das Kapital relativ lange gebunden, dafür ist die Rendite höher. Datenbanken über dreißig Jahre zeigen: Wagniskapital in einer frühen Phase ist rentabler als in einer späteren Phase – aber auch riskanter. Weil wir in verschiedene Unternehmen investieren, ist das Risiko bei uns verteilt.

Gerade die Schweiz und Deutschland sind als Sparerländer bekannt. Was rätst du Sparerinnen und Sparern ganz allgemein?

Da denke ich an eine Geschichte aus der Bibel: Ein reicher Mann vertraute seinen Leuten Silbertalente an. Der eine investierte und vermehrte sie. Auch der Zweite vermehrte das, was ihm anvertraut wurde. Der Dritte vergrub die Talente – und erhielt eine Schelte. Der Chef sagte: »Du hättest die Talente wenigstens zur Bank bringen sollen, dann hätte es Zinsen gegeben.« Heute wirft ein Bankkonto nicht einmal mehr Zinsen ab. Wenn wir die Inflation berücksichtigen, schwindet seine Kaufkraft. Ich finde darum: Wenn du dein Geld auf deinem Konto lässt, hast du es »vergraben«. Ich selbst lasse mein Geld selten brachliegen, habe wenige flüssige Mittel. Gehe doch etwas Risiko ein und unternehme etwas Sinnvolles!

Und wenn jemand kaum Mittel hat?

Zuerst einmal sollte man sich darüber informieren, was Geld ist und wie man es anlegen kann. Leider vermittelt uns das unser Schulwesen nicht. Wenn wir unseren ersten Lohn erhalten, sind wir blutige Anfänger im Umgang mit Geld. Das macht uns auch anfällig für falsche Versprechen.

Dein Schlusswort?

Geld und Gesundheit sind kostbare Geschenke. Wir sollten verantwortungsvoll damit umgehen. Das bedeutet auch, sich gesund zu ernähren, allenfalls Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen und sich ausreichend zu bewegen. Ich radle zum Beispiel jeden Tag ins Büro. Und ohne meine Vitality Shots und Omega-3 aus unserem Sortiment sähen meine Blutwerte und mein Energielevel ganz anders aus. Wenn wir unsere Ressourcen pflegen, ist das kein Egotrip. Denn wir brauchen sie, um unseren Mitmenschen zu dienen.

Raffaele Carmine

Raffaele Carmine

Als einer der jüngsten Direktoren der Geschichte galt Raffaele Carmine als Überflieger in der Bank. Bald verantwortete er ein erfolgreiches Bond-Trading-Team, bis er die Seite wechselte. Bis heute hat er verschiedene Unternehmen ins Leben gerufen, unter anderen den Eagle Venture Fund und Kingnature. Raffaele ist verheiratet und hat drei Kinder. Zusammen mit Daniel Lüscher macht er den Podcast »Really?!«.