Peter Cron
Gegen Krebs und die Zweifel anderer
Seit rund zehn Jahren ist der Forscher Peter Cron einem neuen Krebsmedikament auf der Spur. Tief im Innern ist er überzeugt, dass der Wirkstoff wie ein Atomschlag gegen die Wucherzellen wirken kann. Eine Geschichte von Hoffnung – und von Rückschlägen.
Der weiseste Mann, der je über die Erde ging, war – wie es heißt – König Salomo. In seinen Sprüchen vermerkte er: »Es ist die Ehre Gottes, eine Sache zu verstecken, und die Ehre der Könige, eine Sache zu entdecken.« Alles Große zeigt sich im Verborgenen.
Für den Entdecker Peter Cron aus Basel ist dieses Wort wie ein leiser Leitfaden durch das Geflecht seiner Forschungen an den mikroskopisch kleinen Zellen des Lebens – wie die Hoffnung, den Schlüssel zu finden, um jene verborgene Kammer zu betreten, wofür man bereit ist, ein ganzes Schloss auf den Kopf zu stellen. Aber Biochemiker Peter Cron kann es auch für den Biergarten formulieren: »Es gibt einen, der die Ostereier versteckt – damit sie gefunden werden. Und es gibt die Leute, die sie suchen.«
Beim Feierabendbier mit seinen Forscherkollegen stellte sich ein solcher Moment ein. Es war in lockerer Runde, die aber von dunklen aufziehenden Wolken begleitet war, weil alle wussten, dass ihre Abteilung am Friedrich Miescher Institut in Basel geschlossen werden würde. Der Forschergruppe war klar: Sie müssten nach Neuem Ausschau halten. Da entsprang aus der heiteren Ernsthaftigkeit heraus ein Hinweis auf jenen geheimen Schlüssel, der ihnen einen neuen Raum auftun würde.
Einer hob sein Glas und erinnerte daran, wie der Pharmagigant Roche mit seinem Krebsmedikament »Tecentriq« herbe Rückschläge erlitten hatte. Der andere bemerkte, dass sich die Forscher des Basler Pharmakonzerns bloß auf eine Krebszellenantenne konzentriert hätten, wo es doch deren zwei gebe – zwei Proteine, an die sich die Antikörper binden könnten. Ob da nicht Potenzial darin liege, wenn man sich auch um den zweiten Signalgeber und -empfänger kümmere?
Man war gleich elektrisiert. Würde es gelingen, das Täuschungsmanöver der Krebszellen zu überlisten, das Roches »Tecentriq« schachmatt gesetzt hatte und den Immunzellen den »Friss-mich-nicht-Befehl« gibt? In den Augen von Peter Cron lag das Wunder ja schon darin, dass die Forschung überhaupt dem Geheimnis auf die Schliche gekommen war, weshalb eine Immunzelle eine schnell wachsende Haarzelle nicht attackiert, jedoch auf eine wuchernde Krebszelle losgeht. Darüber hinaus durfte man nicht nur beobachten, wie über die Antenne der Krebszelle das »Friss-mich-nicht-Signal« abgesondert wird. Man sah auch, dass sich die Immunzelle als potenter Wächter des Körpers auf wundersame Weise Stück für Stück zerlegt und sich selbst sorgfältig entsorgt – so kurz vor der Erledigung ihrer Kernaufgabe.
Das Geheimnis hinter »Abba 19«
Mit diesem Wissen ahnten die Forscher um Peter Cron, dass die zweite Antenne der Krebszelle die Finger mit im Spiel hatte. Jetzt müsste man nur noch nach dem passenden Schlüssel suchen, um das »Friss-mich-nicht-Signal« auch dort zu blockieren. Die ersten Hinweise darauf, dass Peter und seine Trup- pe auf dem richtigen Weg waren, ließen nicht lange auf sich warten. Aus einer Vielzahl von Firmen wurde Peters Unternehmen »Abba Therapeutics« mit sechzehn anderen ausgewählt. Nur vier durften ihr Projekt präsentieren. Am Schluss stand Peter Cron vorne. Eine Gebetserhörung. »Es sind auf unglaubliche Weise Türen aufgegangen. Wir haben Geld erhalten, teures Equipment wurde uns geschenkt und die Möglichkeit zu sequenzieren.« Diese übernatürlichen Erfahrungen von damals nähren bis heute die Hoffnung, das Projekt ins Ziel bringen zu können.
Schon bald kristallisierte sich eine bestimmte Sequenz als entscheidend heraus – sie trug die Bezeichnung »Abba 19«, ein Kürzel, wie es in der Wissenschaft üblich ist, funktional, unsentimental: »Antibody Basel« – das neunzehnte aktive Antigen, das aus Tausenden von Kandidaten als der passende Schlüssel gefunden wurde. Das Team ließ das Antigen sequenzieren und patentieren. Und die Vision war geboren: »Wir entwickeln ein Medikament, das sofortige Heilung bringt, besser als alles, was auf dem Markt ist, weil es das Immunsystem freisetzt, den Krebs selber zu bekämpfen und zu zerstören.« In Kombination mit Roches »Tecentriq« müsse »Abba 19« gegen den Krebs einschlagen wie eine Atombombe, sagt Peter Cron. Weil der Körper mit den aktivierten Immunzellen die Schlacht gegen den Wucherkrebs selber führen wird, brauche es für die meisten Krebsarten keine Nachbehandlung. Doch bei Peter verbirgt sich hinter dem Sichtbaren eine andere Dimension. In den Abba-Buchstaben schwingt eine stille Hommage mit an Abba – was im Hebräischen auch für den himmlischen Vater steht.
Der Körper würde selbst gegen den Krebs kämpfen.
Dass Peter Cron diesen »Abba« nicht nur als wissenschaftliches Kürzel verstand, sondern als Zeichen eines tieferen Zusammenhangs, hat tiefe Wurzeln: Mit acht Jahren, während der Vorbereitung zur Firmung, hörte er den Priester sagen: »So, jetzt wisst ihr alles über Gott.« Es war ein Satz, wie er wohl aus pastoraler Gewohnheit fällt – gut gemeint und endgültig. Peter hingegen, noch ganz Kind, reagierte verblüffend: »Nein, ich weiß gar nichts über Gott.« Und mit einer fast naiven Entschlossenheit hat er die Augen gehoben: »Gott, zeig mir, was Religion ist.«
Wenn der Heilige Geist auftaucht
Was dann geschah, lässt sich schwer fassen. Während eines späteren Gottesdienstes, als die Gemeinde das alte Kirchenlied »Großer Gott, wir loben dich« anstimmte, überkam ihn ein Gefühl, das er selbst viele Jahre später als »durchdrungen vom Heiligen Geist« beschreiben sollte – eine tiefe, körperliche Erfahrung von Gegenwart: nicht Religion, sondern Gott selbst. Von da an bestand der Achtjährige darauf, jeden Sonntagmorgen um sechs Uhr in den Gottesdienst zu gehen. Die Eltern – zunächst erstaunt, dann ergeben – verzichteten bald darauf, von ihm geweckt zu werden. Er solle sie schlafen lassen und alleine zur Kirche gehen. Wie so vieles, was tief geht, verblasste diese Erinnerung – überlagert vom Alltag, von Schule, Studium und Lebensentscheidungen. Doch sie verschwand nie ganz. »Der Abba hat sich mir noch einmal zugewendet«, sagt Peter Cron rückblickend. In seiner Studienzeit hatte er erneut eine Begegnung mit dem Allerhöchsten, die ihm zeigte, dass er als junger Bube keiner Fata Morgana aufgesessen war.
Verschlungene Wege
Selten sind die Wege des Lebens schnurgerade. Auch bei Peter Cron entfalteten sich Brüche und Kurven – ein Weg gegen die Logik des Erwartbaren, der sich dem Duktus des Erfolgsnarrativs entzogen hat. Ein paar Beispiele: In den Jahren am Gymnasium beschäftigte er sich mit Latein, flankiert von humanistisch-philosophischen Fächern. Im Kern suchte er nach Mustern in Charakteren, nicht in Molekülen. Doch je tiefer er in die Theorie des Menschlichen eintauchte, desto stärker wuchs in ihm das Bedürfnis, den Dingen auf einer anderen Ebene zu begegnen – jener der Naturgesetze. Von außen erschien es als abrupter Wechsel – der Wechsel von Altphilologie zur Biochemie –; für Peter Cron war es nur die Erweiterung des Blicks. Doch die Sprache der Naturwissenschaften – Mathematik, Chemie, Statistik – musste er sich mühsam aneignen.
Die Faszination schließlich, dass in jeder einzelnen Zelle der ganze Bauplan des Lebens enthalten ist, dass aber eine Zelle wie von Zauberhand selbst entscheidet, Leberzelle oder Herzmuskelzelle zu sein, beflügelte seinen Forschergeist. Über die kleine, unscheinbare Taufliege Drosophila melanogaster, die der Wissenschaft als Fenster in die Genetik dient, wollte er promovieren. Aber auch hier hielt das Leben einen Umweg bereit. Die einst fördernde Betreuerin wurde unberechenbar, verletzend. So entschied er sich zu gehen. Am Friedrich Miescher Institut fand er Arbeit, wollte zwei Jahre bleiben, um sich danach der Doktorarbeit widmen zu können. Es wurden lange dreißig Jahre.
Plötzlich schaltete sich die US-Justiz ein.
Was bleibt? Kein Doktortitel – und doch ein Weg, der Spuren hinterlassen hat. Nicht auf dem Papier, sondern in der Persönlichkeit.Sie scheint so gefestigt, dass er die Rückschläge bei der Entwicklung seines neuen Krebsmedikaments hinnehmen kann, ohne die Hoffnung zu verlieren. Die schwersten Erschütterungen trafen ihn nicht im Labor, sondern in Form menschlicher Willkür.
Nachweis »zu schwach«?
Völlig aus der Luft gegriffen – und das muss gesagt sein – geriet sein chinesischer Forscherkollege ins Visier der US-Justiz. Sie verstrickte diesen in ein kafkaeskes Verfahren. Am Ende sprach das Geschworenengericht den Kollegen zunächst frei. Doch der Richter wollte Genugtuung und Entschädigung abwenden. Es gelang ihm, wie der Anwalt des Forschers berichtete, den Freispruch in ein Urteil zu verwandeln – es ließ sofortige Freiheit zu, aber keine Rehabilitierung. Für das Forscherteam bedeutete es Stillstand. Schließlich trennte man sich vom Forscherkollegen, um jeden Schatten aufs Projekt zu vermeiden.
Guten Morgen, Zukunft!
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KaufenEin weiterer Schlag traf mitten im Kern der Arbeit. Die Sequenz »Abba 19« konnte zwar auf eine gentechnisch veränderte Maus mit menschlichen Antikörpern übertragen werden, doch das Ergebnis blieb schwach sichtbar – als Tendenz, weil die Maus zu wenig menschenähnlich war. Enttäuschung machte sich breit, aber die Gewissheit, der Menschheit ein neues Medikament zu geben, ist geblieben. Es sei wichtig, Verantwortung zu übernehmen und für die Mitarbeiter zu beten. »Dann beten die Mitarbeiter auch für den Chef«, sagt Peter Cron und hofft, dass neue Türen wieder so wundersam aufgehen.
»Unerforschliche Pfade« Gottes
Eine »optimierte« Maus, diesmal mit menschlichem Immunsystem, sollte heranwachsen. Acht Millionen Franken an Kosten – eine Summe, die zwischen Traum und Verwirklichung steht. Momentan zeigen sich einige Investoren interessiert an der Weiterenwicklung. Einige Krebspatienten hätten sich persönlich an ihn gewandt, er möge ihnen den Wirkstoff aushändigen. Sie beteuerten stets, das volle Risiko selber zu übernehmen. Peter Cron muss indes abwinken: Erst nach den neuen Versuchen kann der Wirkstoff so rein produziert werden, dass er ihn Menschen verabreichen darf.
Den Glauben und die Hoffnung, den Schlüssel zu finden und Krebspatienten zu helfen, hat Peter nicht verloren. Auswendig zitiert er eine Bibelstelle: »Welch Tiefe des Reichtums, sowohl der Weisheit als auch der Erkenntnis Gottes … wie unauffindbar sind seine Pfade.« So gilt für Peter, was für jeden Suchenden gilt: dass die Umwege nicht das Ziel verhindern, sondern es mitunter erst möglich machen. Solange geforscht wird, bleibt auch die letzte Hoffnung lebendig.
Peter Cron
Er studierte Biochemie und forschte zunächst an Antibiotika-Resistenzen, danach arbeitete Peter Cron 30 Jahre am Friedrich Miescher Institut. Mit zwei Arbeitskollegen kam er auf die Idee, ein Krebsmedikament zu entwickeln. Man gründete die Firma Abba-Therapeutics und konnte die Antikörpersequenz »Abba 19« patentieren. Peter ist verheiratet mit Karin und hat mir ihr zwei Töchter. Sein Hobby: sein Rebberg, zu dem er wie durch ein Wunder gekommen ist.