Lisa Rich
Unendliche Liebe in die Endlosigkeit
Mit Xplore hat die Unternehmerin Lisa Rich ihre Träume ins Weltall geschickt und bringt Bilder zurück, die mehr zeigen, als das Auge je sehen kann. Was als Staunen über den Kosmos begann, ist heute ein Geschäft von geopolitischer Tragweite – getragen von Daten, Risikokapital und einem überraschend festen Glauben.
Es gibt Menschen, die mit ihrem Kapital eine Villa kaufen. Und andere, die damit Risiken eingehen – wie die Investorin und Unternehmerin Lisa Rich. Sie trommelte Partner zusammen, baute einen Satelliten und sandte ihn ins Weltall. Mit ihrem Ehemann Jeff hat sie die Weltraumfirma Xplore gegründet. Ihr Satellit ist kaum größer als drei Brotlaibe. Sie ließ ihn mit einer Falcon-9-Rakete in den Orbit transportieren.
Der Anfang dieser Geschichte liegt in Greenwich: Die Naturfotografin besuchte das Royal Observatory, jenes Museum am Nullmeridian, das die größte Fotosammlung über das All beherbergt. Dessen Schönheit faszinierte sie. Genauso wie damals, als sie eine New-Shepherd-Kapsel von Blue Origin beobachtete und die Sehnsucht verspürte, die Endlosigkeit des Weltraums zu erleben. »Solche Fotos müssen wir auch machen können«, flüsterte sie ihrem Mann Jeff zu.
Ehemann Jeff ist Jupiter, Lisa Saturn.
Unternehmer-Gen der Mutter
Lisa Rich wuchs im Herzen von Chicago auf. Ihren Vater hatte sie früh verloren. Gemeinsam mit ihrer Mutter musste sie sich gegen die Widerstände des Alltags behaupten. In solchen Jahren bildet sich jener Instinkt für Geschäft und Risiko, den sie, wie sie sagt, von ihrer Mutter geerbt hat. So wurde aus einer Sehnsucht in Greenwich ein Geschäft und daraus das Weltraum-Unternehmen Xplore, verbunden mit großen Hoffnungen in die Kommerzialisierung des Alls. Das wirtschaftliche Potenzial, das Weltall kommerziell zu nutzen, beziffern Analysten derzeit auf rund tausend Milliarden Dollar.
Vor knapp einem Jahr konnte das Unternehmer-Ehepaar, das bislang viel Risikokapital in Start-up-Firmen im Weltraumbusiness investiert hatte, die ersten »hyperspektralen Bilder« vorstellen. Sie entstehen aus Daten, die ihr Satellit XCUBE-1 auf die Erde beamt. Die Bilder sind von außergewöhnlicher Genauigkeit, die Xplore von der Konkurrenz abhebt, mit einer weltweit führenden räumlichen Auflösung von fünf Metern über ein breites Spektrum an Spektralbändern. Zu kompliziert? In einfachen Worten sagt Lisa Rich: »Die Sensoren können die chemische Zusammensetzung der Erdoberfläche abbilden und daraus ein Foto generieren.«
Hightech fürs Leben
Es sind Bilder, die das Potenzial haben, die Welt zu verändern. Von Nachrichtendiensten bis zur Landwirtschaft, von Versicherungen bis zur Umweltüberwachung können die Daten von XCUBE-1 analysieren und herausfiltern, was vorher auf Bildern so nie sichtbar war: Eisenerzminen, die wie Venen die Landschaft durchziehen, Lecks in den Pipelines. Man kann damit sogar große Parkplätze überwachen und die Autos zählen. Die Möglichkeiten der Anwendungen sind längst nicht ausgeschöpft. Und immer sind Überraschungen dabei: Die Daten machen beispielsweise Bewegungen auf dem Wasser sichtbar – und offenbaren, wo Schiffe in illegalen Gewässern operieren. Was Xplore anbietet, ist teilweise auch hochpolitisch. So zeigte sich am World Economic Forum in Davos auch die polnische Regierung an einer Zusammenarbeit mit Xplore interessiert.
Geht es um Spionage, geht es um Macht und Geld? Das Nein von Lisa Rich klingt bestimmt. »Was wir anbieten, soll zu einer friedlicheren Welt beitragen. Es kann Leben retten und die Umwelt schützen«, erklärt sie.
Zwei Pole, die sich anziehen
Im Team von Xplore identifiziert sich jeder mit einem Himmelsgestirn. Ihr Mann ist der Jupiter, sie der Saturn mit seinem schmucken Schweif. Er ein bisschen größer, sie ein bisschen zierlicher. Die beiden gründeten auch BrainyQuote.com, die größte Zitat-
datenbank im Internet. Und wer sie beobachtet, erkennt rasch: Hier wirkt ein System, das im Kern aufeinander ausgerichtet bleibt. Jeff denkt in Zukunftsräumen, die für andere noch unsichtbar sind. Lisa übersetzt diese Visionen in Wirklichkeit, in Abläufe, in Beziehungen. Zwischen den Zeilen schwingt dabei ein Wort mit, das in einer modernen Beziehung als Gift gilt: »Unterordnung«.
Manchmal bringen Legos mehr als Strategiepläne.
Angesprochen darauf sagt sie: »Natürlich war ich mit gewissen Dingen und seinen Vorstellungen nicht immer einverstanden.« Aber: »It’s crazy. Er hatte mit seinen Visionen bislang immer recht. Er ist ein Genie.« Das mache sie manchmal sogar verrückt. Konflikte gebe es durchaus. Spannungen auch. Doch sie würden nicht unterdrückt, sondern zugelassen – fast als notwendige Reibung, wie sie auch im Kosmos herrscht. »Man muss Emotionen freilassen«, sagt sie. Aber auch die Erfolge gemeinsam feiern.
Der Mensch denkt, Gott lenkt
So knallten die Korken etwa, als ihr Satellit im All den Betrieb aufnahm und das System erfolgreich starten konnte. Vielleicht feiern sie jeden erreichten technischen Meilenstein auch darum so gerne, weil diese – das liegt in der Natur der Sache – der irdischen Öffentlichkeit meist verborgen bleiben. Wann immer ein Durchbruch gelingt, liegt es für Lisa nie nur am technischen Fortschritt. »Wir hatten zusammen für den Erfolg gebetet.«
Zwischen Berechnungen, Simulationen und Milliardeninvestitionen scheint es ein Fremdkörper zu sein – aber die Richs rechnen mit einem Gott, der letztlich alles lenkt. »Je mehr wir zu kontrollieren glauben, desto mehr entdecken wir, dass wir es nicht können. Das macht uns demütig.« Was die beiden verbindet, reicht über das Geschäft hinaus. Sie verstehen ihre Arbeit nicht nur als Projekt, sondern als Aufgabe. »Wir sind aus einem bestimmten Grund in dieser Position«, sagt Lisa Rich.
Anwendungen für Normalsterbliche?
Wohin führt ihre Reise? Lisa will die Kosten so reduzieren, dass nicht nur Regierungen und Großunternehmen das Datenmaterial von Xplore nutzen können, sondern auch Normalsterbliche. Vielleicht lässt sich so eines Tages das Zuhause überwachen, wenn man im Urlaub ist. Sollten Stürme aufziehen, würde man sofort erfahren, ob Wind-, Feuer- oder Hagelschäden vorliegen.
Wenn der Druck zu groß wird, ziehen sich die beiden zurück – nicht in Strategiepapiere, sondern in ein anderes Universum: Richs spielen Lego. Schritt für Schritt gehen sie die Baupläne durch, bis die manchmal 10 000 Teile umfassenden Bausets (18+) am richtigen Ort sind. In ihrer Sammlung sind unter anderem die Star-Wars-Editionen, das Kolosseum und der Eiffelturm.
Dieses systematische Vorgehen beruht auf Erfahrung. Es brauche Demut, die Erkenntnis, dass Gott das Gelingen schenken und verwehren kann, sinniert Rich. Nicht jedes Unterfangen gelang. Man habe beispielsweise viel Geld verloren mit einer Investition in den Weltraumbergbau. Wer sich an den Rand des Möglichen begibt, lernt, dass sich nicht alles berechnen lässt. Selbst der Flug um den Mond, die Rückkehr zur Erde – all das bleibt, bei aller Präzision, ein Wagnis.
Lisa Rich
Mit ihrem Mann Jeff hat Lisa Rich die Firma Xplore gegründet. Diese macht die chemische Zusammensetzung der Erde mit Hyperspektralbildern sichtbar. Lisa hat in über 200 Firmen investiert, darunter 17 im Raumfahrt- und 25 im Biotechsektor.