Dushan Wegner

Kille die leeren Floskeln

Dushan Wegner
Claudine Etter

Sie sind ein grausamer Gesprächskiller. Und doch greifen wir alle manchmal auf sie zurück – auf die leeren Floskeln. Doch mit jeder Floskel stehlen wir den Gesprächspartnern etwas Zeit und Nerven.

In einer Firma, in der Mitarbeiter mit Floskeln um sich werfen, wie der Kölner Karnevalsprinz am Rosenmontag die Bonbons (»Kamelle«) schmeißt, können Floskeln zur realen Gefahr werden.

Innovative Lösungen

»Innovativ« ist das Flaggschiff aller Businessfloskeln. »Innovativ« soll »erneuernd« bedeuten, oder schlicht »neu«. »Neu« bringt das Adrenalin zum Kochen, so hofft der Sprecher. (Was bedeutet eigentlich »Lösungen«? Will man gar implizieren, dass die Konkurrenz nur Probleme verkauft?) Das Floskelwort »innovativ« versteckt oft, dass vielleicht nur die Modell­nummer hochgesetzt wurde. Oder der Sprecher technisch unbedarft ist. Oder zu faul, die Produkteigenschaften zu lernen. Kurz: Streichen Sie »innovativ«. Sagen Sie erstens, was wirklich neu ist, und zweitens, wie es das Leben Ihrer Kunden verändert. Präzise ­Sprache ist stärker, als eine Floskel je sein kann.

Herausforderungen suchen

Wer den Mount Everest besteigt, sucht tatsächlich »neue Herausforderungen«. Wenn dagegen ein Arbeitnehmer »neue Herausforderungen sucht«, wurde ihm wahrscheinlich gekündigt – oder etwas anderes Unappetitliches. (Wenn er wirklich etwas Aufregendes gefunden hat, würde man es doch mitteilen.) Sagen Sie – so arbeitsrechtlich wie möglich – doch die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Etwa so: »Er arbeitet nicht mehr bei uns.« Fertig. Und wenn er wirklich etwas Besseres gefunden hat, also eine »Herausforderung«, dann seien Sie ruhig stolz auf Ihren Zögling. (Die Floskel für einen Aufstieg via Neueinstellung ist übrigens »experienced hire«.)

Ich bin da ganz bei Ihnen

Die Floskel »da bin ich ganz bei Ihnen« gehört zur Familie der pseudohöflichen Halbwahrheiten. Zwei der Geschwister sind »spannender Vorschlag« und »interessante Perspektive«. Der Floskelant hat keine Lust oder keinen Mut, dem Gegenüber zu offenbaren, wie schlecht dessen Idee wirklich ist. Also lässt er ihn zappeln. Das ist respektlos! Streichen Sie diese Hinhaltefloskeln. Sagen Sie dem Gesprächspartner, woran er ist. Wenn Sie mit einer Idee nichts anfangen können, stehen Sie dazu. Wenn die Idee einen Fehler hat oder politisch nicht umzusetzen ist, erklären Sie das. Kurzfristig mögen Menschen überrascht sein. Langfristig wird man Sie für Ihre Geradlinigkeit schätzen.

Wir nutzen Floskeln, um uns zu verstecken

Floskeln sind eine Mauer zwischen uns und den anderen. Wir setzen Floskeln ein, um uns zu verstecken. In Körpersprache-Trainings haben Sie vielleicht gelernt, dass Sie im Gespräch nicht die Arme verschränken oder ein Bein als Absperrung überschlagen sollten. Floskeln sind wie verschränkte Arme, nur als Sprache. Floskeln sind eine Mauer, hinter der Sie sich verschanzen. Vielleicht verstecken Sie sich aus Angst, vielleicht aus Faulheit. Immer aber kommt beim Gegenüber die Botschaft an, er hätte es »nicht wirklich« mit Ihnen zu tun.

Wovor verstecken wir uns?

Ein Ort, an dem wir besonders häufig Angst und Faulheit finden, ist – seien wir ehrlich – die Arbeitsstelle. Niemand ist jeden Tag voll motiviert, und doch will jeder seinen Job behalten. Es überrascht also nicht, dass in den Büros und Konferenzräumen unserer Unternehmen die Floskeln sprießen. Wer nichts sagt, der riskiert nicht, etwas zu ­sagen, was ihn den Job kostet. Floskeln sind ein höflicher Weg, »nichts« zu sagen. Doch eine Atmosphäre voller Floskeln kann für das Unternehmen gefährlich sein – und damit doch wieder die ­Arbeitsplätze bedrohen.

Unternehmen sollten gegen Floskeln vorgehen

Wenn Mitarbeiter meinen, mit Floskeln besser voranzukommen als mit einem klaren Wort, dann werden sie sich natürlich in Floskelnebel hüllen. Ein Projektleiter kann sagen, das vom Chef avisierte Ziel sei »sportlich«. Doch er meint, »es ist unerreichbar, ich muss nur noch denjenigen finden, dem ich die Schuld in die Büroschuhe schiebe«. Hinter der Floskel »sportlich« lauert also ein bereits abzusehender Schaden. Hinter der Floskel »es ist noch Luft nach oben« können sich bergab taumelnde Absatzzahlen verstecken. Und spätestens, wenn der Chef das berühmte »da sind wir dran« hört, sollten die Alarmglocken läuten. »Da sind wir dran« bedeutet oft das genaue Gegenteil – doch es beruhigt die Großkopferten so schön. Wenn die Verantwortlichen endlich mitbekommen, was hinter den Floskeln steckte, kann es zu spät sein. Sie sollten also erstens aus rein moralischen Gründen gegen die eigenen Floskeln vorgehen. Fragen Sie sich: Sage ich jetzt, was ich wirklich denke? Habe ich einen Grund, mich zu verstecken? Und zweitens sollten Sie dieselbe Frage Ihren Mitarbeitern stellen: Floskeln die Leute aus Angst oder aus Faulheit? Gehen Sie mit ehrlichem, offenem Beispiel voran. Klare Sprache macht Ihr Unternehmen stärker.

Was Floskeln anrichten

Es gibt eine dritte, ganz persönliche Motivation, Floskeln aus seinem Sprachschatz zu verbannen. Besonders die Floskeln, die man selbst sagt, verändern einen. Unsere Sprache formt unser Denken. Wer ungenau redet, wird ungenau denken. Wer aggressiv redet, wird sich auch sonst unnötig derb verhalten. Und wer sich hinter Floskeln versteckt, wird auch im Denken unnötige Mauern errichten. Jesus sagt: »Eure Rede aber sei ›Ja, Ja‹, ›Nein, Nein‹, was darüber ist, das ist vom Übel« (Matthäus 5,37). Jesus sagt das nicht, um Ihre Meetings effizienter zu gestalten. Er fordert Sie zu klarer Sprache auf, weil Ihre Sprache direkten Einfluss auf Ihr Denken hat. Es wäre philosophisch plausibel, Ihre Gedanken und Ihre Person (Ihr »Selbst«) gleichzusetzen. Sie sind Ihre Gedanken. Sie sollten nicht floskelhaft sein. Klären Sie, was Sie sagen wollen. Denn: Reden Sie klar, denken Sie klar.

Dushan_Wegner

Dushan Wegner
ist Publizist mit dem Spezialgebiet politische Sprache. Sein aktuelles Buch lautet »Talking Points – Die Sprache der Macht«.