Barbara Gnadenheimer
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Patricia Foitzik

Ist die weibliche Brust eines der letzten Tabus?

Bei dem Wort Brustgesundheit denken die meisten an Krebs, bei Busen an Sex. Das ärgerte Patricia Foitzik so sehr, dass sie ihr eigenes Unternehmen gründete: BraTastisch. Die ehemalige Triumph-Beraterin möchte einen schamfreien Blick auf das Körperteil vermitteln und über Alltagsprobleme aufklären. Das fängt für sie schon beim BH-Kauf an.

Christine Frischke
Christine Frischke
9 min

Patricia, du standest oft mit Frauen in der Umkleidekabine. Was hast du dort erlebt?

Nur wenige Frauen sahen in den Spiegel und sagten: »Ich mag mich.« Viele vermieden es, sich genau anzuschauen. Vor allem, wenn es um Unterwäsche ging. Da hieß es dann: »Bring mir irgendwas.« Ich fand es immer krass, wie viel Ablehnung Frauen ihrem Körper entgegenbringen. Das tat mir weh. Als ich mit 26 in den Beruf einstieg, waren die meisten Kundinnen deutlich älter als ich. Viele kämpften mit den Wechseljahren und den körperlichen Veränderungen. Da standen gestandene Mütter und haderten mit ihrem Äußeren. Dabei hatte ihr Körper ja Wahnsinniges geleistet.

Ich will Frauen im Alltag unterstützen, sich im eigenen Körper wohlzufühlen.

Was störte die Frauen am meisten?

In einer Studie mit knapp zwanzigtausend Frauen gaben siebzig Prozent an, mit ihrer Brust unzufrieden zu sein. Nach meiner Erfahrung sind es eher neunzig Prozent. Die Frauen hadern mit der Größe, der Form, den Nippeln. Sie leiden darunter, nicht der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen, die aber nur in den Köpfen existiert. Vor allem ein – aus Sicht der Frau – zu großer Busen wird oft nicht akzeptiert. Da hieß es: Ein E-Körbchen sei eklig, riesig, unnormal. Dabei war das für mich als Fachverkäuferin überhaupt nichts Ungewöhnliches.

Wie reagierst du auf abwertende Aussagen?

Frauen klagen oft, dass eine Brust größer ist als die andere. Ich sage dann: »Willkommen bei den 99 Prozent!« Mein Anliegen war immer, aufzuklären und zu zeigen: Ihr seid nicht allein. Humor bringt Leichtigkeit. Viele Frauen kommen mit einer Null-Bock-Laune zum Unterwäschekauf. Meine persönliche Herausforderung war es, ihnen Spaß an der Sache zu vermitteln. Es hat mich glücklich gemacht, wenn sie den Laden mit einem Lächeln verlassen haben.

Welche Erlebnisse sind dir besonders im Kopf geblieben?

Eine Kundin sagte bei der BH-Anprobe: »Wow, ich kann wieder normal atmen.« Die Frau hatte sich zuvor mit ihrem BH regelrecht eingeschnürt. Es ist krass, wie leidensfähig wir Frauen sind. Einmal stand eine bildhübsche Influencerin vor mir. Sie war sehr schmal und es dauerte etwas, einen passenden BH für sie zu finden. Irgendwann brach sie in Tränen aus und sagte: »Ich komme nach meiner OP wieder.« Ich verstand erst danach, dass sie sich die Brust vergrößern lassen wollte. Sie hatte ein Bild im Kopf, wie Frauen aussehen müssen. Dabei passte eine große Brust gar nicht zu ihrer zarten Figur. Ein anderer Fall hat mich tief berührt: Ein älterer Mann wollte mit seiner vermutlich dementen Frau Unterwäsche kaufen. Er war ziemlich überfordert. Ich bin dann mit der Frau in die Kabine, half ihr, sich auszuziehen und Sachen anzuprobieren. Am Ende umarmte mich ihr Mann, er war den Tränen nahe. Das hat mir gezeigt: Es geht um mehr als schöne Wäsche.

Worum geht es dann?

Darum, Frauen im Alltag zu unterstützen, sich wohl im eigenen Körper zu fühlen. Ich bin als Pendlerin werktags zwölf Stunden unterwegs. Da ist es eine Qual, wenn der BH schlecht sitzt oder einen einengt.

Was hat ein BH mit Gesundheit zu tun?

Ein schlecht sitzender BH kann zu einer schlechten Körperhaltung führen. Das Gewicht der Brust zieht nach vorn, die Frau sitzt krumm. Das kann Kopf-, Nacken- oder Rückenschmerzen verursachen. Manche Frauen leben jahrelang mit schmerzhaftem Druck auf den Schultern. BH-Träger können Striemen hinterlassen. Eine Kollegin erzählte mir von einer Kundin, deren Brust durch einen BH-Bügel regelrecht verformt war. Manche Frauen hören wegen eines schlecht sitzenden BHs mit dem Sport auf. Sie fühlen sich unwohl, haben Schmerzen oder können nur hüpfen, wenn sie sich die Brust festhalten. Einfach keinen BH zu tragen, ist für die meisten keine Option. Viele mögen es außerdem nicht, wenn die Brustwarzen durch das Oberteil sichtbar sind.

Deine Mutter besaß mehrere Unterwäschegeschäfte. Wie hat dich das geprägt?

Meine Mama veranstaltete auch Modeschauen. Ich bin mit auf dem Laufsteg rumgehüpft und habe Kinderhemdchen präsentiert. An den Wochenenden half ich, Unterwäsche in Pakete zu packen. Im lokalen Kino lief ein kleiner Werbeeinspieler für ihr Geschäft. Ich bin aufgestanden und rief: »Das ist meine Mama, geht dahin!« Über Unterwäsche, Brüste oder Frauenkörper zu reden, war nie komisch. Meine Freundinnen nannten mich »Schlüppi-Queen«. Sie schleppten mich auf Partys zu Fremden und sagten: »Lass dich von Patricia ausmessen, die kennt sich aus.« Erst als ich auszog, merkte ich, wie wenig wir Frauen über das Untendrunter sprechen.

Ist die weibliche Brust eines der letzten Tabus?

Das Thema ist super schambehaftet. Über Menstruation und Menopause wird inzwischen viel gesprochen, aber die Brust bleibt übersexualisiert. Googelt man »Brustgesundheit«, bekommt man zu neunundneunzig Prozent Treffer zum Thema Brustkrebs. Aber wer kümmert sich um die Alltagsprobleme? Wer erklärt Mädchen, warum die Brust während der Periode wehtut oder worauf sie beim BH-Kauf achten müssen? Die Mütter wissen es ja oft selbst nicht.

Hast du deshalb BraTastisch gegründet?

Frauen sollten Fürsorge für ihre Brust treffen, aber niemand erklärt ihnen wie. In neunzig Prozent der Fälle werde ich beim Unterwäschekauf falsch beraten. Ich habe eine spezielle Größe, weil mein Umfang sehr schmal ist. Das ist ein allgemeines Problem: Im normalen Handel wird der Umfang 75 als schmalstes Unterbrustband genommen und Frauen finden maximal ein E-Körbchen. Das suggeriert: Wenn du in diese Größenordnungen nicht reinpasst, bist du nicht normal. Niemand hinterfragt dieses System. Im Fachgeschäft fangen wir aber schon bei Umfang 60 an und bieten Körbchen von A bis O. Mir liegt das Thema am Herzen. Mich nervt, dass niemand normal über die Brust spricht. Darum habe ich irgendwann beschlossen, selbst etwas zu tun.

Du bietest mit deinem Start-up eine persönliche Beratung zur BH-Passform an. Was macht BraTastisch noch?

In England gibt es die Initiative »Treasure Your Chest«. Sie vermittelt jungen Schülerinnen in einem einstündigen Kurs alles Wichtige über die weibliche Brust. Eine Studie zeigt, dass diese Schulung das Selbstbewusstsein der Mädchen stärkt und ihre Beziehung zu ihrem Körper verbessert. Ich habe alle Unterlagen der Initiative übersetzt und möchte etwas Ähnliches im deutschsprachigen Raum anbieten. Leider ist es für mich als Nichtpädagogin schwer, bei Schulen einen Fuß in die Tür zu bekommen. Dabei habe ich nichts zu verbergen. Besorgte Eltern oder Lehrer dürfen sich gerne in den Vortrag setzen. Außerdem möchte ich Unternehmen für das Thema Brustgesundheit sensibilisieren. Deshalb biete ich Workshops und Kurzvorträge dazu an. Brustgesundheit sollte Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements werden.

Auf welche Schwierigkeiten stößt du?

Viele Ansprechpartner trauen sich nicht an das Thema ran. Es ist nicht leicht, Unternehmen zu vermitteln, wie eng die weibliche Brust mit dem Wohlbefinden zusammenhängt. Ein schlecht sitzender BH führt oft zu Fehlhaltungen. Ergonomische Stühle, Physiotherapie oder Massagen bringen dann wenig. Interesse wecke ich leider erst, wenn ich Vorträge über Brustkrebs anbiete. Aber ich stelle das nicht so gerne in den Vordergrund. Ich will die Brust nicht mit etwas Negativem verbinden. Außerdem ist Brustkrebs für junge Mitarbeiterinnen oder Auszubildende oft noch kein Thema. Das Mammografie-Screening wird erst ab fünfzig Jahren von den Krankenkassen übernommen. Wenn ich aber frage: »Hast du Schulterschmerzen? Könnte das an deinem BH liegen?«, werden die Frauen neugierig.

Wie engagierst du dich im Bereich Brustkrebs?

Ich arbeite mit der Organisation »Know Your Lemons« zusammen, die weltweit über Brustkrebs und Früherkennung aufklärt. Ich erkläre ehrenamtlich, wie man Symptome frühzeitig erkennt. In Deutschland sterben noch immer zu viele Frauen unnötig an dieser Scheißkrankheit. Ich dachte immer, über Brustkrebs weiß jeder Bescheid. Doch selbst bei Mitarbeiterinnen von Fachgeschäften ist das Wissen gering.

In Deutschland sterben noch immer viel zu viele Frauen unnötig an dieser Scheißkrankheit Brustkrebs.

Viele Frauen empfinden die Mammografie als unangenehm.

Es ist die beste Methode, die wir haben. Wer regelmäßig zur Mammografie geht, ermöglicht eine frühe Diagnose. Beim Abtasten entdeckt man einen Tumor oft erst, wenn er so groß ist, wie meine drei Finger hier. Mit der Mammografie erkennt man ihn schon bei der Größe einer Fingerspitze. Das macht einen riesigen Unterschied. Ich ermuntere die Frauen, bei Schmerzen während der Untersuchung den Mund aufzumachen. Eine ehemalige Kollegin sagte mir nach einem Vortrag, ich hätte ihr Leben gerettet.

Ausgabe 36

Guten Morgen, Zukunft!

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Wie das?

Sie war Mitte dreißig und hatte in ihrer Brust etwas ertastet. Ihr Arzt beschwichtigte, sie sei zu jung für Brustkrebs. Zu 99 Prozent sei das harmlos. Nach meinem Vortrag ging sie noch mal zum Arzt und forderte eine Biopsie. Und tatsächlich: Sie gehörte zu dem einen Prozent.

Richten sich deine Vorträge nur an Frauen?

Nein. Ein ehemaliger Kollege war beispielsweise bei einem meiner Vorträge dabei. Er nahm seiner Mutter eine Karte mit zwölf Anzeichen für Brustkrebs mit. Ein Symptom erkannte sie bei sich wieder. Ihr Frauenarzt diagnostizierte Brustkrebs im frühen Stadium. Je mehr Männer wissen, desto besser können sie Frauen unterstützen. Egal ob es die Mutter, die Partnerin oder die Tochter ist.

Du wirkst sehr selbstbewusst. War das immer so?

Ich war ein Scheidungskind. Nach der Trennung lebte ich bei meinem Papa. Die weibliche Ansprechpartnerin hat mir gefehlt. Als ich 21 war, entschied sich meine Mama für den Freitod. Das hat viel mit mir gemacht. Ich wurde dazu erzogen, meine Emotionen nicht zu zeigen. Also habe ich viel gearbeitet. Manchmal siebzig, achtzig Stunden die Woche. Ich hatte im Kopf: Nur wenn ich funktioniere und viel tue, bin ich liebenswert. Mit Mitte zwanzig diagnostizierte man bei mir eine mittelgradige Depression. In der Therapie merkte ich, dass ich keine Ahnung hatte, wer ich bin oder was ich mag. Ich wechselte den Job und fand auch zum christlichen Glauben. Mir wurde bewusst, dass es da jemanden gibt, der mich sieht und liebt – ohne, dass ich etwas dafür leisten muss. Nach und nach habe ich Selbstliebe, Selbstakzeptanz und Selbstwert entwickelt.

Was für eine Frau siehst du heute, wenn du in den Spiegel blickst?

Ich empfinde Stolz. Mit Ende zwanzig war ich krank und total unglücklich. Heute arbeite ich in meinem Traumberuf als Trainerin, habe letztes Jahr die Liebe meines Lebens geheiratet und bin gesund. Als Christin weiß ich, dass Gott mich begleitet und mir hilft, mein Potenzial auszuschöpfen. Ich fühle mich wie ein Kind mit einem Überraschungsei: Ich bin einfach wahnsinnig neugierig, was als Nächstes kommt.

Patricia Foitzik

Patricia Foitzik

Sie arbeitete bei Triumph als ShopManagerin, später leitete sie den Trainingsbereich der europäischen Stores. Nebenbei schloss Patricia ihren Master in Business Coaching und Change Management ab. Heute arbeitet die 38-Jährige in der Qualitätssicherung und Trainingsabteilung bei Check24. 2022 gründete sie BraTastisch, um Mädchen und Frauen zu einem gesunden Umgang mit ihrem Körper und ihrer Brust zu verhelfen.