Alan Barnhart
Warum verschenken Sie die Hälfte des Gewinns, Herr CEO?
Für Barnhart Crane & Rigging ist keine Aufgabe zu schwer – und zwar im wörtlichen Sinn. Der führende US-Kran- und Schwertransportkonzern wird von CEO Alan Barnhart gelenkt, gehört aber nach dessen Aussagen keinem Geringeren »als Gott selbst«.
Herr Barnhart, ich besaß als Kind einen kleinen Kran. Was war Ihr Lieblingsspielzeug?
Ich spielte immer gerne im Wald. Ich hatte eine Axt und liebte es, Holz zu hacken. Zudem begeisterten mich Rucksacktouren.
Sie sind in einer Unternehmerfamilie groß geworden. Haben Ihre Eltern beim Mittagstisch oft übers Geschäft gesprochen?
Klar, aber auch über anderes. Ich war zehn Jahre alt, als meine Eltern ihr Unternehmen gründeten. Mein Bruder und ich packten an den Wochenenden und in den Ferien oft mit an.
Ich wollte in ein Entwicklungsland auswandern, da riefen die Eltern an.
Gott war kein Thema am Familientisch?
Kaum. Meine Eltern besuchten manchmal eine Kirche, aber vor allem aus Traditionsgründen.
Heute fallen Sie damit auf, dass Sie Ihr Unternehmen bewusst »nach christlichen Grundsätzen« führen. Wie sind Sie überhaupt zum Glauben gekommen?
Ich wurde mit sechzehn Jahren an der High School auf Jesus aufmerksam. Das hat mich zu einer Auseinandersetzung mit der Bibel angetrieben. Manche Leute wollen Gott durch die Wissenschaft ersetzen. Aber bei mir war das Gegenteil der Fall. Je mehr ich an der Uni- versität über das Universum erfuhr, desto mehr erkannte ich, dass es auf den Schöpfer hinweist. Und als ich mich mit Jesus, seinem Leben, seinem Tod, der Auferstehung und deren Auswirkungen auf seine Nachfolger befasst hatte, schien es mir logisch zu sein, dass sich der Schöpfer offenbaren wollte. Der christliche Glaube bietet Antworten auf die großen Fragen des Lebens: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Die Hypothese, dass die Welt aus dem Nichts entstanden ist, er- fordert einen größeren Glaubenssprung als mein Glaube.
Haben Sie schon daran gedacht, Pfarrer zu werden?
Ja. Als ich aus dem College kam, rieten mir ein paar Freunde zum Theologiestudium. Ich dachte ernsthaft darüber nach. Dann bin ich zum Schluss gekommen, dass nicht alle, die Jesus nachfolgen wollen, in einer Kirche arbeiten können. Auch die Arbeit in einem Unternehmen kann eine Art Gottesdienst sein. In der Bibel heißt es: »Alles, was ihr tut, das tut für den Herrn.« Ich habe nun mal mehr Talent fürs Geschäft erhalten. Darum diene ich Gott im Geschäft.
So kam es, dass Sie mit Ihrem Bruder Eric das Geschäft Ihrer Eltern übernahmen ...
Meine Frau und ich dachten darüber nach, als Entwicklungshelfer in ein Drittweltland zu gehen. Da sagten uns meine Eltern, dass sie mit einem Segelboot die Welt umschiffen würden. Das stellte uns vor die Wahl: Entweder mussten wir das Familienunternehmen verkaufen – oder es weiterführen. Mein Bruder und ich entschlossen uns, den Betrieb in die Zukunft zu führen. Er hatte etwa zehn Angestellte.
Seither ist das Unternehmen um mehr als das Hundertfache gewachsen!
Ja, wir beschäftigen etwas mehr als 1500 Leute.
Was ist das Geheimnis dieser Wachstumsstrategie?
Ganz einfach: Gott hat beschlossen, unser Unternehmen zu segnen. Seine Strategie war es, dass wir gute Leute einstellen würden. Gute Leute ziehen gute Leute an. Außerdem haben wir stets nach Chancen Ausschau gehalten. Wir haben keine fixe Entwicklungsstrategie in der Tasche, sondern prüfen jede Möglichkeit am Markt. Darüber hinaus fühlen sich viele Menschen von unserem Motto angezogen: Unsere Firma will nicht die Besitzer reicher machen, sondern anderen helfen.
Auch unter Geschwistern kann es Rivalitäten geben. Wie haben Sie die Rollenverteilung mit Ihrem Bruder geregelt?
Bei uns ergab sich das ganz natürlich: Mein Bruder ist ein Genie der Mechanik. Er ist das brillante Hirn hinter den Ausstattungen und Instrumenten, die uns einen Vorsprung verschaffen. Heute schult und coacht er jüngere Menschen, die von ihm lernen. Aber mein Bruder ist kein Managertyp – das ist eben meine Rolle.
Barnhart Crane wickelt immer wieder Hochrisikoprojekte ab, auch im nuklearen Bereich. Was war das spektakulärste Unterfangen?
Wir mussten nach einem Hurrikan, der 1800 Todesopfer forderte, mithelfen, eine Highway-Brücke an der Golfküste so rasch wie möglich zu reparieren. Der Ausfall der Brücke führte zu Verkehrsunterbrüchen mit massiven wirtschaftlichen und sozialen Folgen. Wir setzten mit verschiedensten Systemen alles daran, um den Bauprozess zu beschleunigen. Das war herausfordernd – aber sehr erfüllend!
Sie haben sich vertieft damit auseinandergesetzt, was die Bibel übers Business lehrt. Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?
Gott liebt uns. Und es gibt einen Weg, um mit ihm eine Beziehung zu pflegen – durch Jesus. Außerdem lehrt die Bibel das Verwalterprinzip. Alles, was wir haben, kommt von Gott und gehört Gott. Wir sind nicht Besitzer, sondern Verwalter der Güter Gottes. Reichtum kann eine Gefahr darstellen, hat Jesus gesagt. Wer exzessiv viel Geld verdient, muss vorsichtig sein. Jesus warnte: »Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden an seiner Seele nimmt?«
Haben Sie Angst davor?
Das löst schon Respekt aus. Die Bibel erzählt eine Geschichte von einem reichen Mann, der so viel erntete, dass die Ernte nicht in seinen Scheunen Platz hatte. Er hätte seinen Überfluss großzügig verschenken können. Stattdessen baute er größere Scheunen. Er wollte alles für sich selbst bunkern. Da sagte Gott zu ihm, er sei ein »Narr«. Er werde ihn nun von der Erde wegnehmen. Wer würde dann alles erhalten? Jesus forderte uns auf: »Sammelt nicht Güter auf der Erde, sondern investiert in den Himmel.«
Ist das der Grund, warum Sie und Ihr Bruder sich entschieden haben, fünfzig Prozent Ihrer Einkünfte zu verschenken? Das ist das Kontrastprogramm zum Shareholder-Value-Prinzip!
Klar, unser Prinzip macht nur Sinn, wenn man an einen allmächtigen Gott glaubt. Uns erscheint es sinnvoll, Projekte zu unterstützen, von denen wir denken, dass sie dem Willen Gottes entsprechen. Das hat sich bisher bewährt: Der Wert unseres Unternehmens ist so hoch, als hätten wir nie gespendet. Es hat wohl viel mehr von Gottes Wirken profitiert als von unseren Fähigkeiten.
Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Stiftung?
Wir streben zweierlei an: Wir sind in ungefähr fünfzig Städten in den USA präsent und möchten dort positiv Einfluss nehmen. Darüber hin- aus helfen wir mit unserem Gewinn dort, wo es weltweit am nötigsten ist. Wir fokussieren uns auf vier Gegenden: Südostasien und Indien, Westafrika, der Mittlere Osten sowie Nordafrika. Dort finden sich am meisten Armut, Unterdrückung und Verfolgung anders Gesinnter. Zudem fehlt der Zugang zum christlichen Glauben und zur Bibel. Wir denken, dass diese Faktoren zusammenhängen. Und wir wollen Menschen ganzheitlich helfen, ihr Leben nachhaltig zu verbessern. Dazu unterstützen wir karitative Organisationen, die Menschen dazu befähigen.
In der Regel verdient ein CEO das Hundertfache eines Angestellten.
Befürchten die Angestellten nicht, dass Ihre Großzügigkeit auf Kosten einer Lohnerhöhung gehen könnte?
Da müssen wir differenzieren: Wir bezahlen marktgerechte Löhne und Boni! Wir verschenken nicht Geld, das unseren Angestellten zu- steht. Allein einen Teil des Gewinnüberschusses verschenken wir an Notleidende. Die allermeisten unserer Angestellten identifizieren sich vollkommen mit unserer Praxis – auch wenn sie mit dem christlichen Glauben nichts am Hut haben.
Das hat wohl auch damit zu tun, dass Sie persönlich mit gutem Beispiel vorangehen.
Es ist ein großer Fehler, einen Lebensstil zu pflegen, der einen von den Angestellten trennt. Für mich beginnt das bei meinem Lohn. Normalerweise verdient ein CEO das Hundertfache eines Angestellten. Meine Kompensation ist vielleicht doppelt so hoch wie jene eines Durchschnittsangestellten. Damit muss ich nicht darben. Ich genieße einen wundervollen, aber relativ bescheidenen Lebensstil.
Was bedeutet Luxus für Sie?
Also ich lese gerade ein Buch über John D. Rockefeller, der von 1839 bis 1937 lebte und damals der reichste Mann der Welt war ...
Und?
Trotz seines Reichtums besaß Rockefeller weder einen Fernseher, noch hatte er Internet und Smartphone. Luxus ist zum Beispiel, sauberes Wasser zum Trinken zu haben. Diesen Komfort hatten Menschen vor über hundert Jahren noch nicht. Die besten Dinge im Leben sind gratis: etwas mit der Familie unternehmen zu können, Gespräche zu führen, gemeinsam zu lachen. Historisch betrachtet, leben wir in einer Zeit voller Luxus – aber unsere Gesellschaft ist nicht zufriedener. Die Bibel sagt: »Zufriedenheit ist ein großer Gewinn.«
Wie lernt man Zufriedenheit?
Du wirst zufrieden, indem du genießt, was du hast. Viele Leute jagen jahrelang dem materiellen Glück nach, bis sie merken, dass es sie nicht glücklich macht. König Salomo, einer der reichsten Menschen aller Zeiten, erkannte am Ende seines Lebens , dass »alles eitel«, also umsonst, sei.
2008 haben Sie und Ihr Bruder einen revolutionären Schritt gewagt. Sie übergaben Ihr Unternehmen »voll und ganz Gott«. Was bedeutet das aus organisatorischer Sicht?
Eigentlich haben wir uns schon 1986 dafür entschieden, das Unter- nehmen Gott zu geben. Aber bis 2008 besaßen mein Bruder und ich alle Aktien daran. Dann beschlossen wir, diese in eine gemeinnützige Stiftung einzubringen. Somit sind wir nicht mehr deren Besitzer. Aber wir führen die Firma weiterhin mit Leidenschaft. Die Stiftung gewährleistet, dass die Gewinne notleidenden Menschen zukommen – und wir könnten diese Haltung nächsten Generationen weitergeben.
Wie haben Ihre Freunde, Berater und Banken reagiert?
Einige dachten, wir seien verrückt. Unsere ersten Berater wollten uns die Idee ausreden. Aber für uns handelte es sich nicht um einen radikalen Schritt, sondern um einen konsequenten. Er hat keine negativen, sondern positive Auswirkungen auf mein Leben. Ich spüre den Frieden, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Finden Sie denn auch Nachahmer unter Unternehmern?
Schon einige. Es gibt sehr viele Gründe, ein Unternehmen in eine Stiftung einzubringen. Erstens kann viel Geld der Entwicklung von Menschen schaden. Zweitens gibt eine Stiftung den Mitarbeitern die Sicherheit, dass das Unternehmen eine Zukunft hat. Drittens lassen sich Erbschaftssteuern vermeiden, wenn der Eigentümer stirbt.
Unsere ersten Berater dachten, wir seien verrückt geworden.
Manchmal verschenken Sie eine Million Dollar im Monat. Wie stellen Sie sicher, dass Geld sinnvoll eingesetzt wird?
Wir müssen sehr vorsichtig sein, wenn wir Geld verschenken, denn das kann auch Schaden anrichten. Das Buch »When helping hurts« zeigt das auf. Wir treffen deshalb unsere Spendenentscheidungen im Team, nicht allein. Involviert sind etwa achtzig Menschen unseres Unternehmens. Verschiedene Gruppen konzentrieren sich auf spezifische Probleme in definierten Weltteilen. Sie evaluieren dort Partner vor Ort für uns. Bevor wir investieren, durchlaufen wir dieselben Prozesse, wie wenn wir ein Unternehmen kaufen würden. Wir investieren in Organisationen. Dazu müssen wir ihre Führungsprinzipien, ihre Strategie und ihre Erfolgsbilanz verstehen. Wenn uns diese solide erscheinen, starten wir mit einer kleinen Investition – und schauen, ob sie sich bewährt.
Was sagen Ihre Kinder zu Ihrem Engagement? Es reduziert doch ihr Erbe!
Wir haben sechs Kinder. Und laut Bibel sollte man seinen Kindern ein »reiches Erbe« hinterlassen. Wir geben unseren Kindern ein Erbe an Glauben, Arbeitsmoral und Bildung. Früher war es Sitte, Land zu hinterlassen. Die Kinder mussten hart arbeiten, um vom Landertrag überleben zu können. Den Kindern zu viel Geld zu geben, ohne dass sie arbeiten müssen, würde ihnen schaden. Ein Sprichwort sagt: »Du sollst das Kind für den Weg vorbereiten, nicht den Weg für das Kind.« Ich bin so froh, dass meine Eltern mich mit Hindernissen kämpfen ließen. Viele Leute wollen ihre Kinder nicht scheitern sehen. Sie schaden ihnen dadurch. Kinder müssen gewisse Konsequenzen ihres Handelns erleben. Unsere Kinder fühlen sich nicht betrogen. Ich denke, sie schätzen es, dass wir es ihnen erlauben, zu »kämpfen«.
Einer Ihrer Söhne arbeitet auch für Barnhart Crane. Wird er einmal in Ihre Fußstapfen treten?
Er ist 31 Jahre alt und arbeitet mit großen Kranen. Aber er ist nicht automatisch als mein Nachfolger vorgesehen. Vielleicht wird er die Firma eines Tages leiten – aber nicht wegen eines Geburtsrechts.
Hören Sie denn Gottes Stimme im Alltag?
Nicht hörbar. Ich lese täglich in der Bibel, sie zeigt mir, wie Gott tickt. Und ich bete jeden Tag, ich höre Gesprächen zu, die andere Menschen führen, und ich habe Freunde, mit denen ich mich austausche. All das hilft mir, Gottes Weisungen zu erkennen.
Ihre Eltern gingen als Aussteiger auf Segeltour. Klingt das auch für Sie attraktiv?
Ich habe segeln gelernt – aber nein. Nach 35 Jahren im gleichen Job habe ich schon daran gedacht, eine Auszeit zu nehmen. Mich würde eine Tour mit dem Rucksack mehr reizen: der Appalachen-Trail, der 3500 Kilometer lang ist. Aber im Moment fühle ich, dass ich Verantwortungen habe, die ich weiterhin übernehmen muss, bis ich sie einmal abgeben kann.
Alan Barnhart
Schon im Highschool-Alter arbeitete Alan Barnhart (60) in den Sommerferien als Eisenarbeiter und Kranführer auf dem elterlichen Betrieb in Memphis, Tennessee. Später studierte er Bauingenieur, bevor er Barnhart Crane & Rigging mit seinem Bruder Eric übernahm. Heute ist er CEO eines der größten Kran- und Schwertransportunternehmen in den USA mit rund 1500 Angestellten. Alan und sein Bruder spenden 100 Prozent ihres Unternehmens für wohltätige Zwecke. Sie haben es in einer Stiftung untergebracht. Er und seine Frau Katherine haben sechs erwachsene Kinder.