Dominik Plüss
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Er räumt ­verminte Felder auf

Als der Ex-Topmanager von Endress+Hauser Urs Endress begann, Drohnen zur Minenaufspürung zu entwickeln, winkten viele ab: »Personenminen sind verboten und bis 2025 verschwunden.« Doch heute gibt es mehr denn je davon.

Stephan Lehmann-Maldonado
Stephan Lehmann-Maldonado
11 min

Grüezi Herr Endress.« Wertschätzung liegt spürbar in der Luft, wenn Urs Endress mit seiner Lagotto-Hündin den lichtdurchfluteten Hauptsitz von Endress+Hauser

in Reinach betritt – auch wenn er sich von seinen operativen Funktionen zurückgezogen hat. Mitarbeitende wechseln Worte mit ihm, als käme ein alter Freund vorbei. Dabei beschäftigt das Familienunternehmen rund 17 000 Menschen in der ganzen Welt. Sie entwickeln Messtechnik – Sensoren, ohne die moderne Produktionslinien stillstehen würden.

Als Urs Endress auf die Welt kam, war all das noch nicht vorstellbar. Sein Vater hatte sich mit dem fast dreißig Jahre älteren Ludwig Hauser zusammengerauft, um erste Messgeräte zu vertreiben. Urs war eines von acht Geschwistern. »Als ich in der Schule war, konnte mir meine Mutter keine Pausenäpfel für den Winter kaufen. Mein Vater hatte das Geld in die Firma investiert«, erinnert sich Urs. »Dann ist der Lehrer mit mir zum Schuldirektor gegangen, um eine Lösung zu finden – das war mir unendlich peinlich.«

Doch er hat daraus etwas gelernt: »Wenn du Menschen etwas gibst, achte darauf, dass sie es annehmen können, ohne ihre Würde zu verlieren.« Eine Lektion, die Urs bis heute beherzigt. Denn er kämpft an verschiedenen Fronten gegen drängende Probleme: gegen die Not in Kamerun, gegen Plastik in Meeren und für saubere Energie. Aber die wohl größte Herausforderung seines Lebens ist der Kampf gegen Landminen.

Urs, wann warst du zum ersten Mal in der Fabrik von Endress+Hauser?

Schon als Knirps habe ich mitgeholfen, Prospekte zu drucken. Am Abend hatte ich dann schmutzige Hände von der Druckerschwärze. Wenn ein Großauftrag ins Haus flatterte, half mein Vater mit. Herr Hauser machte mir eine warme Schokolade – und nach ein paar Tagen durfte ich mir ein Micky-Maus-Heft kaufen. Damals arbeiteten schon etwa fünfzehn Leute im Betrieb. Ich erlebte sogar, wie mein Vater den ersten Ingenieur anstellte.

Wolltest du deswegen auch Ingenieur werden?

Ja. Meinem Vater wäre es lieber gewesen, ich hätte Elektroingenieur studiert. Aber ich wollte Maschinen erfinden. Also studierte ich Maschinenbau, befasste mich mit Aero- und Hydrodynamik. Unter anderem arbeitete ich bei einem Gezeitenkraftwerk mit und wir entwickelten Patente zur Nutzung der Wellenenergie.

Ab fünfzig musst du einen halben Tag für etwas anderes als deine Firma arbeiten.

War es schon klar, dass du ins väterliche Unternehmen einsteigen würdest?

Als ich siebzehn war, hat mein Vater uns Söhne gefragt: »Wer will ins Unternehmen kommen?« Der Älteste lehnte ab. Ganz anders Klaus, der Zweitgeborene: »Ich tue alles, was du willst, wenn ich das Unternehmen übernehmen darf.« Ich antwortete: »Da hast du dein Opfer. Nur fürs Unternehmen da zu sein – das ist für mich keine Lebensqualität.« Der Jüngste von uns hatte noch keinen Plan. Dennoch traten wir Schritt für Schritt alle ins Unternehmen ein. Ich begann als Produktmanager mit einer Handvoll Leute, nach zehn Jahren waren es fünfhundert. Auf verschiedenen Kontinenten konnte ich Pionierarbeit leisten, Firmen gründen, Wachstum erleben.

Wie seid ihr Brüder miteinander ausgekommen?

Der Vater war sehr wettbewerbsorientiert. Doch wir haben irgendwann festgestellt, dass die Sonne für uns alle da ist. Dann haben wir für uns eine Charta aufgestellt. Sie legt fest, wie wir uns untereinander verhalten. Wenn wir eine Auseinandersetzung haben, regeln wir diese innerhalb von 24 Stunden. Neben unseren ethischen Richtlinien haben wir einen Aktionärsbindungsvertrag aufgesetzt – zuerst unter uns, jetzt ist die dritte Generation hinzugekommen.

Eine Mitarbeiterin von Endress+Hauser hat mir gesagt: »Man spürt die Werte der Familie, die Kultur.« Wie äußert sich diese?

Ein Beispiel: In der Covid-Zeit hatten alle Leute Angst, den Job zu verlieren. Unser Motto war: »Ein warmes Herz und ein kühler Kopf.« Wir versprachen, keine Stellen zu streichen. Diese Zusage motivierte unsere Angestellten. Sie überlegten sich, wie sie unsere Einbußen kompensieren konnten. Auf einmal sagte einer: »Die Leute kaufen sich jetzt Hunde.« Also haben wir alle Hundefutterhersteller angesprochen – und verbuchten in diesem Segment einen hohen Zuwachs.

Ich habe gehört, dass sogar die Pensionierten mit dem Unternehmen verbunden bleiben wollen …

Das ist so. Deshalb haben wir den Blue Panthers Club ins Leben gerufen. Am ersten Mittwoch im Monat erhalten unsere Pensionäre einen Lunch geschenkt und wir bieten einige Wanderungen an. Neu ist ein Welpen-Club dazugekommen. Wer einige Jahre vor der Pension steht, erhält eine Patin, einen Paten. Dieser gibt Tipps, wie man den Ruhestand vorbereitet.

Du hast unzählige Geschäftsprojekte geleitet. Wann kam dir der Gedanke, dass du dich noch für anderes einsetzen könntest?

Mein Vater hat uns beigebracht: »Ab fünfzig musst du mindestens einen halben Tag für etwas anderes arbeiten als dein Unternehmen, ab sechzig mindestens einen Tag.« So engagierte ich mich unter anderem in der Handelskammer, bei Regio Basiliensis und beim Kulturzentrum Burghof, bis wir mit dem Rotary Club die Stiftung Mine-ex unterstützen wollten. Diese organisiert Beinprothesen für Minenopfer. Da stellte ich fest, dass es immer mehr Opfer gibt. Ich dachte: »Prothesen sind gut. Aber besser wäre es, die Minen unschädlich zu machen.« Bei Recherchen erfuhr ich, dass man versucht, Minen mit Ratten, Bienen und Metalldetektoren aufzustöbern. Auch auf die Idee eines Radars bin ich gestoßen. Bei Endress+Hauser arbeiten wir mit Radaren. Dazu kooperieren wir mit der Universität Ulm, dem europäischen Zentrum für Radare. Ich habe unsere Leute gefragt: »Kann man einen kleinen Radar konstruieren und an einer Drohne montieren? Ohne viel Energie zu brauchen?« Mit solchen Drohnen könnte man Minen entdecken, ohne dass sich jemand verletzt. Die Radarmikrowellen würden in den Boden eindringen und ein Bild liefern.

Und dann hast du versucht, Anti-Minen-Drohnen zu entwickeln?

Neben der Universität Ulm habe ich die Fachhochschule Nordwestschweiz ins Boot genommen. Vor über zehn Jahren haben wir eine Machbarkeitsstudie herausgebracht. Ich stellte sie der UNO und dem Roten Kreuz vor. Die Rückmeldung: »Spannend, aber wir investieren nichts.« Die Drohnen bildeten ein Hochrisikoprojekt. Da kam mir ein Spruch meines Vaters in den Sinn: »Wenn du eine helfende Hand suchst, schau ans Ende deines Arms.« So gründete ich eine Stiftung. Zuerst finanzierte ich drei Doktorarbeiten zum Thema. Doch ich merkte schnell, dass es eine Firma braucht, die Produkte entwickelt. Darum habe ich die FindMine gGmbH bei Ulm gegründet. Dort tüfteln acht Leute. Wir arbeiten mit sechs Universitäten zusammen.

UNO und Rotes Kreuz: »Spannend, aber wir investieren nichts.«

Von Permakultur bis zu Schulen: Urs Endress setzt sich für bessere Lebensbedingungen in Bandrefam in Kamerun ein. Besonders schlägt sein Herz für Kinder.
Das Projekt FindMine hat ein ambitioniertes Ziel: Drohnen mit Sensoren zu entwickeln, die Minen schnell und sicher lokalisieren – so, dass kein Mensch dafür sein Leben riskieren muss.

Entdecken die Drohnen die Minen wirklich?

Klar, wir optimieren sie kontinuierlich. Zum Beispiel verzeichneten wir anfänglich Signale, die ins Leere führten – immer, wenn viele Leute dabei waren. Wieso? Die Handys störten die Steuerung der Drohnen. Also wechselten wir die Frequenz. In den letzten Jahren haben wir intensiv mit der Bundeswehr und dem Schweizer Militär zusammengearbeitet.

Hast du die Drohnen auch schon in der Ukraine eingesetzt?

Ja, ich bin dort hingegangen und habe gefragt, ob ein Einsatz möglich wäre. So verbrachte ich zehn Tage in der Ukraine, bis zwanzig Kilometer an der Kriegsfront. Jede Nacht ging der Alarm los. Zuerst ging ich mit dem Handy in den Schutzkeller, obwohl man dort keinen Empfang hat – und es bitterkalt ist. Das nächste Mal nahm ich einen Pullover und ein Buch mit. Dann flogen unsere Drohnen monatelang, bis es zu einem Absturz kam. Im Ukrainekrieg setzt Russland intensives GPS-Jamming zur Abwehr von Drohnen ein. Drohnen müssen sich also mit Kameras orientieren, nicht mehr am GPS.

Sind deine Drohnen schon marktreif?

Ja, wir haben einen Prototypen. Nächstes Jahr wollen wir fünfzehn Stück verkaufen. Zum Beispiel interessiert sich ein Hersteller von Maschinen, die den Boden aufwühlen, dafür. Er möchte unsere Sensoren. Denn wenn die Maschinen eine Anti-Tank-Mine auslösen, würden sie beschädigt. Auch das Rote Kreuz möchte unsere Drohnen. Damit kann es ein Gelände klären, bevor ein Konvoi durchfährt. Wir wollen mit einer neuen Drohne herauskommen. Unsere aktuelle ist von DJI, dem chinesischen Hersteller, von dem neunzig Prozent aller Drohnen kommen. Leider hat der Westen einen großen Fehler gemacht. Vor fünfzehn Jahren sagte er sich: »Drohnen sind Spielzeuge.« Jetzt ist er im Hintertreffen. Die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) hat nun aufgeholt und uns einen Schritt weitergebracht.

Ich könnte FindMine mit Gewinn verkaufen. Aber ich möchte damit Leben retten – nicht Geld verdienen.

Kann aus FindMine ein Businessmodell werden?

Viele Rüstungsfirmen klopfen bei mir an. Ich könnte das Projekt jederzeit mit Gewinn verkaufen. Denn die Rüstungsproduzenten schwimmen momentan im Geld (ob wir dieses dort wirklich gut investiert haben, bezweifle ich). Die Waffenproduzenten versuchen sogar, meine Mitarbeitenden abzuwerben. Doch mir und meiner Stiftung geht es darum, weltweit Leben zu retten – nicht um Profit. Deswegen ist mein Ziel, in fünf Jahren so viele Einnahmen zu generieren, dass die Entwicklungskosten gedeckt sind. Rund fünfzehn Jahre haben wir Verlust gemacht, den im Wesentlichen ich trage. Doch ich bin zuversichtlich, dass sich dies bald ändert.

Laut UNO sind über 110 Millionen Minen in über 70 Ländern verlegt. Jede halbe Stunde wird ein Mensch verletzt!

Als ich vor rund zehn Jahren begann, hat mir jemand gesagt: »Bis deine Produkte einsatzfähig sind, gibt es keine Minen mehr.« Das Gegenteil ist eingetroffen. Mit der Ottawa-Konvention existiert seit 1997 ein Abkommen, das Personenminen verbietet – doch die Großmächte USA, Russland, China, Indien und Pakistan haben es nicht ratifiziert. Dabei stellen diese fünf Staaten achtzig Prozent der Minen her. Zudem wollen die baltischen Staaten, Polen, Finnland und die Ukraine austreten. Der Aufschrei bleibt aus. Heute werden mehr Minen denn je vergraben, viel mehr als man ausgräbt. Auch die Minen vergangener Kriege liegen noch im Boden. Sie treffen meist Unschuldige: Frauen, spielende Kinder, Bauern. Es ist eine Sisyphusarbeit.

Ausgabe 36

Guten Morgen, Zukunft!

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Minenhersteller gegen Minendetektoren: Gibt es einen Wettlauf der Technologien?

Wir benötigen dringend Innovationen. Denn die Minenhersteller entwickeln eine grauenvolle Kreativität. Zum einen gibt es improvisierte Minen der IS. Sie unternehmen alles, um den Entminern Angst einzujagen. Zum Beispiel tarnen sie Minen und verknüpfen mit Stolperdraht. Zum andern gibt es Hightechminen. Lichtsensitive Minen explodieren, wenn man sie ausgräbt. Andere Minen fliegen mit Drohnen dorthin, wo sie den größtmöglichen Schaden anrichten. Wiederum andere haben Sensoren und explodieren schon, wenn jemand in die Nähe kommt. Die Ukraine arbeitet neuerdings mit kleinen Minen, sogenannten Honeypots. Letzten September gelang es den Ukrainern, russische Drohnen abzufangen und sie im Wasser landen zu lassen. Ich fragte sie: »Wie bringt ihr diese wieder heraus?« Antwort: »Das betrifft die nächste Generation.« Auf vermintem Boden wächst zudem schnell Unkraut. Zum Glück können wir mit unseren Drohnen Pflanzen bis zu zwei Meter Höhe durchschauen und Minen bis zehn Zentimeter unter dem Boden aufspüren – zuvor war das unmöglich.

Du bist Unternehmer, kein Entwicklungshelfer. Packst du Projekte anders an?

Als Ingenieur und Unternehmer denke ich in Möglichkeiten und ich analysiere die Rahmenbedingungen. So bin ich zur Fondation Suisse de Déminage (FSD) gegangen und habe gefragt: »Was braucht es, um Minen aufzustöbern?« Ich erfuhr einiges: In den Einsatzgebieten gibt es oft kaum Strom, also muss man einen Generator mitliefern. Die Ausrüstungskisten sollten so leicht sein, dass eine Person sie tragen kann – und robust genug, über hundert Kilometer Wellblechpiste durchzuhalten. Außerdem müssen sie Hitze und Kälte aushalten. In Tadschikistan zum Beispiel gibt es nur zwei Monate im Jahr, in denen der Boden nicht gefroren ist. All diese Anforderungen berücksichtigen wir, auch in Zusammenarbeit mit dem Geneva International Centre for Humanitarian Demining (GICHD), das Standards setzt.

Was treibst du mit deinen weiteren Stiftungen voran?

Mit jedem meiner Engagements verbindet mich ein Erlebnis. So habe ich vor fünfzig Jahren zum ersten Mal Kamerun besucht. Vor einigen Jahren hat mir ein Bekannter aus Kamerun von seinem Projekt erzählt. Das war die Geburtsstunde der Stiftung »Shya Lou goes to Africa«. Wir fördern Menschen in Kamerun vielfältig – etwa bei Gesundheit, Bildung, nachhaltiger Landwirtschaft, Mikrokrediten. Eine junge Zahnärztin von dort hat mich auf die Idee der Caring Dentists Association gebracht. In Partnerschaften mit lokalen Schulen unterrichten wir Kinder in Mundhygiene. Zugleich fahren wir mit mobilen Zahnkliniken an Orte, wo es sonst keine Zahnmedizin gibt.

Und was hat es mit der »Hella Boccara Foundation« auf sich?

Als ich den Solarpionier Jürgen Kleinwächter kennengelernt habe, war ich erstaunt: Er hat über hundert Patente angemeldet, aber kein Produkt entwickelt. Da entwickelten wir die Vision, sein Know-how den südlichen Ländern zur Verfügung zu stellen, um die Sonnenenergie zu nutzen. Die Stiftung heißt wie seine Frau. Schließlich sagte mir ein Meeresbiologe in Portugal, dass die verlorenen Plastikfischernetze im Meer ein immenses Problem darstellten. Darin sterben Millionen von Tieren – und das Mikroplastik landet wieder auf unseren Tellern. So lancierte ich die Initiative »Redes Fantasma«, auf Deutsch »Geisternetze«. Mit lokalen Organisationen und Rotary Clubs wollen wir ein System entwickeln, um Geisternetze zu entfernen und eine nachhaltige Fischerei fördern. Jedes meiner Engagements ist so ausgelegt, dass es langfristig auch ohne mich und selbsttragend funktioniert.

Woher kommt deine Zuversicht, deine Schaffenskraft?

(Lacht.) Mich interessieren Golfclubs nun mal nicht. Es berührt mich viel mehr, wenn ich das Leben von Kindern verbessern kann. Meine eigenen jüngsten Kinder haben das mitbekommen und in Kamerun eine Pfadfinderarbeit gestartet. Mein Engagement folgt meinen Überzeugungen. Ich bin evangelisch-reformiert aufgewachsen, da hat man uns schon gelehrt: »Wenn es dir gut geht, schaue auch, dass es den andern gut geht.«