Johannes Läderach & Elias Läderach
Was, wenn das Leben nicht süß schmeckt?
Cyberattacken, US-Zölle und Anfeindungen können Johannes und Elias Läderach nicht stoppen: Jedes Jahr eröffnen sie Dutzende neuer Läderach- Filialen von Toronto bis Sydney – mit frischer Schokolade aus der Schweiz.
Wie bloß soll die Dame die Taschen tragen? Das frage ich mich, wenn ich die Frau vor mir im Läderach Store beobachte. Sie kauft frische Bruchschokolade in allen Variationen, vermutlich für die ganze Verwandtschaft. »Teuer«, denken viele, wenn sie »Made in Switzerland« lesen – hier aber: »Gut.« Dahinter steckt eine Familiensaga in drei Akten. Rudolf Läderach eröffnete 1962 die Confiserie Läderach Glarus und erfand die Truffes-Hohlkugeln. Sohn Jürg setzte auf den Direktverkauf, zog ein Filialnetz auf und lancierte das Frischschokoladenkonzept. Heute führen die Brüder Johannes, CEO, und Elias, Chief Creative Officer, das Unternehmen mit über 2500 Mitarbeitenden und 260 Filialen. Produziert wird ausschließlich in der Schweiz, präziser: im Glarnerland.
Forrest Gump sagt: »Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was drinsteckt.« Was löst das bei euch aus?
Johannes: Wir haben einen Schoggijob im wahrsten Sinn. Bei Läderach machen wir von der Kakaobohne bis zum Verkauf in der Filiale alles selbst. Unsere Kolleginnen und Kollegen stellen unsere Pralinen mit viel Handarbeit in der Schweiz her. Wir besuchen Kakaobauern, Filialen und treffen Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen. Läderach ist eine sehr vielfältige Pralinenschachtel!
Elias: Wenn man ein Unternehmen mit der Familie führen kann, macht das nur schon deshalb Spaß. Doch es wäre nicht dasselbe, wenn wir Schrauben produzieren würden. Schokolade ist ein sehr emotionales Produkt.
Wie fühlt es sich an, sich als Schweizer in den Ursprungsländern der Kakaobohne zu bewegen?
Elias: Ich war kürzlich in Costa Rica bei einigen unserer Kakaobauern. Wir haben ihnen das Endprodukt, unsere Schokolade, mitgebracht und sie gemeinsam genossen. Es hat mich sehr berührt, wie ihre Augen gestrahlt haben. Die Bauern stehen am Anfang unserer Wertschöpfungskette. Wir besuchen sie darum regelmäßig.
Johannes: Die Stärke dieser Länder liegt im Anbau der Bohnen. In der Schweiz haben Schokoladenproduzenten hingegen die Milchschokolade und das Conchieren – das für den feinen Schmelz verantwortlich ist – erfunden. Das hat zum Ruf der Schweizer Schokolade beigetragen. Wenn eine Kakaobäuerin ihre Bohnen mit uns teilt, machen wir daraus Schokolade und bringen sie zu Kunden. Und diese verschenken sie oft. Als Unternehmen haben wir darum das Motto »Sharing joy by making chocolate fresh«.
Ihr seid fast in der Schokoladenmanufaktur aufgewachsen. Was hat euch davon geprägt?
Elias: Eigentlich wollte ich immer Wildhüter werden. Doch bei mir ist der Funke übergesprungen, als wir mit unserem Großvater Osterhasen hergestellt haben.
Johannes: Wenn zu Hause Butter oder Eier fehlten, holten wir sie aus der Schokoladenfabrik. So haben wir uns auch schon früh mit Mitarbeitenden angefreundet. Nach der Schule wollte ich oft auf dem Firmenparkplatz Fußball spielen. Umso glücklicher war ich, wenn Mitarbeitende einsprangen. Einige arbeiten immer noch mit uns!
Der Funke ist gesprungen, als wir mit dem Großvater Schokohasen machten.
Euer Großvater hat die Truffes-Hohlkugeln erfunden, euer Vater die frische Bruchschokolade. Wie positioniert ihr Läderach heute?
Johannes: Ein Meilenstein war sicher, dass Elias 2018 in Paris den prestigeträchtigen Titel des »World Chocolate Master« gewann – als bislang einziger Schweizer Chocolatier. Das hat uns eine internationale Bekanntheit gegeben, die man sich nicht kaufen kann. Außerdem haben wir ein Rebranding initiiert: Wir positionieren uns klarer als progressive Premiummarke. Und wir treiben unsere Internationalisierung voran. In fünf Jahren haben wir die Zahl der Filialen auf über 260 verdoppelt. Viele Touristen in der Schweiz haben uns gefragt: »Wann kommt ihr auch zu uns?« Heute sind wir in dreißig Ländern, auf allen fünf Kontinenten präsent – als ich 2018 die Geschäftsleitung übernahm, war das noch unvorstellbar.
Elias: Die Innovationskultur ist in unserer DNA. Jedes Jahr tüfteln wir an neuen, saisonalen Schokoladenvariationen. Wir fordern uns immer wieder heraus. Bei der Dubai-Schokolade waren wir anfänglich skeptisch. Dann haben wir unsere Interpretation davon gefunden. Der Erfolg unserer Dubai Collection hat uns selbst überrascht. Wir sind lange nicht nachgekommen, die Ware herzustellen …
War für euch der Weg ins Familienunternehmen vorgezeichnet?
Johannes: Nein. Die Eltern haben uns immer frei wählen lassen: Wer wollte, durfte ins Unternehmen einsteigen – niemand musste. Am Familientisch haben wir wenig vom Druck des Alltags gespürt. Das haben unsere Eltern gut hingekriegt. Wir haben erlebt, wie erfüllend unternehmerisches Handel sein kann. Wohl deshalb sind wir drei – Elias, David und ich – im operativen Geschäft geblieben.
Elias, bei dir – als Weltmeister der Chocolatiers – ist klar, was du machst. Wozu braucht es Johannes?
Elias: Das beste Produkt bringt nichts, wenn man es nicht erfolgreich an den Markt bringt. Es braucht jemanden, der dafür sorgt, dass alles rund um das Produkt reibungslos funktioniert – Strategie, Distribution, Marketing. All das ist mindestens so wichtig.
Johannes, musst du als CEO deine Rolle gegenüber Elias und David rechtfertigen?
Johannes: Elias und ich sind sehr unterschiedlich begabt – und wir wissen das. Darum ist unsere Rollenverteilung gewachsen. Unsere Eltern haben den Stab sehr früh übergeben. Dabei war klar, dass er der Schokokünstler ist und ich die CEO-Rolle erhalte. David ist neun Jahre jünger und später ins Unternehmen gekommen. Heute führt er den Schweizer Markt. Wir drei sind gemeinsam im Verwaltungsrat. Dort fordern wir uns gegenseitig heraus. Wir sind aber auch froh, dass wir noch drei externe Verwaltungsräte hinzugeholt haben. Einmal im Jahr ziehen wir Brüder uns gemeinsam zu einer Retraite zurück. Wir fragen uns dann: Wie geht es uns miteinander? Was belastet uns? Wo wollen wir in fünf oder zehn Jahren stehen?
Elias: Wir sehen uns auch sonst öfter im Geschäft. Und wir versuchen, einmal pro Woche gemeinsam zu essen. Denn Beziehungen muss man gestalten und nicht dem Zufall überlassen.
Viele Konzerne würden wohl eine schöne Stange Geld hinblättern, um Läderach zu schlucken. Was hält euch davon ab?
Johannes: Gerade haben wir eine Feier für 130 langjährige Mitarbeitende in der Schweiz veranstaltet. Sie haben uns gesagt: »Bitte bleibt ein Familienunternehmen.« Es ist ermutigend, dass die Mitarbeitenden uns und unsere familiäre Kultur schätzen. Sie wissen, dass die Wege zu uns kurz sind und wofür wir als Familie stehen. Läderach ist für uns mehr als ein »Financial Asset«. Es ist unsere Leidenschaft.
Nebst Wachstum habt ihr auch Krisen erlebt. Welche hat euch am härtesten getroffen – Covid-19, eine Cyberattacke, die US-Zölle, die Kakaopreis-Explosion oder Anschuldigungen an die Familie?
Johannes: Finanziell war Corona am schwierigsten. Aber auch die gestiegenen Kakaopreise, die US-Zölle und der starke Franken fordern uns heraus. Inzwischen kann ich ehrlich sagen: In Krisen suche ich die Chance, die darin steckt. So hat es uns Covid-19 ermöglicht, 35 Standorte eines Mitbewerbers in den USA zu übernehmen. Aus dem Cyberangriff haben wir viel gelernt. Bei den Anschuldigungen hat es geholfen, dass es keinerlei Vorwürfe gegen uns als dritte Generation oder an das Unternehmen gab. Das war eine wichtige Botschaft für Mitarbeitende und Kundschaft. Die Kakaopreise, der Franken und die Zölle wirken für uns wie ein Fitnessprogramm. Sie zwingen uns immer wieder zu Innovation und Effizienz.
Elias: In den Krisen wachsen wir auch als Team zusammen. Es gibt den Spruch: »An der Spitze ist es einsam.« Weil wir einander in der Familie vertrauen, können wir uns offen austauschen. Auch viele langjährige Mitarbeitende stehen uns sehr nahe und ermutigen uns. Das ist ein Vorteil gegenüber Strukturen, in denen alle nur formell miteinander unterwegs sind.
Was hilft euch – als Führungspersonen –, nicht zu verzweifeln, wenn ihr persönlich unter Druck steht?
Johannes: Eine Krise legt offen, woher du deine Identität wirklich herleitest. Wenn alles nur am Unternehmen oder an deinem Ruf hängt, reicht ein Shitstorm, und dein Fundament wackelt. Ich spüre aber den Halt der Familie. Und gerade in schwierigen Zeiten habe ich meinen christlichen Glauben neu entdeckt: Glauben bedeutet viel mehr Zuspruch als Anspruch. Egal, was geschieht und was ich gemacht habe: Gott liebt und trägt mich bedingungslos.
Impact
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KaufenElias: Das unterschreibe ich. Und in der Krise haben wir unglaublich viele ermutigende Zuschriften bekommen – von Mitarbeitenden, Kunden, Bekannten. In einem schwierigen Moment dringt jede WhatsApp viel tiefer ins Herz, als wenn alle sowieso applaudieren.
Johannes, du hast letztes Jahr ein dreimonatiges Sabbatical genommen. Empfiehlst du das?
Johannes: Ich empfehle allen, das Leben vom Ende her zu denken: Was zählt wirklich? Ich möchte meinen Alltag in diesem Bewusstsein gestalten. Mein Sabbatical war Ausdruck davon. Bei Läderach haben die oberen Managementstufen die Möglichkeit, ein Sabbatical zu nehmen. Als CEO wollte ich da vorangehen. Während drei Monaten erhielt ich aus dem Unternehmen keinen einzigen Anruf. Darauf bin ich enorm stolz. Das Sabbatical hat mir gutgetan – aber auch dem Unternehmen. Es hat gemerkt, dass es auf vielen starken Säulen steht.
Elias: Ich bin aber froh, dass Johannes zurück ist. Denn ich möchte möglichst wenig Zeit in Meetings und möglichst viel im Schokoladenatelier verbringen. Solange bei mir die Balance zwischen Management und Zeit im Atelier stimmt, brauche ich kein Sabbatical. Wenn ich eine Woche lang keinen Ateliertag habe, spüre ich das. Wäre Schokoladen entwickeln nicht mein Beruf, würde ich das abends als Hobby machen.
Was lernt ihr voneinander, das ihr sonst nirgends lernen könntet?
Johannes: Elias ist für mich ein Vorbild in Kreativität und Gelassenheit. Er denkt langfristig und wacht über Qualität, Kultur und Werte. Ich könnte ins Schwärmen geraten …
Elias: Johannes ist visionär und weiß, wie er Dinge in Bewegung bringt. Er ist optimistisch, manchmal fast zu sehr – aber genau das braucht ein Unternehmen. Und er bringt unsere Ideen in die Welt.
Der weltweite Topseller ist klar: frische Milchschokolade mit Haselnüssen.
Was liegt bei euch auf dem Nachttisch?
Johannes: Ich habe »Dominion – The Making of the Western Mind« von Tom Holland gelesen. Der bekannte Historiker zeigt darin, dass Werte wie die Menschenrechte, Meinungsfreiheit und soziale Gerechtigkeit historisch auf dem Boden des Christentums gewachsen sind. Doch uns ist das oft nicht bewusst. Wir nehmen diese Werte als so selbstverständlich hin wie die Luft zum Atmen.
Elias: Auch darin sind wir verschieden: Ich lese nicht viel. Ich staune selbst, dass ich so durch mein Studium gekommen bin. Auf meinem Nachttisch liegen nur die Bibel und die Ladestation des Handys.
Ihr verkauft eure Schokolade weltweit. Was haben die Menschen – nebst der Liebe zur Schokolade – gemeinsam?
Johannes: Was mich fasziniert: Unsere Topseller sind praktisch in jedem Land dieselben. Frische Milchschokolade mit Haselnuss – und unsere Dubai Frischschokoladen. Philosophisch gesehen: Trotz der Unterschiede zwischen Kulturen überwiegen die Gemeinsamkeiten.
Elias: Speziell bei uns ist, dass wir nicht neue Rezepte für neue Märkte erfinden mussten. Vielmehr wollen die Leute aus aller Welt unsere Produkte. Wir verkaufen sie ausschließlich in Läderach- Läden. Das bedeutet zugleich, dass wir sehr direktes Feedback erhalten. Wenn wir eine Limited Edition herausgeben, erfahren wir sofort, wie sie bei der Kundschaft ankommt. Das ist ein Vorteil für uns.
Seit 2012 kauft ihr alle Kakaobohnen direkt ein. Wie stellt ihr sicher, dass ihr die Kakaobauern wirklich fair behandelt?
Johannes: Weil uns die Kakaobauern am Herzen liegen, besuchen wir die Bauern persönlich, bezahlen sie gut, arbeiten zusätzlich mit der Rainforest Alliance zusammen und schulen und sensibilisieren sie, um missbräuchliche Kinderarbeit zu verhindern. Wir haben auch schon Projekte mitfinanziert, die den Bauern helfen, zu diversifizieren – damit sie nicht nur vom Kakaopreis abhängig sind.
Ist Läderach ein Luxusprodukt – und stört euch das?
Elias: Für mich spielt es keine Rolle, wie man ein Produkt kategorisiert. Als Entwickler denke ich nicht in Preisen, sondern wirklich nur in Qualität. Mein Ziel ist, mit dem besten Kakao, den besten Haselnüssen und der besten Handarbeit das beste Produkt zu erschaffen.
Wie viel von diesem Produkt gönnt ihr euch selbst?
Elias: Wenn ich keine Schokolade esse und Neues probiere, stimmt etwas nicht. Ich sage manchmal: »Ich trage wesentlich zum hohen Pro-Kopf-Verbrauch in der Schweiz bei.«
Johannes: Ich esse auch fast täglich Schokolade – aber fast nur die von uns. Mit der Schokolade ist es wie mit Wein: besser weniger genießen, aber dafür eine gute Qualität. Insgesamt achten wir auf eine ausgewogene Ernährung und versuchen, uns fit zu halten.
Welche Spur soll Läderach in der Welt hinterlassen?
Johannes: Kürzlich hat ein Mann seiner Freundin in einer Läderach-Filiale einen Heiratsantrag gemacht. Wir möchten unseren Kindern noch mehr solche Geschichten erzählen können.
Johannes Läderach
Seit 2018 ist Johannes Läderach CEO von Läderach. Daneben engagiert sich der Betriebswirt als Präsident der Glarner Wirtschaftskammer. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.
Elias Läderach
Er prägt die Produkte von Läderach seit 2009 mit – heute als Chief Creative Officer. 2018 wurde Elias Läderach zum World Chocolate Master gekürt. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.