Julia Sentman
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Julia Sentman

Kräuterfee auf Umwegen

Die Liebe zu Natur und Pflanzen auf der einen und die Kreativität auf der anderen Seite wurden ihr quasi in die Wiege gelegt. Nach beruflichen Irrwegen lebt Julia Sentman heute eine perfekte Symbiose aus beidem: Sie kreiert besondere Naturkosmetik und Teemischungen. Und sie belebt das alte Wissen über Heilpflanzen neu.

Simon Jahn
Simon Jahn
9 min

Wenn man in einem Kaff wie Heidelberg aufwächst«, sagt Julia Sentman, genannt Jules, ganz beiläufig. So, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Doch der Halbsatz verrät mehr über die lebenshungrige Frau als über die rund 160 000 Seelen beherbergende Großstadt mit der ältesten Universität Deutschlands. Denn obwohl sie ihre Studienzeit mit vielen Aufenthalten in Los Angeles als die »beste Zeit ihres Lebens« bezeichnet, findet sie in ihre Berufung in ihrer Heimat.

Der Vater stirbt früh, die Mutter bleibt allein. Vormittags arbeitet sie als Schneiderin, nachmittags braucht sie ihre Ruhe. Geschwister gibt es keine, auch keinen Fernseher. Also lernt Jules von klein auf, sich selbst zu beschäftigen und entwickelt viel Kreativität. In den Ferien besuchen sie regelmäßig die Großeltern in einem 150-Einwohner-Dorf in Rheinland-Pfalz. Der Großvater nimmt Jules stets mit in die Natur. »Er war Korbflechter und Imker, blind und fast taub. Ihm gehörten ein paar Streuobstwiesen, daneben baute er Kräuter an.« Sie beobachtet ihn, wie er in die Bienenhäuser mit seinem geringen verbliebenen Hörvermögen hineinlauscht und genau weiß, was sich dort gerade tut. Sie pflückt mit ihm Minze und Salbei, schaut zu, wie er sie bündelt, um später Tee daraus zu machen. »Dieses Langsame und Grüne hat mich immer fasziniert.« Seitdem trägt Jules die Liebe zur Natur in ihrem Herzen.

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Heute bin ich derjenige, der Jules beim Teepflücken begleitet. Auf der tausend Quadratmeter großen Stadtfarm hat sie ihr persönliches Naturrefugium erschaffen. Es ist ein warmer Sommertag. Das schlauchartige Grundstück macht einen etwas verwilderten Eindruck. Ein altes umgebautes Wohnmobil mit zugewachsenen Rädern begrüßt einen am Eingang. Jules trägt ein luftiges Kleid, ihre langen braunen Haare tänzeln im Wind, als sie mir leichtfüßig vorangeht. Wir schlängeln uns an zahlreichen Pflanzen vorbei, die scheinbar einfach vor sich hinwachsen, passieren eine Rosenbogen und stehen neben einem Gewächshaus. Weiter hinten zeichnet sich ein Tiny House ab. Alles wirkt ein bisschen improvisiert, dafür spürt man die Kreativität, die am Werk war. Ein Ort, der lebendig ist, nicht perfekt sein muss, einfach zum Sein einlädt. Unter einer Holzpergola lässt sich Jules lässig auf ein Outdoorsofa fallen und beginnt zu erzählen.

Man spürt die Kreativität, die hier am Werk war.

Sozialarbeit in Los Angeles

Die Liebe zu Kräutern und Pflanzen bringt sie dazu, sich zur Pharmazeutisch-technischen Assistentin ausbilden zu lassen. Doch bald setzt Ernüchterung ein. »Da hängst du dann mit Fußcreme, Viagra und Krebsmedikamenten fest. Pharmazeutische Botanik, das ist das, was mich in der Ausbildung fasziniert hatte. Stattdessen war ich nicht mehr als eine bessere ausgebildete Verkäuferin.« Also entschließt sie sich für einen Kurswechsel und beginnt ein Lehramtsstudium für Englisch und Religion, später kommt Medienpädagogik dazu.

Zu dieser Zeit besucht Jules eine kirchliche Studentengruppe, auch wenn sie mit Gott nichts zu tun haben will. Bei einem Treffen berichtet eine Frau von einem Sozialprojekt in Los Angeles, das Prostituierte und obdachlose Jugendliche unterstützt. Jules kommt mit ihr ins Gespräch und wird gefragt: »Möchtest du in den Semesterferien mit mir nach LA kommen?« Die Studentin will sowieso ihr Englisch aufpolieren und willigt ein. Sie verdingt sich als freiwillige Helferin im »Los Angeles Dream Center« und teilt sich dort ein Zimmer mit einer neunjährigen traumatisierten Mörderin. Durch das Projekt, initiiert von einer christlichen Gemeinde, lernt sie Glauben in einer ihr unbekannten Art kennen: »Hier wurde nicht nur gepredigt, sondern anderen Menschen geholfen – ganz ohne Vorurteile. Das hat mein Herz sehr berührt.«

Von da an verbringt sie alle Semesterferien in LA und hilft im »Los Angeles Dream Center« mit. Auch Chad engagiert sich in dem Projekt. Er hat Filmproduktion studiert und arbeitet in Hollywood. Tiefer kennen lernen sich die beiden via E-Mail, als Jules wieder in Deutschland ist. Sie sind sich sofort sympathisch, Chad hat in der Schule sogar Deutsch gelernt. Von da an mailen sie sich täglich. Zwei Jahre später, 2005, heiraten sie in Hollywood. Und da Chad sowieso nach Europa will, bleibt es für Jules bei Heidelberg.

Ja zum Kind

Chad startet eine Filmfirma, sie steuert auf den Studienabschluss zu – und wird schwanger. Ein Arztbesuch wirbelt das junge Glück dann durcheinander: Während des Ultraschalls hört der Gynäkologe plötzlich auf zu reden. Nach einer Weile schickt er Jules’ Begleitung aus dem Zimmer und eröffnet ihr, dass das Baby einen offenen Rücken haben werde. Eine weitere Untersuchung später kommt er zum Schluss, dass das Kind auch Trisomie 21 haben und höchstwahrscheinlich tot geboren werde. Die werdenden Eltern sind zuerst geschockt. Doch als der Arzt sie drängt, sich für eine Abtreibung zu entscheiden, lehnen sie entschlossen ab. An der Uniklinik bekommen sie Mut zugesprochen, nicht Angst gemacht. Gideon kommt zwar mit Wasserkopf, Klumpfüßen und offenem Rücken zur Welt, Letzterer beeinträchtigt ihn aber lediglich vom Po abwärts. Die ersten drei Monate verbringt er im Krankenhaus. Aber Jules lässt sich davon nicht entmutigen. »Es war mir von Anfang an eine Ehre, seine Mutter zu sein«, sagt sie. In herausfordernden Situationen helfe ihr der Glaube: »Das Kostbarste für mich ist zu wissen: Ich muss keine Last allein tragen - egal, was kommt. Ich kann alles abgeben und inneren Frieden bei Gott finden.«

Ich muss keine Last allein tragen - egal, was kommt.

Zeit zur Neuorientierung

Wenig später beginnt Jules ihr Staatsexamen. Vormittags und nachmittags hat sie jeweils einen Babysitter, dafür hält sie sich die Wochenenden frei. »Das habe ich durchgezogen«, erzählt sie sichtlich stolz. »Er war ein sehr pflegeleichtes Baby.« Nebenbei bringt sie sich in ein neues Projekt ein: Mit einer Gruppe Kreativer gründet sie 2008 das Actionhouse, einen Ort für Kreativität und Kultur. Ihre Wohnzimmerkonzerte sind bald Kult in der Gegend.

2011 schließt Jules ihr Referendariat ab. Da sie ihr zweites Kind erwartet, beschließt sie, zwei Jahre Familienpause einzulegen. In dieser Zeit hört sie viel in sich hinein: Was will ich eigentlich für den Rest meines Lebens machen? Ihre Antwort: Natur und Heilpflanzen. Als ersten Schritt startet sie ihren Stadtfarm-Blog. Außerdem nutzt sie die Auszeit, um sich in die Filmfirma zu investieren, die sie von Chad übernommen hat. Prompt erhalten sie aus den USA einen Auftrag, bei einer großen Konferenz in LA über Permakultur mit vier Parallelsessions zu drehen. Neunzig Stunden Videomaterial zum Schneiden bringt Jules mit zurück nach Heidelberg. »Uns war klar: Wenn ich Film und Pflanzen zu meinem Haupterwerb machen möchte, brauchen wir ein Grundstück.« Also begannen sie zu sparen.

Monatelang außer Gefecht

Zunächst startet Jules 2013 aber als Hauptschullehrerin. Der Job macht ihr Spaß, sie hat ein gutes Verhältnis zu den Schülern. Doch schon zwei Jahre später wird sie gegen ihren Willen an eine Grundschule versetzt. Gleichzeitig hat ihr Sohn innerhalb kurzer Zeit vier akute Operationen. An der neuen Schule findet sie sich mit 120 Erstklässlern zum Sportunterricht wieder. An den Nachmittagen will sie einfach nur ihre Ruhe, um von dem Lärmpegel runterzukommen.

Auch die Suche nach einem Grundstück läuft alles andere als glatt. Sie bekommen die Zusage für ein Freizeithaus mit 3000 Quadratmetern Garten, trotzdem wird das Objekt an eine andere Familie vergeben. Als alles zu viel wird, streikt Jules’ Körper. Ein Tinnitus setzt sie vier Monate außer Gefecht. Danach lässt sie sich beurlauben. »Ich wollte nicht für andere Kinder da sein und meine dafür vernachlässigen.« Und so nimmt sie die Zügel für ihr Leben selbst in die Hand. »Ich wollte einfach nur raus. Und es war wie ein Wunder: Mit dem Tag, als ich diese Tür geschlossen habe, ging eine andere auf.«

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Experimentierfreudig
Ein bisschen wild sieht es aus, wenn Jules ein neues Kräuterprodukt entwickelt, wie hier ein Pulver aus Minze, Matcha und Brennesselsamen für einen Kräuter Chai Latte. Die Rezeptur verrät die Kräuterfee auf ihrem Blog mit Video.
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Die Stadtfarm wächst

Einen Tag nach der Kündigung ihrer Lehrerstelle, erhält Jules eine Offerte vom Pharmakonzern Roche. Sie soll didaktische Module aufbereiten. Dafür muss sie nur einmal vor Ort filmen und kann dann alles am PC schneiden. Was das Grundstück anbelangt, entscheiden sich Jules und Chad für einen Plan B. Sie ziehen in eine zentral gelegene Miniwohnung. Diese ist direkt an das Actionhouse angeschlossen, wo sie ihre Einbauküche und Waschmaschine integrieren – eine Win-win-Situaton. Gleichzeitig kaufen sie sich ein tausend Quadratmeter großes Gartengrundstück. Das wird ihre Stadtfarm. Hier kann Jules ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Obwohl sie noch nie zuvor eine Bohrmaschine benutzt hat, baut sie einen Pavillon, ein Gewächshaus und schließlich ein Tiny House. Zwischenzeitlich ziehen die vier sogar dort ein. Auch Chad verwirklicht sich: Er findet Gefallen daran, als Hauptjob über Airbnb Gäste auf der Stadtfarm unterzubringen.

Ich möchte Natur und Leben wieder zusammenbringen.

Aus ihrer Anstellung als Lehrerin ist Jules ein blutiges Ekzem an den Händen geblieben – ausgelöst durch die häufigen Kreidehände. Da keine Handcreme hilft, stöbert sie in ihren Pharmazieunterlagen. Nach einigem Tüfteln hat sie eine Handbutter kreiert, die innerhalb von zwei Tagen das Ekzem verheilen lässt. Als sie das Rezept auf Instagram teilt, erhält sie überwältigendes Feedback. An Weihnachten bietet sie die Handbutter daraufhin online zum Kauf an. Innerhalb von einer Woche erhält sie Bestellungen im Wert von 500 Euro.

Jules fokussiert sich nun immer mehr auf Heilkräuter. Kurz vor Beginn der Coronapandemie startet sie eine Heilpflanzenschule als Onlinekurs und kreiert erste Teekollektionen. Allein durch Mund-zu-Mund-Propaganda wächst die Zahl der Anfragen und Kunden rasant. Sogar die ARD heuert sie für ein zehnteiliges Kurzformat an. »Durch den Lockdown ist die Sache dann durch die Decke gegangen«, erzählt sie. Inzwischen bietet Jules in ihrem Onlineshop eine breite Palette an Naturkosmetik, Tees und Kräutern an – vom festen Deo über Heilkräuter-Lernkarten bis zum Blütenmix für die Haut. Ihre Tees bereitet sie auch als Signature Blends für Unternehmen auf, die diese als Geschenke für Mitarbeiter und Kunden nutzen.

Angekommen

Auch ich bekomme meinen persönlichen Tee. Wir sind zurück im Actionhouse, das von Jules geleitet wird und inzwischen jeden Freitag als Coworking-Space offensteht. Hier kreiert sie auch ihre Produkte, hier zerpflücken wir, was wir gesammelt haben: Minze, Hibiskusblüten und Verbene. Aus dem hohen selbst gebauten Regal, das bis oben hin mit Ikea-Vorratsgläsern gefüllt ist, holt Jules noch Schamblüten für unseren »Wundertee«, der sich nach Zugabe von ein paar Tropfen Zitrone von tiefgrün in lila färbt. »Ich bin jetzt da angekommen, wo ich sein möchte«, resümiert sie. Dennoch hat sie noch viele Ideen im Kopf, zum Beispiel einen Aufbaukurs, bei dem sie Kräuterpädagogen ausbildet. Eine eigene Fernsehsendung ist im Gespräch. Und dann ist da noch der Traum vom eigenen Buch über »Unsere Seele und Naturprinzipien«. »Ich möchte die Natur und unser Leben wieder mehr zusammenbringen«, sagt sie. Ein kleines Stück die Welt verändern, das ist Jules’ Anspruch. Und wer sie erlebt, dem fällt es leicht, ihr das zuzutrauen.

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Julia Sentman

Wenn Katzen sieben Leben haben, muss Julia Sentman noch siebenmal mehr besitzen. Denn sie ist Pharmazeutisch-technische Assistentin, Lehrerin, Medienpädagogin, Bloggerin, Filmerin, Community-Organisatorin, Kräutermixerin, Designerin, Unternehmerin, Ehefrau und Mutter. Nach beruflichen Umwegen widmet sich die Heidelbergerin heute mit Leidenschaft vor allem der Herstellung von Naturkosmetik und der Wissensvermittlung rund um Heilkräuter. Ihr Herz schlägt dafür, Mensch und Natur wieder stärker zusammenzubringen.