Martin Schleske

Ein Himmel voller Geigen

Simon Jahn
Timm Ziegenthaler

Aus aller Welt reisen einige der renommiertesten Geiger nach Landsberg am Lech, um ein Instrument von Martin Schleske zu erstehen. Wie kaum ein anderer verbindet der Geigenbauer und Physikingenieur Handwerk und Wissenschaft – auf der Suche nach dem vollkommenen Klang. Ein Rundgang durch ein einzigartiges Atelier.

Ein dumpfer Duft von Holz hängt im Erdgeschoss des über 700 Jahre alten Hauses. Hinter der schaufensterähnlichen Scheibe posieren unter drei Glasglocken Geigen. Den Blick aber zieht unweigerlich ein Regal an der Rückwand des Raums auf sich. Es mutet repräsentativ an, wie ein Weinregal. Doch hier reiht sich Holzstück an Holzstück. Hunderte. Manche scheinbar frisch geschlagen, andere trockener, dunkel verfärbt. Hier lagern einige der besten Klanghölzer der Welt, geschlagen aus »Sängerstämmen«.

Es gibt nur einen Ort in Südtirol, an dem die Bäume stehen, die gut genug sind für die Instrumente aus diesem Haus. Fünfzig Meter hohe Bergfichten, die an der Baumgrenze auf 1800 Höhenmetern wachsen und einem rauen Klima trotzen. Doch selbst davon haben nur ein bis zwei von Tausend das Potenzial, eine Weltklassegeige hervorzubringen. Mehrmals im Jahr macht sich Geigenbauer Martin Schleske auf den Weg zu spezialisierten Holzhändlern, um neue »Rohdiamanten« zu finden. Der 52-Jährige prüft 3000 Hölzer auf ihren Klang, ihre Beschaffenheit, ihre Schallgeschwindigkeit, um dann vielleicht fünf auszuwählen. In seinen Anfangsjahren zog es Schleske teilweise noch selbst in die Berge. Einmal kämpfte er sich mit einem befreundeten Geigenbauer stundenlang durch kniehohen Schnee bis zur Baumgrenze. In ihrem Eifer, die Ersten zu sein und sich das beste Holz zu sichern, hatten sie die Schneeschmelze nicht abwarten wollen. Unerfahren und viel zu schlecht mit Werkzeug ausgestattet, sägten sie die mächtigen Bäume zurecht, stemmten sie mit Leibeskraft über einen Abhang in Richtung einer Felsspalte. Die bergab stürzenden Stämme hatten Schleske erstmals das Geheimnis der Sängerstämme verstehen lassen. Nur wenige der Hölzer erfüllten beim Aufschlagen das gesamte Tal mit einem tiefen, singenden Klang.

Frühe Leidenschaft

Der Klang der Geige faszinierte Schleske bereits im Kindesalter. Angespornt vom Vorbild seines Onkels, nahm er das Instrument schon mit sieben Jahren regelmäßig zur Hand und musizierte im Kreise der Familie. Der Geigenlehrer des interessierten Jungen hatte unter Herbert von Karajan und bei den Berliner Symphonikern als Solobratscher gespielt, bis ein Handbruch seine Karriere jäh beendete und er Dorfmusikschullehrer wurde. Ein Glücksfall für Martin Schleske. Von ihm lernte er die Leidenschaft, die Ehrfurcht, die Wertschätzung gegenüber Klang und Musik.

Die Werkstatt

Unter dem Schreibtisch von Martin Schleske, einer gusseisernen Werkbank, sammeln sich Holzspäne. Auf der Arbeitsplatte liegt im Licht einer alten OP-Lampe die Bratsche eines spanischen Kunden zur Inspektion. Bratschen baut Schleske nur selten, ab und zu auch mal ein Cello. Insgesamt haben bis heute über 250 Instrumente sein Atelier verlassen. Hier im ersten Stock gewinnt das Holz an Kontur. Schleskes Hand führt selbstgefertigte Wölbungshobel, Stemm- und Abstecheisen, Ziehklingen, Sägen, Bohrer, Zirkel sowie Feilen in allen erdenklichen Größen. Zehntelmillimeter sind entscheidend für den Klang des Instruments. Unablässig ist es darum für Schleske, auf das Holz buchstäblich zu hören – »den freien Klang, das Rauschen, das Mächtige«. So gewinnt er einen Eindruck von der Klangbeschaffenheit. Stille ist deshalb oberstes Gebot in der Geigenwerkstatt. 25 bis 30 Instrumente pro Jahr werden das Atelier dieses Jahr verlassen können. Die Zeiten, in denen der Meister die rund 200 Arbeitsstunden pro Instrument allein bewältigte, sind längst vorbei. »Das Zusammenspiel mit meinen fünf Mitarbeitern geht Hand in Hand. In manchen Arbeitsschritten, die extreme Geduld verlangen, sind sie mir sogar voraus«, erzählt er.

Für die unnachahmliche Handschrift seiner Instrumente führt aber an Schleske kein Weg vorbei. Sie brachte dem Geigenbauer nicht nur in Presse und Fachwelt Titel wie »Einer der wichtigsten lebenden Geigenbauer« (Strad Magazine) oder »am besten informierter und wissenschaftlich tätiger Geigenbauer der Welt« (Physikprofessor Eric J. Heller, Harvard University) ein. Weltweit renommierte Sologeiger schwärmen in den höchsten Tönen von ihm: »Ich hatte mein ganzes Leben mit den berühmtesten Violinen von Stradivari bis Montagnana, Guadagnini und Guarneri zu tun und kenne die als ›unnachahmlich‹ gepriesenen Geigen bestens! Aber was Sie da in einer vollkommenen Harmonie von Handwerk, Wissenschaft und dem Wesentlichsten, nämlich dem künstlerischen Wesen, geschaffen haben, ist für mich neu, noch nie da gewesen!«, sagt beispielsweise Mathias A. Freund, erste Violine der Münchner Philharmoniker.

Handwerk statt Kopfarbeit

Der Weg zu dieser Exzellenz an Klang war auch ein Stück weit Rebellion. Der Vater Professor, die Mutter Lehrerin, war der Zehntklässler des verkopften Lebens seiner Familie müde und brach kurzerhand das Gymnasium ohne Schulabschluss ab, um sich im oberbayerischen Mittenwald für eine Ausbildung zum Geigenbauer zu bewerben. Kein besonders aussichtsreiches Unterfangen bei einer Bewerberzahl von 1200 Leuten auf zwölf Plätze. Schleske schaffte es dennoch. Allerdings konnte ihm die Fragen, die ihm im Laufe der Ausbildung kamen, niemand beantworten: Wie baut man bessere Geigen als Stradivari? Und wenn das nicht möglich ist – warum nicht? Diese Fragen ließen dem jungen Mann keine Ruhe, sodass er das Abitur nachholte und Physik studierte. Schleske nutzte zudem die Gelegenheit, sechs Jahre lang im Akustikinstitut eines renommierten Klangforschers mitzuarbeiten, bevor er 1996 sein eigenes Meisteratelier für Geigenbau eröffnete.

Das Labor

Das Labor im zweiten Stock ist eingehüllt in eine dominante Wärme. Im Scheinwerferlicht von Wärmelampen drehen sich drei Geigen. Die Instrumente hängen nach den bis zu fünfzehn Anstrichen hier Stunden oder sogar Tage zum Trocknen. Apothekerfläschchen mit leicht vergilbten Etiketten stehen überall im Raum verteilt, gefüllt mit Lackharzen und anderen Chemikalien. Ein kleiner Arbeitstisch birgt allerlei Utensilien zum Lackieren der Instrumente: kleine elektrische Wärmeplatten mit Edelstahltiegelchen darauf, benutzte Rührbehältnisse mit Pinseln darin, verschmierte Fläschchen und Dosen stehen hier. Über Jahre hat Schleske rund 300 verschiedene Rezepturen getestet. Inzwischen hat er seine perfekte Lackmischung gefunden – nach einem alten Rezept aus Myrrhe, Bernstein und Matrixharz.

Beherzt betupft Schleske eine Geige mit einem großen Rundpinsel. Die Kreisbewegung entlockt dem Korpus einen Klang, der an den eines Jazzbesens auf einer Snare erinnert, nur etwas hölzerner. »Ein guter Kunde, Extremabenteurer, hat mir aus einer kaum zugänglichen Region in Neuseeland 50  000 Jahre altes Holz einer Kaurifichte mitgebracht«, erzählt er begeistert. Niemand hat bisher eine Geige aus solchem Holz gebaut. Und nicht einmal er, der es wie wenige andere vermag, dem Klang des Holzes zu lauschen, wagt es zu prognostizieren, wie das Instrument klingen mag.

Umstrittener Forschungsdrang

Das Labor dient Schleske nicht nur zum Lackieren. Verschiedene Messinstrumente, etwa ein Oszilloskop, stehen für Analysen bereit. In der Mitte des Raums hat er eine Vorrichtung konstruiert, mit deren Hilfe er die Resonanzprofile der Geigen mit eigens entwickelten Computerprogrammen misst. Dafür adaptierte Schleske die Modalanalyse, ein Verfahren aus der Raum- und Luftfahrttechnik. Diese Innovationsfreude auf der Suche nach dem vollkommenen Klang stößt allerdings nicht überall auf Begeisterung. Im Verband Deutscher Geigenbauer und Bogenmacher gibt es deutliche Vorbehalte dagegen, das Handwerk mit der Wissenschaft zu verbinden. Schleske sieht darin vor allem Konkurrenzängste, Neid und Borniertheit. »Es ist absurd, zu meinen, dass durch die Physik ersetzt werden könnte, was der Intuition vorbehalten ist und was Klang bedeutet«, sagt er. »Durch die Forschung ist meine Ehrfurcht vor dem Klang sogar gestiegen«, resümiert Schleske mit seinem stets konzentrierten Blick.

Der Klangraum

Eine Treppe führt hinauf ins offene Dachgeschoss. Die frei liegenden Balken verleihen dem weiten Raum eine rustikale Eleganz. Wenn ein Instrument alle 150 Arbeitsschritte durchlaufen hat, wird es hier erstmals zum Klingen gebracht – durch den Meister selbst. »Es ist ein aufregender Moment, beinahe wie Geburtswehen«, sagt Schleske. »Ob es ein großes Glück wird oder eine Enttäuschung, ist vorher nie ganz klar, aber wenn das Instrument gut ist, kann ich oft nicht mehr aufhören zu spielen, es macht süchtig.«

Wer eine Schleske-Geige sein Eigen nennen möchte, muss zuerst einmal nach Landsberg reisen und hier im Dachgeschoss vorspielen. Denn der Geigenbauer bietet seine Instrumente nicht frei zum Verkauf an, er vergibt auch keine festen Zusagen für Aufträge. Aus dem Spiel des Musikers liest Schleske vieles vom Charakter seiner Kunden. Denn erst, wenn er den Klang, die Seele einer neu gebauten Geige ergründet hat, entscheidet er, zu welchem Interessent das Instrument wirklich passt. Im besten Fall soll das geschehen, was ihm eine Geigerin aus Frankfurt neulich schrieb: Es sei unbeschreiblich, welche persönliche Entwicklung sie durch den Klang des Instruments erlebe. Sie höre in ihm nicht nur ihre eigene, sondern sogar die Stimme Gottes. »Diese Art von Gottesbegegnung im Klang ist für mich die tiefste Form von Anbetung«, sagt Schleske. »Wenn so etwas entsteht, kann man von einem vollkommenen Instrument sprechen.«

Das Schreibatelier

Überhaupt ist das Geigenbauen für Schleske ein großes Gleichnis für den christlichen Glauben. Er sieht seine Arbeit am Instrument als »Gebet der Hände«. Spiritualität und Schaffen gehören für ihn untrennbar zusammen. Und Schaffen bedeutet bei Schleske auch Schreiben. Auf einem schlichten Schreibtisch im Dachgeschoss liegt ein kleines Notizbuch. Hierin hält der Geigenbauer täglich Gedanken und Erkenntnisse fest, die ihm bei der stillen Arbeit am Instrument kommen. Oft fließen die Sätze regelrecht aus ihm heraus. »Es ist ein hörendes Schreiben, bei dem ich manchmal stocke, wenn nur noch Worte kommen wollen, die ich mir ausgedacht habe«, erläutert Schleske. »Dann sitze ich einfach und warte, was geschehen wird. Das ist das Schönste am Schreiben. Es ist die innigste Art zu beten, weil ich mich dabei noch intensiver zur Verfügung stelle als beim Geigenbau.« In mehreren Büchern hat Schleske seine spirituell-philosophischen Gedanken veröffentlicht – und damit die Bestsellerliste des »Spiegel« erobert.

Ein erstrittener Glaube

Die initiale Begegnung mit dem christlichen Glauben hatte Schleske im Alter von dreizehn Jahren, als er während eines Austauschbesuchs in Schottland auf einem christlichen Freizeitcamp landete. Mit Bibel und »einer regelrechten Jesusfreude« im Gepäck fuhr er nach Hause. Seine Eltern waren über die Veränderung alles andere als begeistert. Am Essenstisch lieferte sich der Jugendliche mit seinem Vater hitzige Diskussionen über den Glauben. Kraft suchte und fand Schleske im Bibellesen: Mit fünfzehn vergrub er sich bis zu drei Stunden täglich in die Heilige Schrift, weil ihn die Fremdheit, Schönheit und Weisheit der Texte so faszinierte und ihn beim Lesen »eine unglaubliche Stille« umgab.

Auch heute noch zieht sich Martin Schleske gern zurück, um in diese Stille einzutauchen. Eine gusseiserne Leiter führt dafür vom Dachgeschoss noch tiefer in die Spitze des Giebels hinein. Es ist eine kleine offene Gebetskammer. Hier stehen eine Holzliege, nicht zu bequem, damit man es sich darauf nicht zu gemütlich macht, und ein Gebetsbänkchen aus Burkina Faso. Das Beten hat eine lange Tradition im Gebäude des Geigenateliers. Über viele Jahrhunderte war es bereits als Gebetshaus genutzt worden – vom Orden der Beschuhten Karmeliter, von Teresa von Avila oder Johannes vom Kreuz. Das verleihe dem Haus einen besonderen Frieden. »Wenn ich an den verschiedenen Stellen hier sitze und arbeite, ist es wie ein Wasserfall frischer Luft, der von oben kommt – etwas Geisterfülltes, Kraftvolles, Frisches, das mir gleichzeitig Ruhe und Leidenschaft gibt.«

Ein unablässig Suchender

Ruhe und Leidenschaft – Martin Schleske liebt solche Gegensätze. Sie treiben ihn an auf seiner Suche nach dem vollkommenen Klang. Zufrieden gibt er sich nie. Doch er strebt nicht nach Perfektion, denn: »Der Perfektionist nimmt den Dingen das Leben, weil er es ihnen nicht erlaubt zu wachsen. Er meint, alles müsse am Ziel sein.« Schleske will sich vielmehr mit jedem neuen Instrument weiterentwickeln. Das erfordere auch den Mut, Fehler zuzulassen. »Wenn ich nie scheitern würde, wäre das für mich ein untrügliches Zeichen, dass ich zu feige gelebt habe. Ich hoffe, ich habe dann im Himmel noch mal viel Zeit zum Instrumentebauen, denn das Leben hier auf der Erde ist einfach zu kurz, um darin wirklich gut zu werden.«

Dieser unablässig suchende, ehrgeizige Charakter Schleskes spiegelt sich letztlich auch in seinen Instrumenten wieder. Seine Geigen seien dicht, erdig, körperhaft im Ton, hätten Tiefe und Ernsthaftigkeit, aber auch eine große Strahlkraft, so Schleske. Man müsse die Töne regelrecht kneten wie Ton, der zwischen den Fingern hervorquelle. Letztlich seien es Instrumente, die viel fordern und vor denen man auch Angst bekommen könnte. »Meine Geigen sind wie ein wildes Tier, das man bändigen muss. Wer ein Hauskätzchen sucht, der ist bei mir falsch.«

Simon_Jahn

Simon Jahn
ist Co-Chefredakteur vom gomagazin und teilt mit Martin Schleske die Liebe für das Aufeinandertreffen von Musik und Glaube.