Nadine Klein
Der Fuß ist ein Wunder
Nadine Klein entwirft und baut Barfußschuhe für Kinder. Die Gründung ihres eigenen Unternehmens war für die einstige Leistungssportlerin eine Reise mit Gott und zu sich selbst. Der Laden in Berlin hat ihr geholfen zu erkennen, dass sie wertvoll ist. Nun will sie das auch ihren Kunden zeigen.
Wenn in Nadine Kleins Laden die Klopfmaschine hämmert, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. TACK TACK TACK. In erbarmungslosem Stakkato schlagen die beiden Metallbolzen aufeinander und drücken die Innennähte von Nadines selbst entworfenen Barfußschuhen glatt. Kein Widerstand soll den Fuß stören, kein Kratzen einen natürlichen Gang behindern. Es ist einer der letzten Arbeitsschritte, bevor der Schuh im Ladengeschäft vorn verkauft werden kann. Dort ist es warm, es riecht nach Leder. Schuhkartons stehen aufgereiht, darin finden sich bunte, einfarbige oder gemusterte Schuhe in den Größen 18 bis 31. Für Erwachsene gibt es Hausschuhe aus dicker Schurwolle.
Ihr Körper macht das ambitionierte Training irgendwann nicht mehr mit.
Das Geschäft »Lieblinge« findet sich im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Wohl nirgends würde es besser hinpassen. Hier leben Menschen, die vermehrt auf einen ökologischen Lebensstil setzen. Es reihen sich Bioläden an Secondhandgeschäfte, Läden für nachhaltiges Kinderspielzeug und für vegane Delikatessen. In Nadines Geschäft sind alle Materialien ökologisch, ohne giftige Zusätze und stammen mit Ausnahme des Filzstoffs aus Deutschland. Jeder Schuh wird vor Ort von ihr oder einer ihrer vier Mitarbeiterinnen handgefertigt. Die neuen Modelle finden hier ihren Anfang, wenn Nadine an ihrem großen weißen Schreibtisch gleich hinter dem Glasfenster der Ladenfront Platz nimmt, den Leisten abklebt, Lederstücke zuschneidet, einmal um die Ecke geht und Sohlen mit der Durchnähmaschine befestigt oder Innenfutter aufbügelt. Um ein Paar Schuhe herzustellen, braucht sie etwa eine halbe Stunde.
Barfußschuhe gibt es freilich nicht erst seit Nadine »Lieblinge« 2013 an den Start gebracht hat. Die Auswahl an Marken reicht von »Giesswein« über »Wildling« bis zu »Groundies«. Echte Barfußschuhe haben gemeinsam, dass sie das Laufen ohne Schuhe imitieren. Die Zehen haben darin viel Platz, um eine natürliche Fußhaltung zu ermöglichen. Die Sohle ist dünn und flexibel, um die Fußmuskulatur zu trainieren. Oder wie Nadine es ausdrückt: »Der Fuß ist ein Wunder. Und wir wollen dabei helfen, ihn wieder in seine Ursprungsform zu bringen.« Nicht nur High Heels für Frauen sorgten dafür, dass besonders die große Zehe gequetscht und der Fuß nach und nach unnatürlich verformt werde. Auch mutmaßlich locker sitzende Straßensneaker oder Sportschuhe hätten in der Regel eine nicht natürliche Fußform, was spätestens im Alter zu Problemen beim Laufen führen könne. Nadine muss es wissen. Sie ist zum einen gelernte Orthopädiemechanikerin, zum andern ehemalige Leistungssportlerin.
Ambitionierte Handballerin
Nadine wächst in Magdeburg auf. Als Teenagerin spielt sie Handball, kurz nach dem Abi, mit neunzehn, ist sie Leistungssportlerin und spielt für die Frauen des SC Magdeburg in der Ersten Bundesliga, später in Trier. Rechtsaußen ist ihre Position. Offensive also. Schnell muss sie sein. Und mit dem linken Arm gut werfen. Sie ist durchtrainiert, will in die Nationalmannschaft. »Mein Freundeskreis bestand aus Physiotherapeuten, Sportlern und Ärzten«, erinnert sie sich. Alles habe sich um den Erfolg gedreht. Sie ernährt sich entsprechend, arbeitet täglich an sich. Doch ihr Körper macht die Anstrengungen und das ambitionierte Training nicht mehr mit.
Schon mit sechzehn hat sie einen ersten Kreuzbandriss, muss operiert werden, trainiert danach umso ehrgeiziger. Als sie sich wieder fit fühlt, legt sie ihre Bandage ab, die sie seit der Verletzung tragen muss. Doch schon beim zweiten Spiel kommt der Rückschlag: Ihr Kreuzband reißt erneut, da ist sie 22. Eine weitere Operation ist notwendig. Für Nadine ist das der Anfang vom Ende ihrer sportlichen Ambitionen. Sie weiß: Die Schäden eines dritten Kreuzbandrisses wären wohl nicht mehr ganz zu beheben. Sie müsste ihr Leben lang Bandagen tragen. Das Knie hätte nie wieder die Bewegungsfreiheit, die es vorher hatte. Mit 23 Jahren hängt sie darum die Handballschuhe an den Nagel und treibt Sport fortan nur noch in ihrer Freizeit. Beim Beachvolleyballspielen merkt sie: Wenn sie barfuß spielt, hat sie weder Probleme noch Schmerzen im Knie. Eine Erkenntnis mit gravierenden Folgen.
Eines Tages fragt sie ihn: Was hast du, was ich nicht habe?
Mit den Schuhen kommt die Liebe
Ganz hinten in der Werkstatt findet sich noch ein Beleg für Nadines einstiges Handwerk als Orthopädiemechanikerin. Aus einer Ecke zieht sie zwei große klobige Schuhe heraus. Klettverschlüsse, blaues und schwarzes Material, ein Schaft, der an einen Skischuh erinnert. »Das habe ich früher gemacht«, sagt sie und hält den orthopädischen Schuh in die Höhe. »Ich wollte schon immer etwas mit meinen Händen machen«, erinnert sie sich an die Wahl ihres einstigen Lehrberufs. Und sie habe Menschen helfen wollen. Damals, zur Zeit des Handballs, kurz nach dem Abitur, lernt sie Prothesen und Orthesen zu bauen. Letzteres sind jene Halterungen für Menschen, die ihren Fuß nicht mehr eigenständig stabilisieren können. Später wechselt sie zu den Orthopädieschuhmachern.
Doch sie will kreativer arbeiten, Schuhe von A bis Z selbst bauen. Deshalb beginnt sie mit Mitte zwanzig eine weitere Ausbildung zur Schuhtechnikerin und -modelleurin, dieses Mal in Pirmasens. Mit den Schuhen kommt die Liebe: Sie lernt ihren heutigen Mann Oliver kennen, ein werdender Produktdesigner, der vor seinem Studium in Berlin eine kleine Schuhfirma in Ecuador gegründet hat. »Wir haben gemerkt, dass wir zusammenpassen«, erzählt sie und muss selbst darüber schmunzeln, dass ausgerechnet Schuhwerk die beiden einander nahegebracht hat. Heute betreiben Oliver und Nadine Klein »Lieblinge« gemeinsam. Sie ist die Frau fürs Handwerk, er der Mann fürs Marketing und den Verkauf.
Fasziniert vom Glauben
Wer Nadines Laden in Berlin verlässt, dessen Blick fällt auf eine goldene Leinwand, sie hängt gleich neben der Eingangstür im Innenraum. Am unteren Rand findet sich das Logo ihres Labels. Darüber steht der Satz: »Du bist auf erstaunliche und wunderbare Weise gemacht.« Ein Vers aus dem biblischen Psalm 139. Das will sie ihren Kunden mit jedem Schuh, mit jedem Beratungsgespräch mitgeben, doch der Spruch ist für sie auch Selbsterkenntnis und Arbeitsantrieb. Dabei war der Magdeburgerin der christliche Glaube ihr halbes Leben lang völlig fremd. »Ich wusste nicht einmal, warum man Weihnachten feiert«, erinnert sie sich. Dann, damals in Pirmasens, trfft sie Menschen, die ihr Leben umkrempeln. Da ist etwa ein Klassenkamerad aus Südafrika. Die beiden freunden sich an, sie erinnert sich an »seine Freundlichkeit, die aus jeder Pore seines Körpers zu kommen schien«. Irgendwann fragt sie ihn: »Was hast du, was ich nicht habe?« Er antwortet: »Jesus.« Auch ihr Trommellehrer erzählt ihr vom Glauben. Und lädt sie gemeinsam mit Oliver in eine christliche Gemeinde ein. So kommt Nadine erstmals in Kontakt mit Christen.
Guten Morgen, Zukunft!
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KaufenDie Gottesdienste der Freikirche faszinieren Nadine. Oliver hingegen ist irritiert vom Glauben an Wunder und der Frömmigkeit der Menschen dort. Zugleich merken beide: Jeder von ihnen trägt Dinge mit sich, die ihre Beziehung belasten: das Gefühl, nicht geliebt zu sein, Perfektionismus, Selbstzweifel. »Ich fühlte mich oft einsam, abgelehnt«, beschreibt sie ihr Gefühl von damals. »Zugleich wollten wir unbedingt zusammen sein.« Eines Sonntags beten sie gemeinsam im Gottesdienst: »Jesus, wenn es dich wirklich gibt, rette unsere Beziehung.« Sie beschließen, an diesen Gott zu glauben, der anscheinend Kranke heilt und dann ja wohl erst recht ihre Beziehung. Über zwanzig Jahre später sind die beiden nicht nur verheiratet – sie teilen ihren Beruf und das ganze restliche Leben. Nicht nur sich, sondern auch dem Glauben sind sie treu geblieben. »Unser Anker war und ist Jesus. Er trägt uns durch alle Stürme und Belastungen«, sagt Nadine.
Ich sehe meine Zukunft nicht mehr als Bedrohung.
Ein achtsames Geschäft
Wenn Kunden, meist Eltern, heute Nadines Laden betreten, nimmt sie sich Zeit, beobachtet das Kind beim Laufen, schaut, ob es die Füße abrollt oder ob es richtig auf seinen Sohlen steht. Ein Barfußweg aus Stoff und Holz im Laden hilft manchmal dabei. Danach wählt sie den Schuh aus, den sie zum Anprobieren gibt. Es ist kein schnelles Geschäft, das Nadine betreibt, eher ein achtsames.
Schon 2004 haben die Kleins ihren Laden im Prenzlauer Berg eröffnet. Damals arbeitet Nadine noch als Orthopädieschuhmacherin, träumt aber schon von kreativer Selbstständigkeit. In Berlin findet sie ganz in der Nähe ihrer Wohnung den Laden, den sie bis heute hat. Gemeinsam mit Oliver baut sie ihn aus, produziert anschließend dort orthopädische Schuhe und Maßschuhe und macht sich einen guten Ruf. Dennoch verdient sie kaum Geld. Sie merkt: Ihre Preise sind zu niedrig. »Weil ich mich selbst nicht wertgeschätzt habe«, erinnert sie sich. Die Selbstständigkeit, da ist sie heute sicher, war für sie auch eine Reise zu sich selbst. »Ich habe gelernt, wie wertvoll Gott mich gemacht hat.« Und sie erkennt, dass auch das, was sie erschafft, wertvoll ist. Sie erhöht die Preise, hat Angst, Kunden zu verlieren, doch nicht einer springt ab.
Links von Nadines weißem Schreibtisch hängen Fotos ihrer Kinder. Eines zeigt ihre älteste Tochter, eines ihrer drei Kinder, als Baby krabbelnd in der Schuhwerkstatt. Für ihre Kinder hat sie mit »Lieblinge« angefangen und die Maßschuhe an den Nagel gehängt. Ihr zweitältester Sohn hatte als Kleinkind immer kaputte Schuhe. Sie will es besser machen, entwickelt ihren ersten Babyschuh mit hochgezogener und langlebiger Sohle. Den ersten »Lieblinge«-Schuh.
In ein bis zwei Jahren will Nadine auch Barfußschuhe für Erwachsene herstellen. Gesunde Füße sind für sie zur Mission geworden. Jeder ihrer Kunden soll sich ein Leben lang gut bewegen können, das wünschen sie sich. Doch nicht nur das: Ihre Schuhe sollen auch schön sein. »Viele haben ein Bild von hässlichen Barfußschuhen vor Augen. Das wollen wir ändern.« Nach vorne blickt Nadine heute gelassen. Auch das habe sie zum einen ihr Glaube, zum andern die Erfahrungen aus der Selbstständigkeit gelehrt: »Ich sehe meine Zukunft nicht mehr als Bedrohung«, sagt sie. Und weiter: »Ich weiß, dass das, was kommt, richtig gut wird.«
Nadine Klein
Nadine Klein lebt mit ihrem Mann Oliver in Berlin. Mit ihrem Unternehmen »Lieblinge« hat sich die gelernte Orthopädieschuhmacherin und Schuhtechnikerin auf Barfußschuhe für Kinder spezialisiert. Die gebürtige Magdeburgerin war einst Leistungssportlerin und kennt Gelenk- und Fußprobleme aus eigener Erfahrung. Für die eigene Gründung von »Lieblinge« inspirierten sie allerdings vor allem ihre drei Kinder.