Adrian Mosimann, Florian Sievi
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Streetart trifft Seele

Jonas Deubelbeiss ist der Künstler hinter dem Cover der Heroes of Hope 2027 Ausgabe. Das Besondere daran: wir versteigern das exklusive Original, gestaltet mit echtem Blattgold. In seinen Werken verschmelzen seine zwei Talente, die Kunst und das Tanzen zu einem eigenen Kunstwerk – auch wenn der Weg dazu lang und steinig war.

Stephan Lehmann-Maldonado
Stephan Lehmann-Maldonado
6 min

Die Finger zitterten, das Herz klopfte schnell. Er zog die Kapuze seines Hoodies tief ins Gesicht. Dann zückte er eine Spraydose aus seinem Rucksack und sprühte wild auf die Betonwand. Die Kirchenuhr schlug Mitternacht.

Nein, wir befinden uns nicht in Berlin-Mitte. Die Szene spielte sich vor rund zwanzig Jahren in einem verschlafenen Nest im Schweizer Wynental ab, früher als »Tabak- und Stumpenland« bekannt. Jonas Deubelbeiss war ein Teenager und hatte gerade seine Leidenschaft entdeckt: Malen, Zeichnen – und vor allem Graffiti. Entlang der 32 Kilometer langen Wyna, die sich zwischen den Hügeln durchschlängelt, war er ein Exot. Kein Zweiter begeisterte sich hier so für Streetart und Hip-Hop.

Der Kick des Verbotenen

»Ich war ein Solokünstler, habe kaum auf andere geschaut«, erzählt uns Jonas in seinem Atelier – und fügt fast entschuldigend hinzu: »Eine Mauer in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu bemalen, gab mir einen Kick. Aber ich habe es selten gemacht. Denn es gibt auch Plätze, die man ganz legal bemalen darf.« Unbewusst lebte er schon damals sein Motto aus, mit dem er andere anstecken will: »Yes, I love myself.«

Anfänglich spielte Jonas noch in jeder freien Minute Fußball, sofern er nicht gerade mit Farben experimentierte. Dann besuchte er einen Workshop für Breaking, der ein weiteres Feuer in ihm entfachte: Tanzen. Bald trainierte er fast jeden Tag und trumpfte am Wochenende in Discos und bei Battles auf. »Ich habe schon immer viel Bewegung gebraucht. Es fasziniert mich, mit dem Körper zu arbeiten«, sagt Jonas. Kaum volljährig, begann er, das, was er sich im Sprühen, Malen und Tanzen hart erarbeitet hatte, an Kinder und Jugendliche weiterzugeben. Das bestätigte ihn zugleich immer wieder darin, mit seinen Künsten auf dem richtigen Weg zu sein.

pirate in paradise

Die Erde ist ein bunter Dschungel voller Individuen. Kannst du dir deinen Weg bahnen oder lässt du dich von Bösem verleiten? Alle haben eine Chance aufs Paradies. Aber bis dorthin gilt es, einige Hürden zu nehmen.

Inspirationsquelle Natur

Dennoch erlernte er nebenbei einen geerdeten Beruf: Landschaftsgärtner. Im Rückblick versteht er, warum: »Die Natur ist das größte Kunstwerk überhaupt. Sie ist für mich eine unerschöpfliche Inspirationsquelle. Ich liebe es, an der frischen Luft zu arbeiten.« Das erklärt auch, weshalb Jonas gelegentlich immer noch im Gartenbau arbeitet, obwohl seine Werke mittlerweile auf der halben Welt – bis nach China – zu bewundern sind. Im Wesentlichen ist ihm das gelungen, was er immer wollte: seine Hobbys in einen Beruf verwandeln. Jonas: »Nach meiner Ausbildung ließ ich mich nie mehr Vollzeit anstellen. Malen und Tanzen waren unverhandelbar.«

Nie ist Kunstgeschichte ­lebendiger, als wenn ­Jonas sie tanzt.

Mit 27 Jahren absolvierte er den Vorkurs an der Schule für Gestaltung. Er probierte neue Materialien und Farben aus. »Ich bin stolz darauf, ein Autodidakt zu sein. Die Schule öffnete meinen Horizont, ohne mich von meinem Stil abzubringen«, sagt Jonas. Diesen verraten die bis zu fünfzig Bilder, die in seinem Atelier herumstehen. Noch immer ist er im Aargau verwurzelt. Sein kräftiger Strich erinnert an Picasso, die teilweise zentimeterdicken Reliefs an Van Gogh, die vielschichtigen Motive an Chagall. Und fast egal, wohin man schaut: Aus der Leinwand blicken Augen zurück, zwinkern einem fast zu. Wo er kann, versteckt Jonas Gesichter. »Sie sind mein Schlüssel, mich auszudrücken. Ich will damit feiern, dass jeder Mensch einzigartig ist – bei über acht Milliarden Menschen, die auf unserem Planeten leben.«

autumn day

Die Herbstmonate sind ein Fest der Farben. So bunt wie der Wald seine Blätter ziert, sollte unser Leben sein. Ein einziges Naturspiel, denn jede Farbe vermittelt eine andere Geschichte und strahlt warm unter der goldenen Herbstsonne.

Zwei Talente, eine Performance

Wenn Jonas als Künstler den Durchbruch geschafft hat, von dem viele träumen, verdankt er dies nicht nur seinem Talent. Auch seine Zielstrebigkeit und ein Mentor haben dazu beigetragen. Als Jonas seine Bilder zum ersten Mal an einer Ausstellung präsentierte, kam der Künstler Rainer Schoch auf ihn zu. »Hey, diese Ausstellung ist eine Nummer zu klein für dich. Wenn du willst, kann ich dir größere Türen öffnen – aber du musst auf mich zukommen«, sagte der ältere Künstler zum Jungspund. »Ab da begleitete mich Rainer und gab mir viele Tipps«, sagte Jonas dankbar. Die Ausstellungen führten sie in verschiedene Länder, bis sie an einem lauen Sommerabend bei einem Glas Wein in Italien saßen. »Eigentlich müsstest du deine beiden Talente, Tanzen und Malen, zusammenbringen«, meinte Rainer, »bemale doch deinen Körper und arbeite mit ihm.«

Für Jonas war es eine Sternstunde. Er sog alles auf, was er in Recherchen zum Thema fand und testete die verrücktesten Ideen. So tüftelte er an einer unverwechselbaren Technik. An Liveperformances tanzt Jonas auf der Leinwand, hüpft im Handstand. Dabei schwingt er den Pinsel aus unterschiedlichsten Perspektiven mal sanft, mal kräftig über seine Kleider und die Leinwand. Immer im Rhythmus des Beats. Nirgends lässt sich Kunstgeschichte spannender erleben. »Bei einer solchen Performance sprudelt die pure Freude aus mir. Ich schwebe auf Wolke sieben. Und ich setze alles daran, das Publikum mitzureißen.«

culture & tradition

Tradition und Kultur sind feste Bestandteile jeder Gesellschaft. Doch oft geraten sie in Vergessenheit oder man schiebt sie beschämt in eine Ecke. Jonas Deubelbeiss hat sich jedoch intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und sich von den Silvesterkläusen inspirieren lassen. Mit diesem Brauch zelebriert man in Appenzell Außer­rhoden das Jahresende. Jonas ist sich sicher: Wer wie er in der Hip-Hop-Kultur groß geworden ist, hat ein anderes Verständnis für Traditionen und Rituale. »Sie sind wie ein Kitt, der uns zusammenschweißt und uns gemeinsam wachsen lässt über die Generationen hinweg.«

Vielschichtig wie Chagall

Niemand zweifelt daran. Anders als manche Gemälde im Museum wirken die Bilder von Jonas nie bedrückend, grau und leer. Sie sprühen vor Lebenslust, gefallen, sind dekorativ. Und doch kann man sie Schicht um Schicht tiefer entdecken. Oft arbeitet Jonas länger als eine Woche an einem Gemälde. Zum Beispiel an »Death, Life, Repeat«, das gerade im Atelier hängt und demnächst in eine Ausstellung geht. Neben den Gesichtern schimmert hier ein weißes Kreuz durch. Ein dominanter roter und ein weißer Strich trennen das Geschehen.

Will Jonas etwa biblische Geschichte vermitteln wie Generationen von Künstlern vor ihm? »Das Kreuz spiegelt tatsächlich die Hauptbotschaft der Bibel, den Tod und die Auferstehung von Jesus«, erklärt Jonas. Die Striche stellen den Tod dar. Leben und Sterben seien ein Zyklus. »Ich frage die Betrachtenden: Was kommt nach dem Tod?« Jonas selbst empfindet das Leben als ein Geschenk, das allerdings an einem seidenen Faden hänge. Zum Beispiel könne einen ein Unfall jäh aus dem Leben reißen.

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Jedes Werk ist eine Auferstehung dessen, was es enthält. Eine leere Leinwand, so weiß wie der Schnee, bildet den Anfang. Am Ende jedoch offenbart sich etwas, das sich lebendig anfühlt. Ein Kunstwerk mit Emotionalität und Tiefe. Ein Werk, das unsere Seele weckt und uns Wärme in den kalten Raum bringt.

Null Angst vor Tod

Dann überrascht er: »Ich selbst habe null Angst vor dem Tod. Denn ich lebe mit Jesus – und ich weiß: Wenn ich sterbe, werde ich bei ihm sein.« Für solche existenziellen Fragen wolle er die Menschen sensibilisieren, aber nicht missionarisch, sondern indem er Freiraum biete. Müsste er sich je zwischen Tanz und Malerei entscheiden, würde er deswegen das Malen wählen – weil das Storytelling fast unendlich tief in die Seele dringe.

Besonders freut ihn, dass seine Werke nicht nur an Arztpraxen, Banken und einen deutschen Grafen gehen, sondern auch junge Menschen begeistern. Eine Botschaft für sie gestaltete er als Skulptur. Auf vier Seiten schaut einen jemand an. »Orientiere dich nicht daran, was andere über dich denken. Mach dein Ding«, will er damit ausdrücken. Was nicht heißt, dass er Jugendliche zu illegalen Sprühaktionen ermutigen will.

true love

Die wahre Liebe beginnt in der eigenen Person. Wer sich selbst als unvollkommenes, aber geliebtes Kunstwerk akzeptiert, kann andere mit echter Liebe betrachten.
symphony

Die Symphonie ist eine zentrale Gattung der Instrumentalmusik. Auf ein Zu­sam­menklingen zwischen uns Menschen. Eine überwältigende Fülle an Klängen, die uns verzaubert, mitreißt und unsere Gedanken unaufhörlich weiterleitet. Ein mitreißendes Abenteuer voller Höhen und Tiefen, das
als Ganzes harmoniert.
universe

Ein Werk mit 23.75 Karat Blattgold. Wir sind ein Teil dieses einzigartigen Universums. Gold wert und doch sehr verletzlich.