Barbara Gandenheimer
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Mirjam Eisele

Ein Balsam für die Seele

Mehr als zehn Millionen Frauen in Deutschland leiden an Menstruationsbeschwerden. Mirjam Eisele hat einen Balsam erfunden, der Entspannung schenkt. Mit Løvetann will die Gründerin jedoch vielmehr noch Mädchen und Frauen zeigen, dass sie gesehen und geliebt sind.

Simon Jahn
Simon Jahn
8 min

Der Kerosingeruch an Flughäfen hat mich schon immer in seinen Bann gezogen«, sagt Mirjam Eisele, »ich fühle die Weite, das Unbekannte, und will einfach los.« Weltoffenheit und Neugier sog sie quasi mit der Muttermilch auf. Ihre Eltern lebten ein »offenes Haus«, in dem jeder jederzeit willkommen war. »Bei uns wohnte eine Obdachlose im Gewächshaus, ein Professor aus Japan kehrte regelmäßig ein und auch für bedürftige Kinder war immer Platz«, erzählt die 49-Jährige. So saßen zum Abendessen meist um die zehn Personen am Esstisch der sechsköpfigen Familie. Jeden Freitagabend gab es auf Initiative von Mirjam hin Pizza für alle, die aus dem Kino gegenüber kamen. Diese offene Gastfreundschaft pflegt Mirjam bis heute. »Ich liebe einfach Menschen«, sagt sie. Das treibt sie an.

Zum Gründen gezwungen

Nach der Schule studiert Mirjam auf Lehramt und heiratet. Dank eines Nebenjobs bei der Lufthansa bereist sie besonders günstig die Welt. Es folgt ein längeres Praktikum im Auswärtigen Amt. Ihr wird klar, dass sie statt mit Kindern doch eher mit Erwachsenen arbeiten möchte. Den Traum, als Diplomatin durchzustarten, gibt sie jedoch ihrem Ehemann Sebastian zuliebe auf und beginnt stattdessen einen Job bei der Landesregierung. Bei einer Stabsstelle des Wirtschaftsministeriums übernimmt sie Verantwortung, kümmert sich zuerst um die Förderung der bayerisch-indischen Wirtschaftsbeziehungen, später unterstützt sie israelische Unternehmen bei der Ansiedlung in Bayern mit besonderem Fokus auf Start-ups und Digitalisierung. Die Israelis fragen sie: Wie viele Start-ups hast du denn selbst schon gegründet?

Die Frage überrumpelt Mirjam zuerst. »Ich habe einen Vollzeitjob, drei kleine Kinder, engagiere mich ehrenamtlich als Schöffin am Gericht und beim CVJM. Wie soll ich daneben noch gründen?«, entgegnet sie. Gleichzeitig spürt sie, dass sie ohne Gründungserfahrung in ihrer neuen Rolle wohl nicht ernst genommen wird. Also überredet sie ihren Mann, der von der Idee alles andere als begeistert ist: »Ich brauche einen Tag in der Woche plus ein Wochenende im Monat.« Wenig später werkelt sie mit ihrer Schwester, die Tierärztin ist, und einem befreundeten Informatiker an einer App für Hundefitness.

Zwischen Trauern und Tüfteln

Dann erkrankt ihr Mann an Krebs und stirbt zwei Jahre später im Alter von nur 42 Jahren. Halt gibt Mirjam in dieser Zeit vor allem ihr Glaube an Gott. »Egal wie die Umstände sind, ich werde keinen Millimeter von dir abweichen«, betet sie. Von vielen Seiten hört sie die Frage: Warum musste Sebastian sterben? Doch Mirjam empfindet das als eine falsche Sichtweise. Sie fragt sich vielmehr: »Warum darf ich leben? Und was mache ich aus diesem Geschenk?« Ob Hunde dick oder dünn sind, interessiert sie nun nicht mehr. Die bis zur Betaversion gereifte App wandert in die Schublade. »Mir war klar: Falls ich nochmal etwas starten sollte, muss es ein Problem lösen und anderen Menschen helfen.«

Ausgabe 39

Impact

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Kein Jahr später kommt ihre Freundin, die israelische Generalkonsulin, mit einer Bitte auf sie zu: »Meine Tochter leidet unter Menstruationsbeschwerden. Du hast immer so gute Ideen – bitte mach was!« Mirjam steckt noch mitten in der Trauerarbeit, ihr Leben und ihr Kopf sind voll ausgefüllt. »Ich bin weder Ärztin noch Hormonspezialistin«, antwortet sie, »ich kann dir da nicht weiterhelfen.« Trotzdem lässt sie die Sache nicht mehr los. Sie ist überzeugt, dass es mit natürlichen Zutaten möglich sein muss, etwas zu kreieren, das Frauen während der Periode wohltut. Eine befreundete Apothekerin recherchiert für sie weltweit nach entsprechenden Produkten. Das Ergebnis überrascht beide: Bisher gibt es nichts Vergleichbares auf dem Markt. So fängt Mirjam an zu suchen: Nacht für Nacht durchforstet sie wissenschaftliche Studien, wälzt Bücher mit historischen Rezepturen, studiert Wirkung und Inhaltsstoffe von Kräutern und Heilpflanzen. Nach drei Monaten geht sie zum Apotheker im Heimatdorf ihrer Eltern und legt ihm einen Zettel mit einer Rezeptur auf den Tisch. Der schaut sie entsetzt an und fragt: »Wo hast du das her? Das funktioniert!« Wenige Tage später rührt er die erste Probe an.

Rund sechzig Frauen testen die Creme. Das Feedback ist durchweg positiv. Für Mirjam fühlt sich das an wie der Beweis, dass aus ihrer Idee nun Wirklichkeit werden könnte. »Ich dachte, wir bringen das einfach auf den Markt«, sagt sie rückblickend und lacht. »Aber ich hatte keine Ahnung, wie kompliziert Produktentwicklung, Zulassungen und E-Commerce wirklich sind.«

Ich brenne dafür, jede Frau zu ermutigen.

Unternehmen als Brotgemeinschaft

In dieser Phase lernt Mirjam Micha kennen. Der IT-Spezialist bietet ihr an, sie beim Aufbau des Unternehmens zu unterstützen. Aus der Zusammenarbeit wird eine Beziehung, später eine Ehe – und schließlich eine gemeinsame Gründung. Während Mirjam als Geschäftsführerin die Vision und das Produkt verantwortet, hält Micha ihr im Hintergrund den Rücken frei. »Er kümmert sich um das Administrative und verantwortet unsere digitalen Kanäle«, erzählt sie.

Für Mirjam ist klar, dass sie kein Sozialunternehmen ohne Gewinnabsicht gründen will. Ihr Geschäftsmodell soll beides zusammenbringen: unternehmerische Vernunft und gesellschaftliche Verantwortung. »Nur wenn wir gesund wirtschaften, können wir dauerhaft Gutes tun.« Zum einen bedeutet das für sie, dass ihr Periodenbalsam nur so viel kosten soll, dass ihn sich jedes Mädchen und jede Frau leisten kann. Zum anderen beschließt sie, von Beginn an zehn Prozent des Gewinns in soziale Projekte zu investieren: An eines, das Frauen in Indien mit Mikrokrediten unterstützt und so hilft, dass sie finanziell selbstständig werden können. Und an eines, das sich um weibliche Opfer von Zwangsprostitution und Gewalt in Deutschland kümmert.

Für Mirjam ist das Ausdruck ihres Verständnisses von Unternehmertum. Dabei beruft sie sich auf die Herkunft des Begriffs Company, der auf das lateinische cum pane, also »mit Brot«, zurückgeht. »Als Christin kommt mir da sofort Jesus in den Sinn, der regelmäßig mit Menschen auf Augenhöhe zusammengesessen und mit ihnen das Brot gebrochen hat. Er hat sich darum gesorgt, dass alle etwas bekommen«, so die Gründerin. »Nehme ich das als Grundlage, baue ich faire Beziehungen zu Kunden und Lieferanten.« Als Unternehmerin trage sie aber auch eine globale Verantwortung für Menschen, die niemals eines ihrer Produkte kaufen werden. Denn Verantwortung hängt für sie stark mit Gerechtigkeit zusammen – einer Gerechtigkeit, die nicht auf Gleichheit oder Fairness beruht, sondern auf Liebe. »Der Philosoph und Theologe Cornel West hat gesagt, Gerechtigkeit ist nichts anderes als öffentlich gewordene Liebe. Diese Sichtweise spricht mir voll aus dem Herzen.«

Mehr als ein Geschäftsmodell

Mirjams Überzeugungen müssen jedoch schon, bevor die erste Tube verkauft wird, eine Bewährungsprobe bestehen. Vor dem Markteintritt führen Mirjam und Micha zahlreiche Gespräche mit potenziellen Investoren. Einer bietet ihnen an, mit einer Million Euro einzusteigen. Doch er hat Bedingungen: Mirjams angedachter Verkaufspreis von 19,90 Euro sei viel zu niedrig. Sie müsse 34,90 Euro verlangen. Außerdem solle sie günstigere Alkohole verwenden, um die Marge zu erhöhen. Zudem könne sie erst dann an soziale Projekte spenden, wenn sie den Break-even-Point erreicht habe. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht scheint all das plausibel. Für Mirjam fühlt es sich trotzdem falsch an. »Unser Motto lautet: Weil du wertvoll und geliebt bist«, erzählt sie, »da kann ich keinen billigen Alkohol verwenden, der die Haut austrocknet – nur um mehr Gewinn zu machen.« Kurz gesagt: Sie war nicht bereit, von ihren Überzeugungen abzurücken. Also lehnt sie die Million ab. Stattdessen entscheiden sich Mirjam und Micha dafür, all ihr eigenes Kapital zusammenzukratzen und ins Unternehmen zu investieren.

Barbara Gandenheimer
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Wertvoll und geliebt

Wenn Mirjam über ihr Start-up spricht, wird schnell deutlicher: Eigentlich geht es ihr nicht zuerst um das Produkt. Natürlich freut sie sich über jede Frau, der die Creme hilft. Doch wichtiger ist ihr die andere Botschaft, die auf jeder Tube und jeder Verpackung prangt: Weil du wertvoll und geliebt bist. »Ich brenne dafür, diese Ermutigung jedem Mädchen und jeder Frau zuzusprechen: Du hast es drauf! Versteck dich nicht! Erhebe deine Stimme!«, erklärt Mirjam. »Wenn wir Frauen in den Blick nehmen und ihnen wertschätzend begegnen, wird das unsere Gesellschaft verändern, davon bin ich überzeugt.« Die Rückmeldungen, die sie bekommt, bestätigen sie darin. Junge Mädchen schneiden sich den Satz aus der Verpackung aus und kleben ihn an den Spiegel oder stecken ihn in den Geldbeutel. Einmal verteilt Mirjam bei einem Vortrag kleine Sticker mit dem Slogan. Anschließend kommt eine Managerin auf sie zu. »Kann ich auch einen haben?« »Warum?«, fragt die Gründerin. »Weil mir das schon lange niemand mehr gesagt hat.« Mirjam berührt diese Begegnung bis heute. »Das ist keine Frage des Alters«, sagt sie, »jeder Mensch braucht diese Gewissheit.«

Diese verändernde Kraft steckt auch in dem Namen, den Mirjam für ihren Periodenbalsam gewählt hat. Løvetann – gesprochen Löwetann – ist das norwegische Wort für Löwenzahn. Eine Pflanze, die die Kraft besitzt, selbst Asphaltdecken mit einem Druck von fünfzehn Bar zu durchbrechen, um zu blühen. Und der dann ein leichter Windhauch reicht, um ihre Samen weit zu verteilen.

Impact statt Tempo

Im Hauptjob ist Mirjam inzwischen in Teilzeit CEO einer Stiftung, die Jugendlichen in Bayern internationale Austausche ermöglicht. Daneben investiert sie viel Zeit in Løvetann. 2025 hat sie mit Micha die GmbH gegründet und die ersten fünftausend Tuben produziert. Siebenhundert davon sind bereits verkauft. Statt viel Geld in klassische Onlinewerbung zu investieren, setzt das Start-up auf persönliche Empfehlungen, Direktvertrieb und Mikroinfluencer. Seit Kurzem ist die deutsche Freestyle-Skifahrerin Emma Weiß als Markenbotschafterin für Løvetann unterwegs. Das passt gut, weil der Periodenbalsam nicht nur komplett Made in Germany, vegan und mikroplastikfrei ist, sondern auch dopingkonform.

»Jeder Tag, an dem wir keine Creme verkaufen, ist für mich ein verlorener Tag«, sagt Mirjam. Nicht des Umsatzes wegen. »Sondern weil ich an diesem Tag keiner Frau sagen kann, dass sie wertvoll und geliebt ist. Und weil wir dann weniger anderen Frauen helfen können.« Ihre Leidenschaft für Menschen spiegelt sich nicht nur in Sätzen wie diesen. Die ansteckende Positivität, die Offenheit des kleinen Mädchens, das Fremde zum Pizzaessen einlud, hat sie sich bewahrt. Heute braucht sie aber keinen Kerosingeruch, um die Weite und das Unbekannte zu fühlen. Mit ihrer Botschaft von Wertschätzung und Geliebtsein ermutigt sie Frauen nah und fern.

Mirjam Eisele

Mirjam Eisele

Für die bayerische Landesregierung verantwortete sie die Wirtschaftsbeziehungen zu Indien und Israel. Mit ihrem zweiten Mann Micha gründete sie die Løvetann GmbH, deren Periodenbalsam Frauen unterstützt. Zehn Prozent der Gewinne gehen an soziale Projekte. Parallel leitet Mirjam eine Stiftung für Jugendaustausche.