David Vogt
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Karl Graf zu Eltz

Was trägt ein 900- jähriges Familienunternehmen?

Burg Eltz gilt als eine der schönsten Burgen Europas und zierte einst den 500-DM-Schein. Sie befindet sich seit 34 Generationen in Familienbesitz. Für Karl Graf zu Eltz ist sie weit mehr als ein altes Gemäuer. Im Gespräch erzählt er, warum seine Familie sich nicht als Eigentümer versteht und was das mittelalterliche Erbe bis heute zusammenhält.

Nicolai Franz
Nicolai Franz
8 min

Graf Eltz, wir sitzen in einer 900 Jahre alten Burg. Erfüllt Sie das noch immer mit Ehrfurcht – oder sind Sie längst daran gewöhnt?

Die Burg Eltz ist ein Gebäude, das Ehrfurcht abverlangt und Liebe schenkt. Ich weiß nicht, wie oft ich schon hier gewesen bin. Aber jedes Mal erobert mich die Burg von Neuem. Insofern haben wir das große Glück, dass meine Altvorderen so schön gebaut und das Ganze so gut erhalten und uns etwas übergeben haben, das wir nun am Leben halten dürfen. Wir müssen es mit Dankbarkeit, manchmal mit Staunen, aber niemals als selbstverständlich annehmen.

Was würden die Erbauer sagen, wenn sie wüssten, dass sich 2026 immer noch jemand aus der Familie um die Burg kümmert?

Ich glaube, die würden das ganz entspannt und durchaus zufrieden sehen. Sie hatten ja nicht ohne Grund 1268 die Ganerbschaft gegründet, damit das Überleben der Burg mit mehreren Stämmen gesichert wird. Eine Linie kann ja mal aussterben, so geschah es 1780, die zweite verkaufte ihren Anteil 1815, und wir, die Dritten, blieben und kümmern uns bis heute um unser Stammhaus.

Was genau ist diese Ganerbschaft?

Sie war eine Wirtschafts-, Verteidigungs- und Wohngemeinschaft unter Ebenbürtigen. Zwei Brüder und ein Vetter beschlossen: Wir teilen die Burg in drei Teile, und alle haben gleiche Rechte an ihr und dem umliegenden Besitz. Es war ein auf die Zukunft angelegter Betrieb mit der Besonderheit, dass alle Eigentümer einer Familie angehörten und vor Ort lebten. Nota bene: Die Burg hatte bis zu 180 Bewohner, einen einzigen Zugang, einen kleinen Innenhof und einen Brunnen.

Da sind Konflikte programmiert.

Selbstverständlich. Es ist sogar berichtet, dass ein Eltzer einen Vetter zu Tode schlug. Das wurde gesühnt, dafür waren Regeln da, die im Burgfriedensbrief festgehalten wurden, einem Rechts- und Verhaltenskodex. Die Familien lebten trotz des Totschlags oder anderer Vergehen weiter miteinander. Die Schande fiel nicht auf die Familie, sondern auf die Person. Die musste büßen.

War das Zusammenleben streng geregelt?

Zumindest sehr präzise. Ein Mitglied einer Linie Eltz war immer drei Jahre lang zuständig für den Erhalt der Burg. Es musste dafür sorgen, dass das Gebäude in Ordnung, die Verteidigungsbereitschaft gewährleistet und auch, dass genügend Essen da war. Das war eine hohe Verantwortung für die Ganerbengemeinschaft. Nach Ablauf der Zeit ging das Amt auf die nächste Linie über. Rechte und Pflichten galten für alle gleich. Kein Eltzer stand über dem anderen. Wenn Sie die Burg von oben anschauen, sehen Sie es: Alle Dächer sind gleich hoch.

Sogar architektonisch?

Genau. Niemand sollte auf den anderen herabschauen können. Das war ein austariertes Miteinander. Regelmäßige Treffen der männlichen Ganerben im Rittersaal unter den Narrensteinen, die für die freie Rede standen, sollten dafür sorgen, dass alles gesagt werden durfte. Auf der anderen Seite ist die Schweigerose: Alles Gesagte durfte den Raum nicht verlassen – eine praktische und erfolgreiche Konferenzeinrichtung im Mittelalter, die wesentlich zum Erhalt des Gleichgewichts innerhalb der Ganerbschaft beitrug.

Die Burg Eltz ist ein Gebäude, das
Ehrfurcht abverlangt und Liebe schenkt.

Fühlt man sich als Teil einer solchen Familienlinie als Einzelner klein?

Vollkommen. Wir sehen uns als ein Glied in einer sehr langen Kette. Und der jeweilige Familienchef versteht sich als Verwalter für die Familie, nicht als Eigentümer.

Obwohl Sie rechtlich Eigentümer sind.

Ja, aber ich konnte diese Burg nur ganz übernehmen, weil meine acht Geschwister auf Teile ihres Erbes verzichteten. Dies, meine Erziehung und die Geschichte des Hauses haben mich gelehrt: Das ist nicht dein Verdienst. Du hast die Burg nicht gebaut. Aber du hast die schöne und schwierige Pflicht, tagtäglich dafür zu sorgen, dass du sie in einem besseren Zustand übergeben kannst, als du sie übernommen hast.

Haben Sie Ihre Geschwister ausbezahlt?

Mein Vater hat das, aber unterhalb dessen, was sie hätten erzielen können, wenn man die Burg durch neun geteilt und samt Inhalt verkauft hätte. Dass sie dies akzeptierten, war Resultat einer intensiven, liebevollen und fokussierten Erziehung. Meine Geschwister erkannten: Wir gewinnen mehr, wenn die Burg vollständig und erhalten bleibt, sie sie immer besuchen, auf sie stolz sein können und keine Lasten damit haben. Unsere Stammburg ist für alle Eltzer sehr wichtig.

1881 ließ Graf Karl das Schreibzimmer über dem Rübenacher Eingang für seine Frau Ludwine herrichten – mit spätgotischer Rankenmalerei samt Porträts seiner acht Kinder und von sich selbst in romantischen Posen.
Das Kurfürstenzimmer ist benannt nach den Kurfürsten des Hauses Eltz, nämlich Jakob III von Trier (1567-1581) und Philipp Karl von Mainz (1732-1743).
Der zierliche gotische Kapellenerker mit sakralen Bleiglasscheiben von 1520, die auch ihre Eltzer Stifter zeigen, schließt das Schlafgemach nach Osten ab.
Der Rübenacher Untersaal war ein Wohnraum der Familie Eltz-Rübenach. Er wurde 1311 erbaut und beinhaltet u.a. die weltbekannte Sehenswürdigkeit »Madonna mit Kind und Weintraube«, ein Meisterwerk von Lucas Cranach d. Ä.

Wie würden Sie Ihre Erziehung beschreiben?

Meine Eltern waren darum besorgt, dass wir anständige, freundliche, faire und gebildete Menschen werden – bei neun Kindern eine Herausforderung. In Zentrum standen Glaube und Kirche. Großer Wert wurde auch darauf gelegt, dass wir uns unserer Familie verpflichtet fühlen. Meine Frau und ich haben mit unseren vier Kindern versucht, ein möglichst enges Familienleben zu pflegen und unsere Alltäglichkeit, die Ämter meiner Frau, meinen Beruf und unsere Arbeit für Burg Eltz offen zu kommunizieren. Zu unserer großen Freude akzeptierten auch unsere Kinder mit Selbstverständlichkeit, dass, der Tradition folgend, unser ältester Sohn die Stammburg ungeteilt übernahm.

Der Glaube gehört zu meinem Leben wie die Luft zum Atmen.

Wie war es für Ihren Sohn, die Geschäfte der Burg zu übernehmen?

Er ist schon früh eingebunden gewesen und fand – über die Familie hinaus – einen besonderen Weg in die Spezifika von Burg, Familien-, Baugeschichte und alter Kunst. Der Funke sprang über, als er sich als Fünfzehnjähriger auf der Burg als Gästeführer die Hälfte seines Walkmans verdienen wollte und vom damaligen Kastellan, einem begnadeten Motivator, in alle Finessen und Geschicht(ch)en der Burg eingeführt wurde. Beruflich war er als Risk Manager in Banken und Versicherungen tätig, trat vor zehn Jahren in das Familienunternehmen ein und führt es seit nunmehr acht Jahren.

Sie waren lange als Unternehmensberater tätig. Hat dieser berufliche Blick auf Organisationen, Führung und Nachfolge beeinflusst, wie Sie später die Verantwortung für Burg Eltz übernommen haben?

Seit 1976 bis 2010 war ich fast durchgängig für global agierende Wirtschaftsprüfungs- und Unternehmensberatungsgesellschaften tätig. Was ich dort lernte und tat, hat meinen Umgang mit Zahlen geschärft. Burg Eltz ist neben Kunst, Kultur und Geschichte seit jeher ein Wirtschaftsbetrieb, der funktionieren und sich immer wieder anpassen muss. Diese »Schule« hat mich darin, wie ich fand, sehr gut auf die Vielfalt der Herausforderungen dieses etwas ungewöhnlichen Geschäfts vorbereitet.

Können moderne Unternehmen von uralten Familien- und Verantwortungsstrukturen wie der Ganerbschaft lernen?

Rezepte für heute bietet das Mittelalter selten eins zu eins, aber fast immer qua Analogie. Die Ganerbschaft war ideal als Ewigkeitsstrategie für ritterliche Familien und ihre recht diversifizierten Familienunternehmen aus Burg, Gehöften, oft Dörfern, Land- und Forstwirtschaft, Services wie Geleitdienste, Zehntrechte usw. Im Wesentlichen ging und geht es um Nachhaltigkeit, das Denken in Generationen und auch um Konzentration auf das Wesentliche. In diesen gefährlichen Zeiten war es überlebenswichtig, nicht nur auf eine Eigentümerfamilie zu setzen. Immerhin starben über fünfzig Prozent der ritterlichen Familien noch im Mittelalter aus. Die Ganerbschaften sammelten daher zwei oder drei Familienstämme und führten ihren Betrieb gemeinsam, nach strengen gemeinsamen Regeln, versteht sich. Ihr unternehmerisches Handeln war nach mittelalterlichem Verständnis auf die Ewigkeit ausgerichtet und hatte darin nur eine Chance in unbedingter Nachhaltigkeit in allen Bereichen: im Umgang mit den Ganerben, den Anvertrauten, den ritterlichen Nachbarn und der mächtigen Kirche, im respektvollen Einsatz natürlicher Ressourcen sowie in der Nutzung altbewährter Methoden und Materialien für den Bau ihrer Burg. Das ist der Grund, warum sie heute noch stehen.

Zur Burg gehört für Sie auch Gastlichkeit.

Burg Eltz war immer offen für jedermann, der in friedlicher Absicht kam. Das war erstens Christenpflicht und in einer Zeit ohne Gasthäuser auch dringend geboten. Jeder Gast musste aber sein angemessenes Schärflein zum Erhalt der Burg beitragen. Hierzu gab es einen reichsweit gestaffelten Tarif. Einem bürgerlichen Gast wurden ein bis zwei Gulden berechnet, ein Ritter schuldete zehn, ein Freiherr zwanzig, ein Graf dreißig und ein Fürst vierzig Gulden, umgerechnet etwa 25 000 Euro, außerdem zwei Armbrüste für die Burgwächter. Dafür durften sie mit ihrem Gefolge bis zu einem Jahr bleiben. Nach 1500 geriet diese Art der Gastlichkeit mit dem Aufkommen der Gastronomie in Vergessenheit. Mit der Romantik zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wurde Burg Eltz zum Sehnsuchtsort. Zahllose Gäste, einschließlich William Turner, Victor Hugo und die deutschen Kaiser, sagten sich an, wurden bewirtet und durften die Burg besichtigen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Eltz zu einem Museum und öffnete für alle Besucher. Burgführung und Bewirtung werden bis heute angeboten. Der Personalmangel in der Gastronomie stellt unsere Gastlichkeit allerdings vor größere Probleme.

Was bedeutet Ihnen Nachhaltigkeit?

Sie ist für mich ein moralischer und ökonomischer Imperativ, für Familie und Burg ein Hauptgrund, dass es beide heute noch gibt. Burg Eltz versteht sich als Bildungsstätte für das Mittelalter insgesamt und ausdrücklich auch für gelebte Nachhaltigkeit. Wir lehren unsere Gäste am Beispiel Burg Eltz, dass wir im Wesentlichen deshalb fast neunhundert Jahre überleben konnten, weil Leben, familiäre »Governance«, Wirtschaften und Bauen nicht für den Augenblick, sondern auf die Ewigkeit hin ausgerichtet waren. Dies alles konnte freilich nur mit Gottes Segen gelingen, der uns in allen Kriegen vor großen Katastrophen bewahrte.

Was bedeutet Ihnen der Glaube persönlich?

Er gehört zu meinem Leben wie die Luft zum Atmen. Es gab früher immer einen Burgkaplan, in jeder Generation gingen mehrere Mitglieder in geistliche Berufe. Die katholische Kirche war also ein vollkommen integraler Bestandteil des Lebens der Familie. Zu wissen, dass es einen Herrgott gibt, macht mir das Leben leichter. Der Glaube ist eine Richtschnur meines Handelns. Ich muss gestehen, es gelingt nicht immer, diesen Ansprüchen zu genügen, aber ich kann mir nicht vorstellen, ohne Glauben und Kirche zu leben.

Wenn die Burg Eltz und all Ihr Besitz mit einem Mal vom Erdboden verschluckt werden würde, welches Erbe bliebe Ihnen dann noch?

Das wäre recht tragisch, aber das immaterielle Erbe bliebe. Hiermit meine ich die Erziehung, Orientierung, Kultur, Anpassungsfähigkeit an neue Zeiten und die Werte, die genauso an die nächsten Generationen weitergetragen werden. Sicherlich ist es leichter, dies alles anhand eines vorhandenen und vorzeigbaren Hauses zu zeigen und zu erklären.

Karl Graf zu Eltz

Karl Graf zu Eltz

Der Volkswirt arbeitete in der Wirtschaftsprüfung und Unternehmensberatung, etwa für Ernst & Young, bevor er 2006 vollzeitlich die Hauptlinie des Hauses Eltz übernahm und Burgherr wurde. Der 76-Jährige ist verheiratet und hat vier Kinder. Sein ältester Sohn führt seit 2018 das Tagesgeschäft der Burg. Eltz ist Vorsitzender der Klosterstiftung St. Hildegard und gehört den Kuratorien der Stiftung Lesen und der Abtei Maria Laach an.