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Luca Bianda

Sprudel, der nie versiegt

Das Kultgetränk Fizzy gehört zum Tessin wie Wein, Salametti und Polenta – und wäre doch fast in der Vergessenheit versunken. Bis ihm der Apotheker Luca Bianda zu einer Renaissance verholfen hat. Doch was ihn und seine Familie wirklich antreibt, ist tiefer als jedes Quellwasser.

Stephan Lehmann-Maldonado
Stephan Lehmann-Maldonado
10 min

Haben wir uns verfahren? Hat uns die Vergangenheit eingeholt? Solche Gedanken kommen schnell hoch – wenn man, vorbei an verlotterten Rustici, nach Personico im Leventina-Tal kurvt. Und am Rand des Dorfs angekommen, stellt man verblüfft fest: Wir sind am Ziel.

Beinahe verschupft befindet sich hier ein Firmengelände, diskret angeschrieben mit »Gazzose Ticinesi SA« – zu gut Deutsch: »Tessiner Brausen«. Hinter der unauffälligen Fassade sprudelt seit siebzehn Jahren eine Erfolgsgeschichte. Und noch etwas, was sich aber nicht in Flaschen abfüllen lässt.

Nach schlaflosen Nächten entschied ich mich, die Firma zu übernehmen.

Aromen als Leidenschaft

Die Geschichte beginnt woanders. Luca Bianda, Apotheker aus Locarno, hatte soeben eine Studie für einen großen Milchverarbeiter in Estavayer-le-Lac durchgeführt. »Es ging darum, deren Produkte zu aromatisieren. Und Aromen faszinieren mich bis heute«, erinnert er sich. Damals wie heute leitete er ein Netzwerk von Apotheken, fuhr von Kunde zu Kunde quer durch die Schweiz, hing unterwegs seinen Gedanken nach. Und ärgerte sich, wenn er im Restaurant immer dieselben Getränke im Kühlregal sah: »Der Getränkemarkt ist langweilig, wenig innovativ. Wie wäre es, ein neues Getränk mit kräftigen Aromen zu entwickeln?«

Gedacht – ausprobiert. Mit einem Aromatiker aus der französischen Parfumhochburg Grasse tüftelte Luca Bianda an einem Produkt. Doch irgendwie scheiterten die beiden daran, die Flüssigkeit in die Flaschen abzufüllen. Das, obwohl sich Bianda in der Galenik bestens auskannte – in der Wissenschaft, wie man Wirkstoffe und Substanzen konsumierbar aufbereitet. Als er schon fast das Handtuch werfen wollte, riet ihm ein Kollege: »Geh doch zu dieser Sprudelwasserfabrik im Tessin und versuche, ein paar Harassen abzufüllen.«

Und zum ersten Mal fuhr Luca Bianda dieselbe Strecke wie wir: hin nach Personico, zu den Gazzose Ticinesi, damals noch Ambra genannt. Er kannte deren Getränke seit seiner Kindheit. Der Grundstein der Firma wurde 1890 gelegt. Zu Glanzzeiten stellten im Tessin rund fünfzig Produzenten sprudelnde Limonaden her. Doch als Bianda ankam, musste er leer schlucken. »Die Jungen trinken keine Gazzosa mehr«, klagte ihm der Besitzer vor: »Ich weiß nicht, an wen ich den Stab übergeben kann.«

Bianda hatte eine vollgestopfte Agenda. Doch dieser Satz ließ ihn nicht mehr los. Wie wärs, diese Fabrik zu übernehmen? »Nach einigen schlaflosen Nächten stürzte ich mich in das Abenteuer«, sagt Luca Bianda, »und heute ist mir eines klar: Das war kein Zufall. Gott hatte seine Hand im Spiel.«

Von »out« zu »in«

Ebenso klar war Bianda, dass ein Turn-around kein Zuckerschlecken würde. Eine »Marktforschung« unter Jugendlichen und Kindern in seinem Umfeld ernüchterte ihn: Niemand trank Gazzosa. Die Jüngsten wussten nicht einmal mehr, was das ist. Und Bianda konnte rechnen: Allein der Tessiner Markt – fünf Prozent der Schweizer Bevölkerung – würde nicht reichen, um eine Produktion aufrechtzuerhalten.

Zugleich kannte er die Stärken des Traditionsgetränks. Er konnte reines Quellwasser vom Pont da Picol auf tausend Metern, tief im Val Nadro, verwenden, auf künstliche Konservierungsstoffe verzichten und auf ikonische Glasflaschen mit Bügelverschluss setzen. Und dann hatte er noch einige neue Aromen und Ideen im Kopf. Nur, wie sollte es gelingen, die Jugend wieder fürs Bläschenwasser zu begeistern? Und den Sprung in die weite Welt hinter dem Gotthard zu schaffen?

Dafür brauchte es Leidenschaft, Storytelling. Luca Bianda tauchte in die Geschichte der Tessiner Gazzose ein und bereitete sie für die junge Generation auf. »Die Grotti, die alten Tessiner Wirtshäuser, stellten früher ihre Gazzose selbst her«, weiß Luca. Man mischte Wasser, Zitrone, Holunder oder Tamarinde, fügte etwas Zucker hinzu und ließ den Mix vierzig Tage in der Sonne gären. Bis das natürliche Prickeln entstand. Oder im Extremfall die Flasche explodierte.

Wasser, Zitrone, Zucker ließ man früher vierzig Tage in der Sonne gären.

Champagner der Armen

»Vor zweihundert Jahren waren die Menschen im Tessin arm. Viele wanderten nach Amerika, Frankreich oder Italien aus. Champagner konnten sie sich nicht leisten. Also nahmen sie diese Flaschen und füllten sie mit Gazzose – vielleicht auch, um sich ein bisschen wie die Reichen zu fühlen.« Als Hommage an den »Champagner der Armen« hat Bianda unter anderem eine Edition mit Moscato-Aroma in edler Champagnerflasche kreiert. Und aktuell experimentiert er mit »Mez & Mez«, dem klassischen Gemisch aus Rotwein und Gazzosa Limone, wie es die Urgroßeltern einst in den Grotti tranken. »Früher war der Wein oft ungenießbar«, sagt Bianda schmunzelnd: »Da musste man schon Süße zugeben.«

Unter dem Markennamen »Fizzy« hat Bianda das alte Kultgetränk für eine neue Generation erfunden: Limone, Mandarino, Lampone, Moscato, Mirtillo, Pompelmo Rosa, Aranciata Amara. Ob die Hunderten junger Rekrutinnen und Rekruten der nahen Kaserne Airolo alle diese Geschichte kennen? Wohl kaum. Aber wer über den Waffenplatz spaziert, sieht viele an einem bunten Fizzy schlürfen. Im Vergleich mit den Getränke-

giganten ist die Gazzose Ticinesi immer noch ein Zwerg. Aber einer mit einer starken Marke – und einem Quellwasser, das nirgendwo sonst fließt.

Zu eng für die Vision

Mit gerade mal drei Mitarbeitenden hat Bianda in Personico begonnen. Heute sind es 28, fast zehnmal so viele. Ehefrau Manuela kümmert sich um Personal und Sponsoring, Tochter Lea um Grafik und Marketing, Bruder Nicola um den Verkauf. Der Umsatz hat sich vervielfacht, siebzig Prozent werden jenseits des Tessins erwirtschaftet – in Szenegastrobetrieben, Supermärkten, Spezialitätenläden.

Das Fabrikareal allerdings ist dasselbe geblieben wie vor siebzehn Jahren. Und es ist zu klein geworden – zu eng für die über fünf Millionen Flaschen, die es jährlich verlassen. »Meine Mitarbeitenden leisten enorm viel, verpflichten sich zu einer Kultur der kompromisslosen Exzellenz«, sagt Bianda. Um weiter wachsen zu können, bräuchte er jedoch die Erlaubnis zum Ausbau. Noch beißt er bei den lokalen Behörden in Personico auf Granit. Zu groß ist die Sorge, die Fabrik könnte die Dorfruhe stören. Aber steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein. Erst recht, wenn er aus Gazzosa besteht.

Familie ist kein Organigramm

Aber was Fizzy wirklich unvergleichbar macht, findet sich auf keinem Organigramm, auf keiner Zutatenliste. Luca, seine Frau Manuela, seine Tochter Lea, sein Bruder, seine Schwägerin – und manchmal andere Mitarbeitende – verstehen sich in einer Dimension, die vielen verschlossen bleibt. Nämlich auf der geistlichen Ebene. »Wir beten regelmäßig zusammen, erzählen schonungslos offen von Problemen, ermutigen einander«, sagt Luca: »Das empfinde ich als sehr befreiend.«

Dabei geht es ihm nie um die Gewinnmaximierung. Unternehmertum heißt für ihn, Arbeitsplätze zu schaffen und Menschen in Not zu unterstützen – und noch mehr. »Es ist ein Mittel, die Menschen etwas vom Reich Gottes schmecken zu lassen.« Das mag wie ein frommer Wunsch klingen. Doch Luca Bianda ist keiner, der leichtfertig von Gott spricht. Er ist ein Analytiker, der keinen Schluck von etwas nimmt, bevor er den Zettel mit den Nebenwirkungen studiert hat.

Bei Lea (links) und Luca Bianda gehen Tradition und Innovation Hand in Hand. Aktuell produzieren sie rund viertausend Flaschen Fizzy pro Stunde – aus reinem Quellwasser.

Zu neunzig Prozent bewege ich mich außerhalb meiner Komfortzone.

Durch Leid zum Durchbruch

Der Glaube wurde ihm nicht sanft in die Wiege gelegt. Er hat ihn sich in den dunkelsten Stunden errungen. Seine erste Frau, die Mutter seiner Töchter, erkrankte. Unaufhaltsam verlor sie an Kraft. »Mit all meinem Wissen stand ich hilflos da, konnte nichts für sie tun«, sagt Luca leise. Bis die Frau starb. In der Stille schrie es in Luca: Sollte das alles im Leben sein? Was trägt, wenn die Materie versagt? Darauf lud ihn ein Freund in eine kleine Gruppe ein, in der die Leute gemeinsam die Bibel lasen. Luca ging – skeptisch und neugierig zugleich. Dann stockte er. Was er hörte, bewegte ihn stärker als erwartet. Er empfand es als Antwort auf seine tiefsten Sehnsüchte. »Jesus sagte: Wer von meinem Wasser trinkt, wird nie mehr dürsten – das ist noch besser als Fizzy«, erklärt Luca.

Bald darauf lernte er seine heutige Frau Manuela kennen. Sie ist mehr als die Personalchefin. Sie ist das Herz der Gazzose Ticinesi. »Meine Tür steht immer offen – für Berufliches und Persönliches«, sagt sie. Und man staunt: Viele Mitarbeitende vertrauen ihr auch das an, was sie sich nicht einmal im Freundeskreis auszusprechen getrauen. »Sie empfinden uns als eine Familie«, meint Manuela Bianda. Wer für Fizzy arbeiten will, verpflichtet sich im Gegenzug zu einem ganzen Wertekatalog. Er verlangt vor allem einen respektvollen Umgang miteinander – und dass man im Gegenüber stets das Potenzial sieht. »Diese Haltung üben auch wir immer wieder bewusst ein«, sagt Lea Bianda.

Am richtigen Ort

Dennoch verläuft der Betriebsalltag oft hektisch. Luca Bianda ist immer auf Achse. Mal muss er etwas für seinen Apothekenverbund regeln, mal eine Maschine für die Produktion organisieren, ein Rezept testen oder sich auf Regulierungen einstellen. Im Markt ist Fizzy ein Zwerg, der gegen Giganten kämpft. »Zu neunzig Prozent bewege ich mich außerhalb meiner Komfortzone«, meint Luca selbstkritisch. Gestern sei er nachts um ein Uhr aufgewacht, habe Fragen gewälzt. Kann das auf Dauer gut gehen? »Ich weiß, dass ich am richtigen Ort bin. Und wenn ich an meine Grenzen stoße, spüre ich Gottes Kraft ganz besonders«, sagt Luca: »Dieses Geheimnis kann man nicht beschreiben, man muss es erleben.«

Ruhe findet Luca Bianda aber auch im Sport und am Kochherd. Und manchmal bei einem Schluck Fizzy. Seine Lieblingssorte ist Pompelmo Rosa, die Grapefruitvariante. Vielleicht, weil sie zu ihm selbst passt: Das Beste kommt manchmal durchs Bittere.

Luca Bianda

Luca Bianda

Ob Salben, Medikamente oder Gazzose: Als Apotheker versteht sich Luca Bianda auf gelungene Mischungen. Neben einem Netzwerk von Apotheken ist er seit 2008 Eigentümer und CEO der Gazzose Ticinesi SA und hat die Marke »Fizzy« schweizweit bekannt gemacht. In seiner Freizeit treibt er gerne Sport. Bianda ist verheiratet mit Manuela, die im Unternehmen für Personal und Sponsoring zuständig ist. Tochter Lea verantwortet die Grafik und das Marketing.