Melanie Duchene
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Karin Keller-Sutter

Wem vermitteln Sie Hoffnung, Frau Bundesrätin?

Reden halten, Akten studieren und immer wieder Besprechungen. Die Agenda der Schweizer Bundesrätin Karin Keller-Sutter ist von früh bis spät durchgetaktet. Dennoch lässt sie sich nicht stressen.

Stephan Lehmann-Maldonado
Stephan Lehmann-Maldonado
4 min

Frau Bundesrätin, als diplomierte Dolmetscherin haben Sie ein geschultes Feingespür für Sprachen. Welches ist Ihr Lieblingswort?

Es geht nicht nur um wichtige Worte, sondern um Überzeugungen und Werte. Aber ich würde sagen: »Demut« und »Gelassenheit« – das sind zwei wichtige Begleiter meiner Arbeit.

Was meinen Sie damit?

Auch wenn ich mich mit meiner Arbeit identifiziere, versuche ich ständig, eine gewisse Distanz dazu zu wahren. Mein Amt als Bundesrätin ist mir auf Zeit gegeben. Ich werde eines Tages gehen, die Institutionen aber werden bleiben. Demut bedeutet für mich also, Freude und Engagement in die Arbeit zu legen, ohne mich als Person ins Zentrum zu rücken. Gelassenheit wiederum heißt, den eigenen Erfolgen und Rückschlägen mit einer möglichst guten Balance aus Nähe und Distanz zu begegnen. Denn wer sich mit eigenen Projekten überidentifiziert, kommt nicht weit und verliert zu viel Kraft und Energie. Er ist nicht kompromissfähig.

Wer sich allzu sehr mit Projekten identifiziert, kommt nicht weit.

Ihre Eltern führten ein Restaurant. Politisieren haben Sie nach eigenen Aussagen am Stammtisch gelernt. Was war die wichtigste Lektion daraus?

Man kann kein Geld verteilen, bevor es verdient ist: Das war die wichtigste Lektion, die ich dort gelernt habe. Meine Eltern haben von morgens früh bis abends spät gearbeitet, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie lebten uns Selbstständigkeit und Unabhängigkeit vor. Im Restaurant lernte ich, alle Gäste gleich zu behandeln und sich für sie und ihre Geschichten und Probleme zu interessieren. Auch in der Politik müssen einen die Menschen interessieren und man muss ihnen konzentriert zuhören, auch jenen, die anderer Ansicht sind. 

Sie machen kein Geheimnis daraus, dass Sie zwei Fehlgeburten erlitten haben. Was hat Ihnen die Kraft gegeben, mit dem Verlust umzugehen?

Das waren sehr aufwühlende Momente. Mein Mann und meine Familie haben mich sehr gestützt. Sie waren einfach immer für mich da. Noch heute spüre ich manchmal eine leise Wehmut. Doch ich habe es akzeptiert. Man sollte nicht zurückschauen, sondern die neuen Chancen sehen, die jede Lebenssituation bietet. Heute weiß ich längst, dass das Leben für mich etwas anderes bereitgehalten hat. Und ich halte mich für sehr privilegiert, wenn ich sehe, was ich bisher alles erleben durfte.

Welche Hoffnungen geben Ihnen Auftrieb, wenn Sie unter Druck stehen?

Mit meinem Mann habe ich gelernt, was den Reichtum des Lebens ausmacht. Am Ende bleiben Beziehungen, Freundschaften und die Liebe. Beziehungen zu Menschen geben mir Hoffnung und Kraft. Dazu gehören auch wildfremde Menschen, die mich auf der Straße ansprechen und mir danken für das, was ich tue. Das freut mich immer sehr. Auch in der Natur tanke ich Kraft. Wenn immer es möglich ist, gehe ich in den Wald und versuche, den Kopf freizubekommen. In der Natur kommen mir oft neue Ideen - auch, um schwierige Situationen im Bundesrat zu lösen.

Gerade im Zeichen von Covid-19 scheinen viele Menschen zu resignieren und teilweise auch das Vertrauen in die Politik zu verlieren. Was erachten Sie als Ihre wichtigste Aufgabe in dieser Zeit?

Wollen wir, dass die Menschen uns vertrauen, müssen wir wieder besser zuhören. Die Politik und all jene, die sie mitgestalten, dürfen nicht nur jenen zuhören, die sich auf der politischen Bühne gut artikulieren können, sondern auch der sogenannten schweigenden Mehrheit. Wir können es uns nicht leisten, die Stillen und Stummen auf der Strecke zu lassen. Schließlich leben wir in der Schweiz in einer direkten Demokratie. Wir brauchen Mehrheiten, um weiterzukommen. Die neuste Sicherheitsstudie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) aus diesem Sommer zeigt allerdings, dass das Vertrauen in die Institutionen in der Pandemie gestiegen ist, auch in den Bundesrat. Er steht an vierter Stelle, vor dem Parlament und der Wirtschaft. Das freut mich natürlich sehr. Aber für viele Menschen zählt weder die Statistik noch der genaue Wortlaut eines Gesetzes. Es kommt für sie vielmehr auf die Höhe der Rente, die Arbeitsstelle, die man nach der Krise noch hat, oder auf Covid-Impftermine an. Das ist entscheidend. Es sind konkrete Resultate, die Vertrauen schaffen.

Es sind konkrete Resultate wie die Rentenhöhe, die Vertrauen schaffen.

Können Sie uns eine konkrete Situation, privat oder beruflich, nennen, in der Sie anderen Menschen Hoffnung vermitteln konnten?

Ich setze mich zum Beispiel seit Jahrzehnten für die Opfer von häuslicher Gewalt ein. Das ist mit sehr wichtig. Bereits als St. Galler Regierungsrätin erreichte ich mit einer Gesetzesänderung, dass die Polizei – erstmals in der Schweiz – gewaltbereite Männer aus der gemeinsamen Wohnung wegweisen konnte. Ich bin überzeugt, dass solche politische Entscheidungen den Menschen Hoffnung geben. Seit vielen Jahren kümmere ich mich am Wochenende um meinen Schwiegervater. Ich koche für uns. Seit mein Bruder verwitwet ist, gesellt er sich auch dazu. Beide freuen sich die ganze Woche auf unsere Begegnung.

Karin Keller-Sutter

Karin Keller-Sutter

Schon mit 17 Jahren ist die Wirtstochter Karin Keller-Sutter (58) durch Europa getrampt. Aus der Liebe zu Sprachen hat sie ihren Beruf gemacht und sich als Dolmetscherin und Mittelschullehrerin ausbilden lassen. Zusätzlich studierte sie Politikwissenschaften in London und Montreal. Mit 29 Jahren startete sie ihre politische Laufbahn als Gemeinderätin und stieg von dort auf, bis sie 2018 zur Bundesrätin gewählt wurde. Als solche amtiert sie als Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements EJPD. Karin Keller-Sutter ist seit 32 Jahren verheiratet.