Joana Rudziok
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Mara Prusu

Die Macht zu dienen

Mara Prusu ergriff als junge Frau die Chance, für einen der größten Energiekonzerne Europas zu arbeiten. Das Karriereprinzip »Grow or go« passe gut zu ihr, sagt die 36-Jährige. Das bedeutet für sie aber nicht, dass Macht zum Egotrip werden muss.

Jörn Schumacher
Jörn Schumacher
7 min

Ohne Strom geht gar nichts«, sagt Mara Prusu nüchtern. Die Relevanz der Energiebranche, in der sie arbeitet, wurde erst kürzlich wieder deutlich, als ein mehrtägiger Stromausfall in Berlin zeigte, wie verwundbar das moderne Leben ist, wenn der Strom fehlt. Entsprechend fühle es sich gut an, einen wichtigen Teil in der Gesellschaft mitzuverantworten, sagt die leitende Angestellte beim Energiekonzern E.ON.

Ohne Einfluss komme man in ihrem Job nicht weit, sagt Mara. »Das Prinzip ›Grow or go‹ passt zu mir«, gibt sie offen zu. »Ich arbeite stetig darauf hin, meinen Einflussbereich innerhalb der Firma zu erweitern, um mein Netzwerk zu stärken und wertvolle Synergien zu schaffen.« Dabei wirkt die zierliche Frau beim Gespräch im modernen Glasbau der E.ON-Firmenzentrale gar nicht wie eine Kämpferin, die sich mit Ellbogenmentalität in der Hierarchie nach oben boxt. Mit Klischees räumt sie auch gleich auf: »Die Vorstellung, dass die Chefs immer die obersten Etagen bekommen, stimmt bei uns nicht«, sagt sie und lacht. »In der vierzehnten Etage sitzt nicht der Vorstand, sondern das Inhouse-Consulting.« Vielleicht gebe es Ellbogenkämpfe auch bei E.ON, sie selbst habe das nie erlebt.

»Macht ist dann nur negativ, wenn jemand sie für sein Ego benutzt, um sich über andere zu erheben.« Wo sie hingegen »gestaltend und dienend« eingesetzt werde, helfe das am Ende allen – den einzelnen Mitarbeitenden, dem Team und dem gesamten Konzern, so Mara.

Von Siebenbürgen nach Essen

In ihrer Heimat in Siebenbürgen lernte sie in der Schule schon früh Deutsch. Nach einem Masterabschluss in Wirtschaftsprüfung in Cluj (Klausenburg) bewarb sie sich bei E.ON, als der Konzern in Rumänien ein Service Center aufbaute. Mara stieg als Controllerin ein. Mit 26 erhielt sie dann das Angebot, nach Deutschland zu wechseln. »Das war für mich die Chance, mich weiterzuentwickeln. Ich war jung und kannte in Deutschland niemanden. Ich wollte meine Grenzen ausloten.«

Macht ist kein Egotrip, sondern ein Auftrag.

Schnell lernte sie, dass der Beruf des Controllers in beiden Ländern unterschiedliche Möglichkeiten mit sich bringt. Während man in Rumänien meist korrekte Abrechnungen der Kostenstellen überprüft, habe man in der Bundesrepublik auf diesem Posten deutlich mehr Befugnisse. »Controller schauen auf Key-Performance-Indikatoren, machen Analysen und können dem Management Steuerungsimpulse geben. Man fungiert als eine Art Co-Pilot der Geschäftsleitung. In Rumänien ist man eher ein Number-Cruncher.«

Auch sonst musste sich Mara hierzulande in ein anderes Mindset einfinden: »Ich denke, die Menschen hier sind viel eher bereit, für die Karriere mehr von ihrem Privatleben aufzugeben. In Rumänien haben Familie, Freundschaft und Freizeit einen viel höheren Stellenwert.« Die Kultur sei zudem stark von Pragmatismus geprägt. »Man schustert sich irgendwie alles zurecht.« Im Zweifelsfall sei man dafür aber auch etwas schneller als in Deutschland, wo den Menschen Regeltreue und Ordnung viel wichtiger seien, so Mara.

Freiheit und Rückhalt

Eigentlich wollte sie nur ein paar Jahre bleiben, doch inzwischen wurde Deutschland zu Maras neuer Heimat. Heute leitet sie das Market Steering für sechs Märkte in Ost-, Südost- und Zentralosteuropa sowie Schweden. Ihr vierköpfiges Team betrachte die Märkte aus einer Vogelperspektive, erklärt sie. Da die Netzgeschäfte gesetzlichen Regularien unterliegen – ähnlich wie durch die Bundesnetzagentur –, müssen sie komplexe Parameter analysieren, damit dem Vorstand Empfehlungen für die Kapitalallokation ausgesprochen werden können. Es geht um weitreichende Entscheidungen, etwa wohin Investitionen des Unternehmens fließen sollen.

In ihrer Rolle als Führungskraft ist es Mara wichtig, Verantwortlichkeiten klar zu definieren, aber auch Freiräume zu lassen. »Wenn du kompetente Mitarbeitende in deinem Team hast, solltest du ihnen möglichst viel Gestaltungsspielraum geben.« Sie sieht sich nicht als die bessere Expertin, sondern als diejenige, die weiß, wer im Team das meiste Fachwissen hat. »Und ich bin genau die Person, die ihnen den Rücken freihalten muss.«

Dazu gehört es auch, Konflikte für das Team auszufechten. Mara erinnert sich an eine Situation, als ein Teammitglied nicht mit am Tisch der Entscheider sitzen sollte. »Da war es meine Aufgabe, den Standpunkt des Teams zu vertreten. Der Mitarbeitende kann das schlecht selbst übernehmen.«

Diese Philosophie bewährte sich auch bei einem großen Transformationsprojekt im Finanzbereich, das sie leitete. Es sollte ein Performance-Management-System eingeführt werden, doch das stieß auf erheblichen Widerstand. Bewertung und Tracking wurden kritisch gesehen. Statt die Maßnahme einfach durchzusetzen, setzte Mara auf Dialog. Sie zeigte auf, dass das System helfen würde, Potenziale zu entdecken, die vorher vielleicht übersehen worden wären. »Bei einer Transformation willst du die Organisation mit ins Boot holen. Ein Machtwort hat nur kurz Bestand. Sobald die Person, die es spricht, nicht mehr da ist, bricht alles wieder ein.«

Der Glaube als Kompass

In einem Konzern sei jedem Mitarbeitenden klar: »Wenn du dich entwickeln willst, liegt der erste Schritt bei dir.« Für Mara heißt das: »Ich pflege mein Netzwerk, halte die Augen offen nach Möglichkeiten und bewerbe mich für Entwicklungsprogramme.« Einmal hat sie ein hausinternes Mentoringprogramm durchlaufen. Das habe ihr enorm weitergeholfen. Über zwei Jahre durfte sie ihren Mentor begleiten, ihm über die Schulter schauen. Er unterstützte Mara dabei, Kontakte zu knüpfen und half, Türen zu öffnen.

Ihre eigene Weiterentwicklung und ihr beruflicher Aufstieg sind für Mara aber kein Egotrip, sondern die Erfüllung eines Auftrags. Hier spielt ihr christlicher Glaube eine zentrale Rolle. »Mein Wert besteht nicht allein darin, ob ich beruflich erfolgreich bin. Es tröstet mich zu wissen, dass Gott gnädig ist.« Diese Gewissheit gibt ihr innere Freiheit: Ein guter Tag ist für sie »Gnade«, an einem schlechten Tag weiß sie sich trotzdem geliebt. Diese Haltung prägt ihren Umgang mit Fehlern – sowohl den eigenen als auch denen anderer. »Ich denke, ich gehe gnädiger mit Menschen um. Auch wenn ich bei einem Konflikt im Recht bin und jemandem auf die Finger klopfen könnte, kann ich mein Recht hintenanstellen und geduldig sein. Gott geht genauso mit mir um.«

Bei E.ON gibt es verschiedene Netzwerke für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch eines von Christen, das vor allem von britischen Kollegen initiiert wurde. Rund vierzig Kollegen trafen sich im Winter in der Firmenzentrale. Mara drängt ihren Glauben niemandem auf, verschweigt ihn aber auch nicht, wenn es im persönlichen Umfeld passt. Für sie sind Karrierewillen und christliche Werte kein Widerspruch: »Mein Führungsstil ist von christlichen Prinzipien geprägt. Das könnte man zusammenfassen mit dem Prinzip der ›dienenden Führung‹.«

Ausgabe 37

Gute Macht Geschichten

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Die Bibel als Businessratgeber

Im Umgang mit ihrer Führungsverantwortung orientiert sich Mara auch an der Bibel. Darin gehe es häufig um Macht. Schon am Anfang stehe der Auftrag, die Schöpfung zu gestalten, zu bewahren und weiterzuentwickeln. »Mit großer Macht kommt große Verantwortung.« Im Umgang mit ihrem Team bedeutet das für Mara: »Ich kann meinen Einfluss dafür einsetzen, meine Mitarbeitenden sich entwickeln zu lassen.«

Dabei verschließt Mara nicht die Augen vor der Realität eines Großkonzerns. In Krisensituationen müssen Entscheidungen manchmal ohne Konsens getroffen werden. »Da hat man keine Zeit, alle zu befragen. Aber entscheidend ist die Intention.« Wer glaubhaft vermitteln könne, dass eine Entscheidung dem Wohl des Teams und des Unternehmens diene, erhöhe langfristig die Akzeptanz.

Manchmal fühle sie sich auch ohnmächtig, gibt Mara zu. Dass sie sich als Frau in einer noch immer männerdominierten Wirtschaft bewegt, beschäftigt sie. Doch sie sieht das heute positiv: »Vielfalt, Chancengerechtigkeit und Zugehörigkeit stehen im Zentrum unserer Zusammenarbeit bei E.ON und es gibt viele Initiativen zur Förderung von Frauen.«

Am Ende des Gesprächs kehrt Mara nochmal zur Bibel zurück und zitiert eine radikale Aussage von Jesus: »Wer unter euch groß sein will, der soll allen anderen dienen.« Für Mara ist das die wegweisende Definition für ihre Arbeit: Macht als Dienst zu verstehen.

Mara Prusu

Mara Prusu

Nach ihrem BWL-Studium in Cluj (Klausenburg) begann Mara Prusu (36) als Controllerin bei E.ON in Rumänien. Vor fünf Jahren übernahm sie das Projektcontrolling für eines der größten Transformationsprojekte im Finanzbereich bei E.ON in Essen. Seit 2025 führt sie ein vierköpfiges Team an. In ihrer Rolle als Head of Market Steering gestaltet sie die Marktsteuerung für sechs Märkte in Ost-, Südost- und Zentralosteuropa sowie Schweden maßgeblich mit.