Stefan Hipp
Wie übergibt man ein Unternehmen?
Seit über 125 Jahren stellt die Familie Hipp Nahrung für die Kleinsten her. In vierter Generation führt Stefan Hipp das Unternehmen heute gemeinsam mit seinem Bruder. Was ihn dabei trägt, ist älter als jede Bilanz: die Familie, der Glaube – und die Überzeugung, dass Verantwortung kein Ballast ist, sondern ein Geschenk.
Auf einem sanften grünen Hügel außerhalb von Pfaffenhofen steht die Kapelle Herrnrast. Eine kleine Gruppe Menschen hat sich vor ihr versammelt, darunter auch Stefan Hipp, in Trachten-Janker gekleidet und ins Gespräch vertieft. Die Sonne steht am wolkenlosen Himmel, bricht mit ihren Strahlen durch die Baumwipfel. Zwischen den Bäumen läuft ein kleiner Junge durchs hohe Gras, erreicht die Gruppe. Stefan Hipp kneift die Augen zusammen, lächelt. Hand in Hand betreten er und sein Sohn die Kapelle. Die beiden setzen sich in die erste Reihe, warten auf den Beginn der Morgenmesse. Schließlich betritt der Priester den Altarraum und mit ihm der Ministrant: Es ist Claus Hipp, Stefans Vater.
Wir tragen Verantwortung für eine lebenswerte Welt
Eine Szene wie gemacht für Marketingkommunikation. Doch sie ist vielmehr Routine: Einmal im Monat findet an Ort und Stelle die Morgenmesse für Hipp-Mitarbeiter, Familien und Freunde statt. Viele ehemalige Mitarbeiter gehören zu den regelmäßigen Gästen. Anschließend gibt es ein kleines Frühstück vor der Kapelle: Kaffee und Leberkässemmeln. Diese Szene versinnbildlicht, was Stefan wichtig ist: Heimat, Familie, christliche Werte – und damit auch die Bewahrung der Schöpfung.
Werte als Familientradition
Diese Werte prägen seit Generationen die Familie Hipp und sind auch in der Unternehmensgeschichte tief verwurzelt. Stefans Urgroßvater Joseph stellte bereits im Jahr 1899 in der Familienkonditorei Zwiebackmehl als Kindernahrung her – der Anfang von allem. Es ist das Produkt, aus dem letztendlich das Produktspektrum der heutigen Firma Hipp hervorging. Er verarbeitete, was die Natur ihm gab: das Wachs der Bienen zu Kerzen, ihren Honig zu Lebkuchen – und aus Weizen eben Zwiebackmehl. Die Konditorei samt Cafébetrieb befindet sich noch heute in Besitz der Familie Hipp.
»Die Achtung vor der Schöpfung war für meinen Urgroßvater eine völlige Selbstverständlichkeit«, sagt Stefan. Es ist ein Satz, der bei ihm nicht museal klingt, sondern gegenwärtig. Eine Haltung, die sich durch die Generationen fortsetzte. Als sein Großvater Georg in den Fünfzigerjahren begann, den familieneigenen Bauernhof auf ökologische Landwirtschaft umzustellen, tat er das aus doppelter Überzeugung. Zum einen widerstrebte es ihm, ausgerechnet für Kindernahrung mit Chemie zu arbeiten: »Am Ende bleibt ja immer etwas im Produkt.« Zum anderen sei ihm klar gewesen, dass man Böden und Wasser nicht ungestraft vergiften könne.
»Auch das ist Achtung vor der Schöpfung«, sagt Stefan. »Nun hat es damals eigentlich keinen Menschen interessiert. Aber mein Großvater hat es aus tiefster Überzeugung gemacht.« Erst Anfang der Neunzigerjahre kam das Thema Bio langsam in der Mitte der Gesellschaft an. Zunächst nur wegen der Qualität der Lebensmittel, später wegen des größeren Ganzen: Nachhaltigkeit, langfristiges Denken, Verantwortung für die kommenden Generationen.
Ob ihn das mit Stolz erfülle? Stefan winkt ab. »Stolz? Überhaupt nicht. Aber Dankbarkeit.« Dankbarkeit dafür, dass ein Wert, den seine Vorfahren gegen den Zeitgeist verteidigten, heute allgegenwärtig geworden ist. »Wir sind froh, dass es die Menschen heute interessiert. Denn wenn wir weiterhin Raubbau an der Natur betreiben, fahren wir unsere Welt irgendwann gegen die Wand.«
Verwässerte Nachhaltigkeit
So sehr Stefan die neue Aufmerksamkeit begrüßt, mit einem Wort hadert er: Nachhaltigkeit. Nicht, weil es an Bedeutung verloren hätte, sondern weil es zu wohlfeil geworden ist. »Alles wird heute nachhaltig genannt«, sagt er, »der Begriff ist so verwässert, so wenig greifbar, dass ich ihn eigentlich gar nicht mehr mag.« Dabei ist der Begriff, das betont Stefan, uralt. Geprägt habe ihn Hans Carl von Carlowitz, der im achtzehnten Jahrhundert ein Forstgesetz erließ: Dem Wald dürfe man Jahr für Jahr nur so viel entnehmen, wie von allein nachwächst. Ein einfacher, kluger Gedanke, dessen Kern im inflationären Gebrauch des Worts verloren gegangen ist.
Die Familie ist mein Ruhepol.
Deshalb hat Hipp eine kleine, sprechende Entscheidung getroffen. Neben dem gesetzlich vorgeschriebenen Nachhaltigkeitsbericht, dessen Zahlenkolonnen »kein Mensch mehr liest und versteht«, veröffentlicht das Unternehmen einen zweiten, verständlichen Bericht. Sein Name ist Programm: Verantwortungsbericht. »Verantwortung übernehmen, dass unsere Welt für die kommenden Generationen lebenswert und liebenswert bleibt. Das ist es, was uns antreibt. Dass das dann auch nachhaltig ist – fein«, sagt Stefan trocken. Aber das Wort, das seine Arbeit wirklich beschreibe, heiße Verantwortung. Und Verantwortung, das wird im Gespräch mit ihm schnell klar, ist für ihn ein zutiefst persönlicher Begriff.
Der Mensch im Mittelpunkt
Verantwortung hat für Stefan immer mit Menschen zu tun: der eigenen Familie, vor allem den Kindern, den Mitarbeitern seines Unternehmens, der Gesellschaft. Was das konkret bedeutet, ist keineswegs trivial. Immerhin haben sich die Gesellschaft und die Bedeutung von Familie seit den Dreißigerjahren, als die Marke Gestalt annahm, grundlegend gewandelt: Adoption, Patchwork, Ehe für alle, um nur einige Begriffe zu nennen. Themen, die einst als progressiv galten, sind inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wie geht ein traditionsbewusstes Familienunternehmen damit um?
Stefan überlegt nicht lange. »Toleranz ist entscheidend. Wir Menschen sind unterschiedlich, wir haben unterschiedliche Bedürfnisse. Es ist aber nicht an uns, andere zu bevormunden oder gar zu verurteilen.« Schon sein Ur- und sein Großvater hätten das so gehalten. »Wir behandeln jeden mit Respekt. Die Zeiten ändern sich, und wir gehen mit den Zeiten. Aber eines ist immer gleich: Der Mensch steht im Mittelpunkt. Das ist das Entscheidende für uns.«
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KaufenWie ernst er das meint, zeigt sich im Alltag. Familie, das sind für Stefan Hipp zwar zunächst einmal die Menschen, die einem am nächsten stehen: die Eltern, die Geschwister, vor allem die Kinder. Bei ihm dreht sich vieles um sie. »Familie ist der Ruhepol«, sagt er, »sie gibt Kraft, sie gibt Stärke. Und sie ist ein großer Teil des Glücks, das ich empfinde.«
An seinem rechten Handgelenk trägt Stefan Hipp ausdrucksstarken Schmuck: allerhand Armbänder, eines neben dem anderen. Leder, Metall, Stoff. Bunt und einige ganz offensichtlich nicht vom Juwelier. Ob es dazu Geschichten gebe? »Ganz viele«, sagt Stefan, und man merkt, dass ihm die Frage gefällt. Vieles hätten seine Kinder gebastelt. Eines sei von seiner Frau, eines von seinem Vater, andere von Freunden. »Es ist ein Sammelsurium an Erinnerungen – manche mit besonderen Anlässen, manche einfach so. Sachen, die mich immer wieder erfreuen.«
Das Unternehmen als Familie
Für Stefan endet die Familie aber nicht bei Eltern, Geschwistern und Kindern. »Unsere Familie, das ist auch die ganze Hippianer-Familie«, sagt er. Wer einmal Hippianer ist, so das Selbstverständnis, bleibt es idealerweise ein Leben lang. Rentnerinnen und Rentner kommen weiter zum Mittagessen in die Kantine, und sie kommen gern. Zu Weihnachten stehen Stefan Hipp und sein Bruder unten im Foyer des Verwaltungsgebäudes am Fuß der großen Holztreppe und überreichen jedem Mitarbeiter persönlich eine Flasche Wein samt guten Wünschen. Wer ein persönliches Anliegen hat – auch im Ruhestand –, findet bei ihnen stets ein offenes Ohr. »Das ist eine starke Gemeinschaft«, sagt Stefan. Eine, die gerade durch schwere Zeiten wie beispielsweise während und nach der Coronapandemie trägt: »Wenn die Gemeinschaft da ist, verzichtet man auch mal gern auf etwas – weil man weiß, man ist Teil des Ganzen.«
Die christlichen Werte sind eine gute Richtschnur.
Sichtbar wird dieser Geist auch an weiteren Dingen. An der Wallfahrtskirche Herrnrast unweit des Firmensitzes etwa, in die Hipp einmal im Monat zum Firmengottesdienst lädt. Die Kirche wurde auf Bestreben und unter tatkräftiger Mithilfe von Claus Hipp restauriert. Seitdem schließt er sie jeden Morgen auf, sieht nach dem Rechten und schließt sie abends wieder ab. Oder an einer Geste, die es so wohl nur hier gibt: Wer vierzig Jahre im Unternehmen war, bekommt von Claus Hipp eines seiner Gemälde geschenkt. Der Vater ist nicht nur Unternehmer, sondern auch Maler – und macht aus dem Dank an einen langjährigen Weggefährten ein Unikat.
Und so kennt Stefan Hipp Verantwortung in zwei Gestalten: Die eine sei über die Jahre gewachsen, mit jeder Stufe, die er im Familienunternehmen erklommen habe. Die andere kam schlagartig: »Wenn man das erste Kind hat. In dem Moment trägt man die Verantwortung für all das, was dieses Kind in seinem Leben erlebt und erreicht.« Beide, sagt er, seien groß. Und beide gehören für ihn untrennbar zusammen – so wie Familie und Firma in seinem Leben nie zu trennen waren.
Schwimmenlernen im Kühlbecken
Dass Familie und Firma bei den Hipps kaum zu trennen sind, hat Stefan früh gelernt. »Mein Vater hat mich als Kind oft mitgenommen. Ich habe hier auf dem Firmengelände Rad fahren gelernt und schwimmen im Kühlbecken«, erzählt er. Früh reifte der Wunsch, selbst einmal im Unternehmen zu arbeiten. Nach einer kaufmännischen Lehre im eigenen Haus und dem Studium, das ihn nach München und London führte, stieg er Anfang der Neunzigerjahre ein, dankbar für die Chance, die ihm der Vater gab, und das Vertrauen, das er bewies.
Heute macht er es mit den eigenen Kindern genauso. Sie kommen ihn im Büro besuchen, machen Hausaufgaben oder sausen mit dem Kettcar, der dort für sie bereitsteht, durch die Gänge der Verwaltung. »Mein Vater hat es so vorgelebt. Ich empfand es als schön, als richtig. Genauso versuche ich es weiterzumachen.« Für die Kinder der Mitarbeitenden gibt es mit dem Hipp Naturkinderhaus eine betriebseigene Krippe.
Ein tragendes Wertegerüst
Und nicht nur die Unternehmenswerte werden von Generation zu Generation weitergelebt. Auch das persönliche Wertegerüst ist fest in der Familie verankert. An erster Stelle die christlichen Werte, mit denen die Geschwister aufwuchsen und die für Stefan »eine gute Richtschnur für jeden« sind. Dazu Mut, Bescheidenheit, Barmherzigkeit – die Kardinaltugenden, wie Stefan sie nennt. Ehrbares Handeln. Und, immer wieder, Vertrauen: »Unser Vater hat viel Vertrauen geschenkt – den Mitarbeitenden, aber auch uns Kindern. In dem Maß, in dem ich Vertrauen schenke, kann ich am Ende auch Vertrauen ernten.« Auch den eigenen Kindern möchte er das so mitgeben. Nur eines liege ihm zusätzlich am Herzen: Offenheit. »Wir dürfen nie stillstehen. Wir müssen immer dankbar sein, wenn wir Neues dazulernen können.«
Weiterführen im ganz praktischen Sinn, das tut Stefan Hipp allerdings nicht allein. Von fünf Geschwistern sind er und sein Bruder Sebastian im Unternehmen; die drei Schwestern wollten nicht in die Gesamtverantwortung. »Sie haben ihre eigenen Wege gefunden«, sagt Stefan. Für ihn und den Bruder dagegen sei immer klar gewesen, dass sie es wollten – und letztendlich war genau das auch die Erwartung des Vaters gewesen. Wer am Ende welchen Bereich verantworte, sei »ein bisschen Zufall und Glück« gewesen: Die beiden interessieren sich für Verschiedenes und ergänzen sich gerade deshalb. »Gerade wenn es schwierige Herausforderungen gibt, ist es gut, jemanden zu haben, dem man tief vertrauen kann«, sagt Stefan, »jemanden, der einem schon vom Blut her nahe ist, mit dem man groß geworden ist.«
Man darf sich nie selbst zu wichtig nehmen.
Wie Nachfolge gelingen kann
Dass eine solche Nachfolge gelingt, ist alles andere als selbstverständlich. Stefan, der sie als glücklichen Prozess erlebt hat, hat dazu klare Überzeugungen. Die erste betrifft die Haltung. »Man muss großzügig sein, Verständnis für die andere Seite haben und, wenn nötig, einen Kompromiss finden, der am Ende funktioniert. Sturheit bringt einen nie zum Ziel.« Das heißt vor allem auch: »Man darf sich selbst nie zu wichtig nehmen. Wichtig ist doch das Unternehmen, wichtig ist die Gesamtsache. Wir sind alle nur kleine Zahnräder mit einer begrenzten Laufzeit.« Die zweite Überzeugung ist nüchterner: Der Gesellschafterkreis solle so klein wie möglich bleiben. »Viele Köche verderben den Brei.« Wer nicht operativ im Geschäft stehe, denke eventuell anders, verfolge andere Ziele. Für den langfristigen Erhalt, den Frieden und den Erfolg eines Familienunternehmens sei ein enger Kreis daher eine wichtige Voraussetzung.
Und dann ist da noch ein Rat des Vaters, den er sich zu eigen gemacht hat: nicht zu zögern. »Lieber ein paar Entscheidungen richtig und schnell, als zehn richtige viel zu spät.« Dass ihm das leichtfällt, führt Stefan auf etwas zurück, das über die Betriebswirtschaft hinausreicht: »Der Glaube gibt Hoffnung, Vertrauen, und lenkt den Blick nach vorn.«
Nach vorne schauen, auch wenn die Aufgaben nicht kleiner werden. Als große Herausforderungen nennt er das »Bürokratiemonster« Europas, unberechenbare Kosten und politische wie wirtschaftliche Unsicherheit. Und, ganz konkret für einen Babynahrungshersteller: künftig überhaupt Rohstoffe in der geforderten Qualität und Menge zu bekommen, in einer Welt, die Klima und Umweltverschmutzung immer unberechenbarer machen. Was ihn all das tragen lässt, ist am Ende dasselbe, was ihn morgens ins Büro bringt: der Sinn der Sache. »Wir helfen Eltern, ihre Kinder richtig zu ernähren«, sagt er, »und wir geben vielen Mitarbeitenden Sicherheit. Das ist heute nicht selbstverständlich. Diese Verantwortung zu tragen – das macht mir Freude.«
Stefan Hipp
Mit seinem Bruder Sebastian leitet er in vierter Generation das Familienunternehmen Hipp. Zugleich ist er das Gesicht des führenden Herstellers von Babynahrung. Nach seinem Vater spricht jetzt er das Qualitätsversprechen »Dafür stehe ich mit meinem Namen«. Der 58-Jährige lebt mit Frau und Kindern nahe Pfaffenhofen.