Cristian Rusch & Caroline Rusch
Wo war Gott, als die Lawine kam?
Cristian Rusch steuert ein Industrieunternehmen, das die halbe Welt beliefert. Seine Frau Caroline unterrichtet Religion. Doch was Glauben, Beten und Hoffen wirklich bedeuten, wissen sie erst seit dem 15. April 2022 – dem Tag, an dem eine Lawine ihre Tochter in den Tod riss.
Für Cristian und Caroline Rusch gibt es ein Leben vor dem Karfreitag 2022 – und eines danach. Aber das sieht man nicht sofort, wenn man sie besucht. Ihr renoviertes Bauernhaus am Hafnersberg, oberhalb von St. Gallen, wirkt wie ein Stück heile Welt. Edles Holz. Sattes Grün. Swimmingpool im Garten. Panoramablick auf den mächtigen Säntis.
Wenn da nur nicht diese Kommode in der Stube wäre. Sie steht direkt am Fenster, bietet Weitsicht. Hier stehen vertrocknete Blumen in leeren Flaschen von Säntis Malt Whisky und Wein. Eine Kerze. Fotos. Skulpturen. Caroline wollte nie etwas wegräumen. Es sind Andenken an Noemi Rusch – die Tochter, die noch immer präsent ist, obwohl sie nicht mehr hier ist.
Caroline ist Religionslehrerin; Cristian CEO und Mitinhaber von Filtrox, der Nummer zwei im weltweiten Markt für Tiefenfilter. Die Firma aus St. Gallen hat unter anderem die Filtration von Frittieröl
erfunden. Fast jeder, der Pommes bei McDonald’s bestellt, Wein genießt oder ein Medikament schluckt, ist schon mit Filtrox-Filtern in Berührung gekommen. Sie entfernen Mikropartikel aus hochwertigen Flüssigkeiten und machen sie so sauber, klar, stabil.
Hattet ihr schon mal das Gefühl, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen?
Caroline: Ja, noch im Dezember 2021 habe ich zu Cristian gesagt: »Wir leben in einer rosaroten Blase.« Wir hatten beruflich Erfolg, freuten uns an unserer Familie mit vier Kindern. Wir waren Macher, uns ging vieles leicht von der Hand. Derweil erlitten Menschen um uns Schicksalsschläge. So starb ein Nachbarsjunge mit fünfzehn.
Cristian: Ich sage immer noch: »Wir haben viele Gründe, dankbar zu sein.«
Wann habt ihr gespürt, dass sich das Blatt für euch wendet?
Caroline: Ein halbes Jahr, bevor Noemi von uns ging, beschlich mich eine seltsame Schwere. Es fühlte sich an wie im ABBA-Song »Slipping through my fingers«. So habe ich für Noemi ein Fotobuch ihrer Kindheit zusammengestellt. Es war mir sehr wichtig, es ihr zu geben. Außerdem fragte ich Leute, ob sie mit mir zusammen für
Noemi beten könnten. Aber alle nahmen das auf die leichte Schulter.
Cristian: Noemi hatte in ihrem letzten Jahr einen fast unstillbaren Lebenshunger entwickelt. Sie hatte den Bachelor in Umweltnaturwissenschaften an der ETH abgeschlossen, wollte einen Master in Physik anhängen. Sie spielte Geige, war im Schweizer Alpenclub SAC. Für ein halbes Jahr zog sie ins Engadin, wo sie als Skilehrerin arbeitete. Ihrer besten Skilehrer-Kollegin sagte sie: »Wenn ich auf einer Skitour sterbe, sterbe ich glücklich.« Ich habe ihr Verhalten als jugendlichen Übermut abgetan. »Sie will das Leben genießen«, sagte ich mir, »und dass sie ein unverkrampftes Verhältnis zum Tod hat, liegt an ihrem Glauben.« Carolines Ängste interpretierte ich vor allem als Trennungsschmerz der Mutter.
Caroline: Noemi hat bestimmt, welches Lied wir an ihrer Beerdigung spielen sollten. Sie saß mit zwei Freundinnen bei uns in der Stube und sprach darüber. Sie wünschte sich den Gospelsong »Oh Happy Day«. Der Todestag sei ein glücklicher Tag – man dürfe zu Jesus gehen.
Noemi Rusch und Dominic Gschwend brachen am 11. April 2022 zu ihrer Skiüberquerung der Alpen auf. Sie wollten von Samedan nach Chamonix, über 34 Gipfel, 525 Kilometer, 56 000 Höhenmeter. Mutter Caroline Rusch hatte zu Hause viel zu tun; die jüngste Tochter Leonie lag mit Grippe im Bett. Aber Caroline fuhr nach Samedan. Sie wollte Noemi und Dominic verabschieden und für sie beten. »Was machst du, wenn du an einen Ort hinkommst, wo du keinen Ausweg findest? Rufst du dann nach Jesus?«, fragte die Mutter. »Ich denke schon«, sagte Noemi und lachte. Dann betete Caroline Rusch für Noemi und Dominic. »Ich betete, dass Gott sie beide bewahrt – an Körper, Seele und Geist.«
Am fünften Tag der großen Tour stiegen Noemi und Dominic vom Piz Tomül Richtung Vals ab. Es war der 15. April 2022 – Karfreitag. Die Lawinengefahrenstufe betrug zwei, galt als mäßig. Und doch löste sich eine spontane Nassschneelawine und erfasste die beiden. Man fand sie komplett verschüttet, tot. Aber kein Knochen war gebrochen, kein Kratzer am Körper. »Eigentlich unmöglich bei einer Nasslawine«, sagte eine Freundin vom SAC. Noemi Rusch war 22 Jahre alt geworden.
Ich war gerade beim Einkaufen, als der Anruf kam. Ich hörte atemlos zu – und brach fast zusammen.
Wie habt ihr reagiert, als ihr die Hiobsbotschaft erhalten habt?
Caroline: Die Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, verdichteten sich. Am Karfreitag saßen wir im Gottesdienst in unserer Gemeinde. Oft hatte ich hier mit Noemi musiziert. Ich schickte ihr das Lied »Reckless Love« per WhatsApp. Doch die Nachricht ging nicht durch.
Cristian: Noemi hatte uns im Vorfeld gesagt: »Ich werde mich nicht jeden Tag melden. Wir haben in den Bergen manchmal keinen Empfang.« Das beruhigte mich zunächst.
Caroline: Es war warmes Frühlingswetter. Aber am Freitagabend schlotterte ich im Bett. Drei Wärmeflaschen sollten mich wärmen, aber meine Arme waren eiskalt. Rückblickend kommt es mir vor wie Quantenphysik: Noemi war zu diesem Zeitpunkt eingefroren.
Cristian: Am Samstagnachmittag, etwa um fünfzehn Uhr, rief uns Carmen, Noemis Freundin, an. Sie wollte die beiden in Vals treffen. Doch sie waren nie im Hotel angekommen.
Caroline: Als ich das hörte, war ich beim Einkaufen – und brach fast zusammen.
Eilends kontaktierte Cristian die Hütte im Safiental, wo Noemi und Dominic zuletzt übernachtet hatten. Um sechs Uhr am Karfreitag waren die beiden losmarschiert – vor mehr als 33 Stunden. Unverzüglich meldete sich Cristian bei der Rettungsflugwacht Rega. Diese reagierte ruhig, fragte gezielt nach und löste bald darauf eine Suchaktion aus.
Um etwa achtzehn Uhr saß die Familie in der Stube. Sie baten Freunde um Gebet. Gegen 21 Uhr hielten sie die Ungewissheit nicht mehr aus. Cristian rief die Rega erneut an. Antwort: »Eigentlich sagen wir das nicht am Telefon, aber – wir haben die Vermissten gefunden. Leider sind beide tot. Die Polizei ist auf dem Weg zu Ihnen.« Als Sohn Samuel das hörte, zerriss er sein T-Shirt. Das war seine spontane Reaktion, den Schmerz zu zeigen. Es war wie in der Bibel, wo es heißt: »Sie weinten und zerrissen ihre Kleider.«
Es folgte die Organisation der Beerdigung. Wenn zwei so junge Menschen sterben, löst es eine riesige Welle aus. Über sechshundert Leute kamen: vom SAC, der Kantonsschule, der ETH, der Kirchgemeinde, Skilehrerinnen und Skilehrer – sogar Kunden, die Skistunden bei Noemi genommen hatten. Viele Leute, die Cristian und Caroline nie getroffen hatten. Klar war: Der Sarg musste aus Arvenholz aus Graubünden sein.
Am liebsten wäre ich im Bett geblieben. Mir fehlte jegliche Energie.
Wie habt ihr es geschafft, im Alltag zu »funktionieren«?
Cristian: Am Anfang fühlte ich mich wie in einem Film. Jeden Morgen erwachte ich und sagte mir: »Oh nein, es ist die Realität. Noemi ist nicht mehr unter uns.« Am liebsten hätte ich die Decke über mich gezogen und wäre im Bett geblieben. Mir fehlte jegliche Energie. Doch ich betete: »Herr, gib mir Kraft für den Tag.« Und irgendwie habe ich jeweils bis zum Abend durchgehalten. Von Tag zu Tag kämpfte ich mich durch. Ich stand bei der Beerdigung vorne und las ihren Lebenslauf, den wir als Familie verfasst hatten. Dabei brachte ich die Leute sogar mit lustigen Episoden aus Noemis Leben zum Lachen. Ich fühlte mich so schwach. Und trotzdem bekam ich diese unerklärliche Kraft.
Wie hat euch das Ereignis verändert?
Cristian: Wir sind andere Menschen geworden. Ein Freund von uns hat ein Lied über Noemis Tod geschrieben. Er bringt es auf den Punkt: »Ein Anruf zerschneidet mein Leben in ein Davor und ein Danach.«
Caroline: Wir waren vorher sehr lebensfroh. Wenn jemand von einem Problem sprach, suchten wir sofort nach Lösungen, packten mit an, wo es nur ging. Ich sang und spielte Gitarre in unserer Kirchgemeinde. Das ist in mir gestorben. Ich schaffe es nicht mehr zu singen.
Cristian: Leid verändert Menschen. Und fast jeder Mensch erfährt Leid in seinem Leben. Familie, Gesundheit, Beruf – es gibt Umstände, die wir nicht ändern können. Vielleicht klingt es krass: Leid verändert uns oft nicht zum Negativen. Das bestätigen viele im Rückblick. Wir sind empathischer und ruhiger geworden, können das Leid anderer besser verstehen. Zugleich sind wir schwächer, haben Energie verloren. Auch unsere Beziehung zueinander hat sich verändert. Durch unsere individuellen Veränderungsprozesse mussten wir uns neu kennenlernen.
Caroline: Auch unsere Kinder Samuel (25), Thomas (22) und Leonie (15) haben sich verändert. Die Jungs wurden quasi über Nacht erwachsen, ruhiger, nachdenklicher. Sie sind unglaublich liebevoll und mitfühlend mit uns und der Familie. Leonie, unsere Jüngste, getraut sich kaum zu pubertieren. Sie scheint uns sehr reif für ihr Alter.
Was hat euch in der Trauerphase konkret geholfen?
Caroline: Ich habe sehr viel geschlafen. Und ich ging mit unserem Hund spazieren. Viele Menschen haben uns unterstützt: In den ersten zwei Wochen mussten wir keine Mahlzeit kochen.
Cristian: Gespräche mit Menschen, die auch Leid erfahren hatten, waren hilfreich. Und wir beide haben viel über Menschen gelesen, die unten durch mussten. Ganz praktisch habe ich am Anfang weiter Sport getrieben, hart trainiert. Dann ist der Schmerz vom Herzen in die Beine gerutscht. Zum letzten Mal habe ich Noemi im Ziel des Engadin Skimarathons gesehen. Sie hatte mich zur Teilnahme überredet. Darum haben wir 2022 mit Freunden von Noemi eine Art Sportteam gegründet: »ILMO Noemi – In Loving Memory of Noemi.« Im Winter nehmen wir am Engadin Skimarathon teil, im Sommer am Engadin Ultra Trail. Es sind jeweils zehn bis fünfzehn Leute dabei. Noemi fände das bestimmt cool!
Könnt ihr noch an Gott glauben?
Caroline: Für mich war nichts mehr wie früher. Ich drehte jeden Stein um, überprüfte die Bibel noch einmal historisch, hinterfragte Prophezeiungen und ging den großen Glaubensfragen kritisch auf den Grund: Wie sieht es mit der Auferstehung aus, dem Leben nach dem Tod, der Heilsgewissheit?
Cristian: Meine ganze Theologie ist zusammengefallen. Ich habe mit Gott gerungen. Auch unsere Söhne haderten: »Wenn Gott gut und allmächtig ist, warum hat er das zugelassen?« Mir hat jedoch geholfen, dass die Bibel so roh daherkommt, ohne Schönfärberei. Ich identifizierte mich mit Hiob, der zehn Kinder verloren hatte. Es war fast bizarr, aber als unsere Familie am Sonntag nach dem Tod von Noemi zusammenkam, rief ich wie Hiob: »Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, gepriesen sei der Name des Herrn.« Auch zwei von König Davids Söhnen starben jung: einer als Baby – und Absalom, der gegen ihn rebellierte. Dennoch wäre David lieber selbst für ihn gestorben. Hiob sagte in seinem Leid: »Ich kannte dich vom Hörensagen. Nun hat mein Angesicht dich gesehen.« Am Schluss trug mich meine Beziehung zu Gott. Ich war wütend, kann seine Entscheidung auch heute noch nicht verstehen. Doch tief im Innern glaube ich: Gott hat immer noch einen guten Plan für unser Leben.
Caroline: Heute kann ich sagen: »Ich bin dankbar, dass wir Noemi 22 Jahre haben durften.« Mir ist es lieber, Noemi gehabt und verloren zu haben – als sie gar nie gehabt zu haben. Trotz des Schmerzes.
Cristian: Auf dem Geburtskärtchen von Noemi stand der Bibelvers: »Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe.« Irgendwann habe ich gemerkt: Ich sage »meine Tochter«. Aber Kinder sind nicht mein Besitz. Sie sind ein Geschenk, und wir dürfen sie begleiten. Im Gegensatz zum Menschen hat Gott das Recht, Leben zu schenken und zu nehmen.
Ich sage »meine Tochter«. Aber Kinder sind nicht mein Besitz.
Ausgerechnet 2022 – das Jahr, in dem Cristian Rusch kaum einen klaren Gedanken fassen konnte – erzielte Filtrox einen Rekordumsatz. Irgendwie schien der Betrieb auch ohne ihn zu laufen. Sein Team sprang in die Bresche, wo immer es konnte. Cristian fragte sich und Gott: »Was soll dieser plötzliche Erfolg?«
Das Warum blieb offen. Aber das Wozu schien klar. Als Noemi starb, wurden die Eltern zu den gesetzlichen Erben ihrer Tochter. Noemi hatte Ersparnisse für ihr Masterstudium auf die Seite gelegt. Doch Cristian und Caroline kam es falsch vor, das Geld einzustecken. So gründeten sie eine Stiftung. Schon an der Abdankungsfeier hatten sie um Spenden statt Blumen gebeten. Und es kam überraschend viel zusammen. Sie unterstützen damit Bernhard und Lydia Widmann, die nach Malawi zogen, um dort Ausbildungsstrukturen für Ärzte und Pflegepersonal aufzubauen. Die beiden waren früher die Jugendleiter von Noemi und blieben eng mit ihr verbunden. Noemis Ersparnisse, ergänzt mit Beiträgen von Filtrox und der Familie, bildeten den Kapitalstock für die Noemi-Rusch-Stiftung. Sie unterstützt Projekte, die in Noemis Sinn wären: Bildung, Musik, Bergsport, medizinische Versorgung, nachhaltiges Handeln.
Bis heute zeigt uns Noemi die Sicht aufs Leben vom Ende her auf.
Inwiefern ist Noemi heute noch präsent?
Caroline: Noemi war ein Mensch, der andere magnetisch anzog. Sie brachte immer Leute nach Hause. Sie war eine charmante Schnelldenkerin. Wenn man sich einer Sache sicher war, fügte Noemi hinzu: »Ja, aber …« Sie provozierte humorvoll, brachte frische Perspektiven ein. In unserer Erinnerung und durch die Stiftung macht sie das irgendwie immer noch. Auf ihrem Grabstein steht ein Satz aus dem Buch Hiob, der mit dem Wort »aber« beginnt, mit dem Noemi so gerne ihre Aussagen einleitete: »Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.« Bis heute zeigt uns Noemi die Sicht aufs Leben vom Ende her auf.
Was bedeutet Gebet für euch heute?
Caroline: Bis zum Tod von Noemi sang ich das Lied »Nearer, My God, to Thee« sehr gern und sehr leichtherzig. Heute bedeutet Gebet für mich, den Willen Gottes zu suchen. Es geht nicht darum, was ich will, sondern um die Orientierung, die er mir gibt.
Cristian: Früher war Gebet für mich oft ähnlich wie eine Wunschliste beim Nikolaus. Heute frage ich mehr und sage: »Gib mir deine Kraft. Zeig mir deine Führung.« Gebet ist die Beziehungspflege mit Gott. Es ist wie in einer Ehe: Wenn man aufhört zu reden, zuzuhören, geht etwas kaputt.
Cristian, du leitest auch das Unternehmergebet, ein schweizweites Netzwerk von Gebetsgruppen für Unternehmerinnen und Unternehmer.
Cristian: Ja, wir treffen uns seit vielen Jahren einmal pro Monat bei mir in der Firma zum Gebet. Wir teilen, was uns bewegt und beten füreinander. Der Gründer der Bewegung »Unternehmergebet Schweiz«, der Unternehmer Hugo Forster, wollte 2023 die Leitung abgeben. Es stand die Frage im Raum, ob ich mit einem Team das Ruder von ihm übernehmen wolle. Meine erste Reaktion: »Gott, bist du verrückt? Du hast mir meine Tochter genommen. Such dir einen anderen.« Schließlich sagte ich zu. Ich spürte, dass ich das machen muss. Für mich ist es wichtig, den Glauben in die Arbeitswelt zu bringen.
Was ist der Sinn des Lebens für euch?
Caroline: Lange hatte ich keinen Lebenswillen mehr. Mir schlug die Trauer sogar »auf die Nieren«. Darum musste ich kürzlich meine linke Niere entfernen. Interessanterweise bin ich sehr dankbar, dass diese Operation gelungen ist. Denn ich spüre, dass noch Aufgaben auf mich warten. Ich möchte für Menschen um mich da sein – meine Hoffnung authentisch weitergeben. Das erfüllt mich.
Cristian: Jeden Menschen erwartet der Tod. Aber in unserer Gesellschaft schweigen wir ihn oft tot. Wir erinnern die Leute an diese Realität. Wir sind ein bisschen wie Soldaten, die an der Front waren. Man sieht uns an, dass wir dort waren. Wenn wir vom Umgang mit dem Tod erzählen, hört man uns zu. Noemi ist am Karfreitag gestorben, wie Jesus. Gute Freunde von uns, die ebenfalls eine erwachsene Tochter verloren, sagten uns: »Der Karsamstag mag lang sein. Aber irgendwann kommt der Ostersonntag, der Tag der Auferstehung.«
Caroline Rusch wollte immer gerne unterrichten. Sie hat ihren Traum erst spät verwirklicht. Auch Noemi hat sie ermutigt, Religionslehrerin zu werden. Wenn sie sich heute einer neuen Klasse vorstellt, sagt sie: »Ich bin Mutter von vier Kindern.« Sie zeichnet aber nur drei auf die Wandtafel. Meist grinsen die Kinder triumphierend: »Frau Rusch, Sie haben ein Kind vergessen!« Dann kritzelt Caroline Rusch oben rechts eine Wolke hin. »Nein. Eine Tochter ist schon vorausgegangen, ins Paradies. Irgendwann sehe ich sie wieder.« Früher oder später kommen viele Schülerinnen und Schüler auf diesen Moment zurück. Sie stellen Fragen, die sich viele Erwachsene nicht trauen: über den Tod, das Danach, den Glauben.
Cristian Rusch
Der promovierte Ökonom Cristian Rusch stieg 2003 ins Unternehmen Filtrox ein. Seit 2012 ist er CEO und Mitinhaber. Mit seiner Frau Caroline gründete er 2022 die Noemi-Rusch-Stiftung.
Caroline Rusch
Die Reisebüro-Fachfrau Caroline Rusch bildete sich ab 2018 zur Religionslehrerin weiter. Mit Cristian ist sie seit 1997 verheiratet. Das Paar hat vier Kinder – wovon eines schon im Himmel ist.