Titus Lindl
Menschen statt Millionen
Titus Lindl fördert als Business Angel Start-ups, pfeift dabei aber auf herkömmliche Konzepte. Wichtiger als das Produkt ist für ihn die Person. Wie er Talente erkennt und fördert – und was Breakdance damit zu tun hat.
Willenskraft schlägt jede Begabung, sie ist wichtiger als alles andere.« Titus Lindl weiß, wovon er spricht. Mit seinen 44 Jahren kann er bereits auf Jahrzehnte an Coaching, Mentoring und Investment zurückblicken. Er ist ein sogenannter »Business Angel«, ein Investor, der junge Unternehmen wie Start-ups auf ihrem Weg zum Erfolg begleitet. Rund vierhundert Pitchdecks bekommt der Gründer von »Wegvisor« jedes Jahr zu sehen. Und er hat eine klare Vorstellung, was es zum Erfolg braucht – weil er den steinigen Weg dorthin kennt. Schließlich war Titus selbst einmal ein junges Talent.
Am 9. Juni 2006 war er am Gipfel seiner Leidenschaft angekommen. Aber nicht im Businessleben, sondern als Breakdancer. Zehntausende Zuschauer waren in die ausverkaufte Allianz Arena nach München gepilgert, Hunderte Millionen weltweit verfolgten die Eröffnungsfeier der FußballWeltmeisterschaft 2006 an den Bildschirmen und per Public Viewing. Ein persönliches Sommermärchen für Titus, denn hier konnte er vor einem gigantischen Publikum seine Künste unter Beweis stellen.
Als die Berliner Band »Seeed« die Zuschauer anheizt, gehört Titus zu der Breakdance-Gruppe, die daneben zwei Minuten und dreiundfünfzig Sekunden lang über die Rasenfläche wirbelt. Beim Höhepunkt, einem kollektiven Headspin, ist Titus groß im Bild zu sehen. Er dreht und dreht sich auf dem Kopf, ohne sich festzuhalten oder Schwung zu geben – und er scheint gar nicht mehr aufzuhören. Titus ist einer der ersten Europäer, der per Headspin mehr als hundert Umdrehungen ohne Pause schaffte, indem er die Technik bis ins Letzte perfektionierte. Vor dem kurzen Auftritt in München hatte er mit den besten Tänzern Deutschlands vier Wochen lang acht Stunden täglich trainiert, jede Bewegung saß im Schlaf.
Leidenschaftliche Besessenheit
Genau so, nämlich einfach verrückt, müsse jemand sein, der wirklich Erfolg haben will, sagt Titus heute. Er spricht dabei von einer »leidenschaftlichen Besessenheit«, von der jemand ergriffen sein müsse, der nach den Sternen greift. Nach Exzellenz. Nach wirtschaftlichem Erfolg. Oder eben nach sportlichen Höchstleistungen. Titus ist natürlich älter geworden, im Breakdance ist er inzwischen ein »Opa«, wie er selbst sagt. Nur eine Linie am Kopf verrät, dass er sich einst wie ein Kreisel um die eigene Achse drehte. Doch bis heute ist die Leidenschaft geblieben, sich vor allem um den Nachwuchs zu kümmern, in Sachsen, aber auch bis ins Nationalteam.
Rund vierhundert Pitchdecks erlebt Titus jährlich.
Doch Titus' Leidenschaft liegt nicht nur im Sport an sich. Sondern auch in Investments. Die können finanzieller Natur sein. Vor allem aber investiert der Business Angel in Menschen. Und das schon seit vielen Jahren. »Fünf Dinge machen mich aus: Ich bin happy Husband, Breakdancer, Jesus Follower, People Developer und Investor.« Titus wirkt ganz und gar unprätentiös, er trägt ein lockeres Hemd, sucht sich ein Plätzchen auf der Couch im heimischen Wohnzimmer, wo er besseren Netzempfang hat. Im Hintergrund hängt ein großformatiges Gemälde, das ein Löwenpaar zeigt, darüber sind Tauben zu sehen. Die Löwen sollen ihn und seine Frau darstellen, die Tauben den Heiligen Geist. Wer es erstellt hat? »Ich, im Stil des Kubismus.«
Kapitalismus? Sozialismus? Jesus!
Mit Annett ist er seit 29 Jahren zusammen, seit 24 Jahren verheiratet. Er wusste sofort, dass er sie heiraten würde – das war noch, bevor sein Leben eine entscheidende Wendung nahm. Titus stammt aus Glauchau, nahe Chemnitz, und ist »sozialistisch sozialisiert«, wie er selbst angibt. »Das hieß bei uns ganz stark, dass wir Dinge kollektiv tun, Verantwortung übernehmen, gemeinsam trainieren, besser werden als der kapitalistische Westen.« Er muss schmunzeln, wenn er das sagt. Nach dem Fall der Mauer lernte er den Kapitalismus kennen. »Das war plötzlich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Auf einmal ging alles.« Dieses »Alles« war für Titus zu viel, die Enge des Sozialismus zu wenig. Beide Systeme wirkten auf ihn unvollkommen, also machte er sich auf die Suche nach einer Antwort auf den Sinn des Lebens, die ihn mehr überzeugte. Damals, im Jahr 2000, stieß er auf einen Bibelvers: »In Jesus Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.« Titus machte einen Deal mit Gott: »Ich folge dir jetzt mal nach, und du gibst mir die Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.« Er schloss sich einer Gemeinde an und wollte dort direkt predigen. Doch die Kirchenverantwortlichen sagten ihm, dass das so einfach nicht sei. Schließlich sei er zu jung und habe das noch gar nicht gelernt.
Andere würden vermutlich klein beigeben. Doch in Titus steckte ein besonderer Ehrgeiz – und ein Gründergeist. Er schloss sich mit zwei Studienkollegen zusammen und sie gründeten kurzerhand eine Hausgemeinde. »Wir waren plötzlich Pastoren, ohne zu wissen, was wir tun. Ein Start-up eben, wir hatten Bock, was zu machen«, erinnert er sich. »Unsere Hauptfrage war: Was passiert, wenn wir das ernst nehmen, was die Bibel sagt?« Sie knüpften Kontakte in der Mensa, schlicht, weil sie vor dem Essen beteten. »Bei dem Fraß kann es sicher nicht schaden, vorher zu beten«, entgegnete Titus oft auf irritierte Reaktionen – und kam dann über den Glauben ins Gespräch, lud seine Kommilitonen in die Hausgemeinde ein. Es dauerte nicht lange, bis daraus drei Hausgemeinden entstanden und zahlreiche Menschen zum Glauben kamen und getauft wurden.
Schon damals legte Titus Wert darauf, Menschen zu fördern. Fünfzehn Eins-zu-eins-Gespräche habe er damals pro Woche mit Menschen aus der Gemeinde geführt, die er als Mentor förderte. Auf die Frage hin, wie viele Menschen er im Sport, der Kirchengemeinde und im Business gefördert habe, muss Titus spontan lachen. Unzählige seien es gewesen – auf jeden Fall im vierstelligen Bereich.
Investments in Menschen
Nebenbei gründete er während des Studiums sein erstes Unternehmen. Mit vier Freunden bastelte er an gedruckter Elektronik. Er spricht von einer sehr frühen Form des 3-D-Drucks, mit dem man in einem normalen Offsetverfahren elektronische Bauteile auf Papier drucken konnte. »Wir konnten Speicher drucken, Lautsprecher, Transistoren, Ringoszillatoren«, und zwar mit druckbaren elektronischen Funktionsmaterialien aus konjugierten Polymeren, kurz »Pedot«, für deren Entdeckung 2000 der Nobelpreis verliehen wurde. Heutige flexible Displays basieren auf diesen Technologien. Das Start-up sahnte mehrere nationale und internationale Preise ab. Nach zwei Jahren stieg Titus aus und ließ sich ausbezahlen, nachdem er den Eindruck hatte, dass Gott das so wolle.
Wir waren plötzlich Pastoren, ohne zu wissen, was wir tun.
Bereits in jungen Jahren hatte Titus ein gewisses finanzielles Polster aufgebaut, das ihm unternehmerische Möglichkeiten eröffnete. Andere werden nach solchen Erfolgen träge und leben als Privatier oder gründen mit dem Geld ihr nächstes Techunternehmen. Für Titus ging es anders weiter. Zum einen war er bis dato an 180 von 220 Arbeitstagen nicht zu Hause – uns das belastete seine junge Ehe. Zum anderen wusste er, dass es seine eigentliche Berufung war, Talente zu fördern. »Ich hatte damals schon das Gefühl, dass Gott mich zu einem Wegweiser macht.« Von da war es nur ein kleiner Schritt zur Gründung von »Wegvisor«, mit dem Titus heute Unternehmen begleitet und in Start-ups investiert. »Ich will, dass andere Menschen den Weg erkennen, den Gott für sie vorgesehen hat«, fasst er seine Berufung zusammen.
Dazu zieht Titus den »Cashflow-Quadranten« des Unternehmers und Autors Robert Kiyosaki und dessen vier Arten, Einkommen zu generieren, zurate: der Angestellte, der Geld für seine Arbeitszeit erhält, der Selbstständige, der zwar mehr Freiheit hat, aber immer noch für sein Geld direkt arbeiten muss, der Unternehmer, der ein skalierbares System
Geschichte wird mit Menschen geschrieben.
geschaffen hat, aus dem er Einkommen gewinnt, und schließlich der Investor, der sein Geld für sich arbeiten lässt. Die meisten, die diesen Ansatz nutzen, wollen reich werden, indem sie möglichst schnell in die Quadranten der Unternehmer und Investoren wechseln. Ganz fremd ist Titus dieser Gedanke nicht. Aber: »Ich bin ein Investor, der in Menschen investiert, die wiederum in Menschen investieren. Damit multiplizierst du – und das ist die höchste Form des Schaffens.«
Yes, we can!
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KaufenPerson wiegt mehr als Produkt
Und darin ist Titus überaus fleißig. Neulich habe er mit seiner Frau zusammen ausgerechnet, wie viel Zeit er ehrenamtlich in viele unterschiedliche Projekte investiert. Sie kamen auf 645 Stunden pro Jahr, also gut dreieinhalb Monate Arbeitszeit. Aber auch bei »Wegvisor« arbeitet Lindl nach wie vor mit höchstem Einsatz. Doch wie erkennt man eigentlich ein Talent, bei dem es sinnvoll ist, Zeit und Geld zu investieren?
In »Die Höhle der Löwen« werben Jungunternehmer um die Gunst von finanzstarken Investoren. Wer das beste Produkt hat, bekommt dabei in der Regel den Zuschlag. Dieses Denken ist Titus fremd. »Die Person ist viel wichtiger als ihr Produkt. Wir investieren lieber in Personen, weil Geschichte mit außergewöhnlichen Menschen geschrieben wird.« Es sei leichter zu erkennen, ob jemand wirklich für seine Idee brenne. Ein Unternehmer müsse bereit sein, Opfer zu bringen, harte Wegstrecken zu überwinden und immer wieder dazulernen. Ein besonderer Faktor dabei ist laut Titus die »Gunst«, die einen Menschen umgibt. Erfolgsmenschen umgebe oft eine besondere Aura, die auch andere dazu bringe, ihnen zum Erfolg zu verhelfen. Dennoch sei ein Investment immer ein Wagnis, eine Erfolgsgarantie gebe es nicht.
Beim Investieren hat Titus stets eine alte Weisheit des mittlerweile verstorbenen Investmentgurus André Kostelany vor Augen, der sagte: »Ich habe hundertmal gewonnen und hundertmal verloren. Aber von der Differenz konnte ich gut leben.« Diese Weisheit offenbare mehrere wesentliche Dinge: Keiner habe die Erfolgsformel, denn Gewinnen und Verlieren gehöre zum Geschäft. Vielmehr hätten Konstanz und kluge Entscheidungen Einfluss auf die Bilanz.
Talente findet man eben nicht leicht. Das wird im Gespräch mit Titus klar. Aber eines haben sie gemeinsam: Sie sind leidenschaftlich besessen von ihrer Idee.
Titus Lindl
Der Gründer und CEO von »Wegvisor« begleitet als Business Angel junge Unternehmen in frühen Phasen ihres Schaffens – mit Kapital und inhaltlicher Unterstützung. Das Hauptziel ist für Titus aber nicht, Geld zu verdienen, sondern das Investment in Menschen, die wachsen, ihre Berufung erkennen und wieder in andere Menschen investieren. Er ist seit 24 Jahren verheiratet und lebt mit seiner Frau in Chemnitz.